POLITIK
10/12/2015 07:20 CET | Aktualisiert 15/12/2015 17:26 CET

Flüchtlingsklasse in Bad Tölz: Dieser Lehrer will Flüchtlingen Demokratie vermitteln

Alexander Niehusmann
Getty
Alexander Niehusmann

2015-12-08-1449555156-597177-ontour.jpg

Mit nur drei Stiften in seinen Händen will er den Kern unserer Gesellschaft erklären: Demokratie.

"Die Stifte sind grün, blau und rot. Jetzt kann ich wählen, welchen ich benutzen möchte.“ Alexander Niehusmann hält sie nach oben, damit sie auch jeder gut erkennen kann.

"Seht ihr, ich habe verschiedene Möglichkeiten. Ich habe es in meiner Hand. Das ist Demokratie.“

"Choose“, ruft ein syrischer Flüchtling auf Englisch aus der letzten Reihe und nickt stolz. Er hat verstanden, was der Lehrer ihnen erklärt hat.

Er ist einer von 25 Flüchtlingen, die Niehusmann unterrichtet. Die Asylbewerber sitzen im Schulungsraum im oberbayerischen Bad Tölz, vor ihnen steht der Lehrer neben einem Flipchart. Schwarzes Sakko, dunkelblaues Hemd. Auch bei der zwölften Wiederholung des Verbs "wählen“ spricht er langsam und laut, aber immer enthusiastisch. "Wiederholung ist der Schlüssel", sagt er.

Die Flüchtlinge hören ihm aufmerksam zu. 15 von ihnen kommen aus Syrien, die restlichen aus Eritrea. Aus Ländern, in denen es keine Demokratie, keine Freiheit gibt. Aus Ländern, in denen sie und ihre Familien verfolgt wurden - weil sie an den falschen Gott glauben oder den falschen Politiker unterstützen.

"Wer kennt unsere Bundeskanzlerin?“ fragt er die Klasse. Stille.

Bundeskanzlerin? Das haben sie noch nie gehört. Niehusmann erklärt, dass Angela Merkel die Bundeskanzlerin von Deutschland ist. Die Schüler nicken lächelnd. Die kennen sie, logo.

Niehusmann fragt weiter: "Warum ist sie unsere Bundeskanzlerin?“

"Weil sie hat es gelernt“, sagt einer. "Weil sie ist interessant“, wirft eine andere Schülerin ein. Schließlich räumt ein Junge aus der ersten Reihe ein: "Keine Ahnung.“ Alle kichern.

Niehusmann steht direkt vor der ersten Reihe seiner Flüchtlingsklasse. Mit einem schwarzen Stift schreibt er in großen Buchstaben die Namen der deutschen Parteien auf. "Jeder Mensch hat eine Stimme und darf sagen, wer Kanzler werden soll“, erklärt er. Frei, gleich, geheim, notieren sich die Schüler eifrig in ihre Hefte.

tafel

Die Flüchtlinge sitzen in einem der zweimonatigen Einstiegskurse der Bundesarbeitsagentur. Ende Oktober gab die Agentur bekannt, Kurse für 100.000 Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea, Iran und Irak anzubieten – also nur für die mit "guter Bleibeperspektive“. Die Kosten: Bis zu 121 Millionen Euro.

Die Kurse sollen "Basiskenntnisse der deutschen Sprache vermitteln", heißt es in der Mitteilung der Agentur für Arbeit.

Niehusmann reicht das nicht. In seiner Klasse geht es um mehr als um Vokabeln und richtige Aussprache. Es geht um viel mehr. Um die Vermittlung von Werten und Regeln. Und damit um Integration und eine langfristige Perspektive für ein gemeinsames, friedliches Zusammenleben zwischen Deutschen und Flüchtlingen.

"Ich erkläre der Klasse: Wie funktioniert unsere Gesellschaft? Wie funktioniert der Staat?“, sagt der 48-Jährige.

Das ist auch sinnvoll. Denn viele der Kursteilnehmer sind aus Diktaturen geflüchtet und wurden nicht in freien Ländern sozialisiert. "Baschar al-Assad ist Diktator und tötet alle“, unterbricht ein Junge aus Syrien das Gespräch.

klasse

"Sie haben vielleicht eine Vorstellung davon, was Demokratie ist. Aber sie sollen begreifen, dass Demokratie für sie hier in Deutschland gewährleistet ist“, erklärt Niehusmann.

Genau darin liegt die Sorge vieler Menschen in Deutschland. Die Sorge, ob Flüchtlinge verstehen, in welcher Staatsform wir leben und welche Grundrechte herrschen. Und auch, ob sie das akzeptieren wollen.

Es geht um uneingeschränkte Gleichheit – egal, ob Mann oder Frau. Egal, ob schwul oder hetero. Egal, ob Christ oder Muslim.

Kurz vor der Pause richtet Niehusmann noch eine abschließende Frage an seine Klasse.

"Was bedeutet Demokratie für euch?“

"Mann und Frau dürfen zusammen arbeiten“, sagt der Junge in der ersten Reihe. Seine Sitznachbarin nickt schweigend.

"Demokratie ist Friede“, sagt ein anderer.

Der nächste Schüler wirft ein: "In einer Demokratie darf man alles fragen. Alles. In Eritrea ist es gefährlich, etwas Falsches zu fragen. Dann wirst du getötet. Seit 20 Jahren keine Demokratie.“

"In Syrien schon seit 100 Jahren“, entgegnet ein Schüler leise. "Da gibt es keine Bundeskanzlerin. Wir haben nur Baschar al-Assad.“ Er blickt nach unten, während er den Namen des syrischen Diktators ausspricht.

Genau deswegen hat er sein Heimatland verlassen - weil es dort nur Verfolgung und Krieg gibt. Keine Demokratie.

Diesen jungen Menschen muss man nicht mehr erklären, dass Demokratie gut ist. Sie müssen es im Alltag erleben, müssen die Vorteile spüren. Nur dann kann Integration gelingen.

Wir können also beginnen, uns ein bisschen weniger Sorgen zu machen.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

Die neuesten Texte der HuffPost-Tour:

"Dankbarkeit heißt Integration": Müssen Flüchtlinge den Deutschen dankbar sein?

Hier geht es zurück zur Startseite