WIRTSCHAFT
11/12/2015 02:52 CET | Aktualisiert 11/12/2015 07:11 CET

Fernsehköchin Sarah Wiener: "Fleischverzicht lindert auch kein Tierleid"

dpa
Sarah Wiener provoziert mit ihrer Meinung zu veganer Ernährung

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Die österreichische Promi-Köchin Sarah Wiener machte mit ihren kritischen Äußerungen zu veganer Ernährung in den letzten Monaten immer wieder Schlagzeilen. Aussagen wie "Veganismus ist eine diätische Mangelernährung" oder "Sojamilch ist so künstlich wie Cola" empörten viele Veganer und führten zu hitzigen Diskussionen in den sozialen Netzen.

Wir haben uns mit der 53-jährigen Köchin über die Vorwürfe unterhalten. Darüber, was sie wirklich von Veganern und Fleischkonsum hält. Und sie hat uns im Gespräch erklärt, was sie über Billigläden wie Aldi und Lidl denkt - und warum sie selbst nie einen Discounter betreten würde.

Sie haben sich in letzter Zeit öfter kritisch über Veganer geäußert. Was genau werfen sie ihnen vor?

Mein eigentliches Problem habe ich mit einer Nahrungsindustrie, die das Tor zu stark verarbeiteten Lebensmitteln und künstlichen Nahrungsmitteln öffnet, die es so noch nicht gab. Oder gab es früher schon Kunsteier, Kunstmilch und Kunstfleisch?

Vermutlich nicht. Veganer geht es aber auch vor allem um den übermäßigen Fleischkonsum in westlichen Industrienationen.

Ja, wir essen alle zu viel Fleisch. Hinter der Kritik steht auch keine Ideologie, sondern ein Gebot der Vernunft. Wenn wir eine Zukunft haben wollen, dann muss sie nachhaltig sein. Dafür müssen wir alle weniger Tiere essen. Wenn wir in 20 Jahren zurückblicken, werden wir sagen: "Das war wie das bestialische Mittelalter." Wir behandeln Tiere so unaufgeregt grauenhaft, man kann sich kaum vorstellen, dass dies das 21. Jahrhundert sein soll.

Auch das klingt nach einer Forderung aus der gleichen Ecke: Massentierhaltung komplett abschaffen.

Ich lehne jede Tierhaltung ab, die nicht das Wesen und die Bedürfnisse des Tieres respektiert. Also auch unsere klassische konventionelle Massentierhaltung in westlichen Nationen, in der Tiere verstümmelt und gequält werden. Wir haben aufgehört, Tiere als Lebewesen wahrzunehmen. Stattdessen sehen wir nur noch das Fleisch, das möglichst billig sein muss und möglichst viel sein soll. Das ist für mich kein Genuss.

Das wirkt fast so, als wäre ihr Streit mit den Veganern nur ein großes Missverständnis gewesen.

Ach, ich wollte den Leuten, die sich oft bewusst mit Ernährung auseinandersetzen, sagen, dass es nicht reicht, nur auf Fleisch zu verzichten und stattdessen Kunstimitate von der Industrie zu essen. Oder konventionelles Gemüse und Superfood aus Übersee statt regionalen Grundnahrungsmittel aus nachhaltigem Anbau. Das kann nicht die Lösung sein. Und das ist auch sicher nicht der Weg, um die Welt zu retten oder das Tierleid abzuschaffen. Denn wenn Tiere Leid erfahren, ist nicht die Lösung, die Tiere abzuschaffen. Sondern das Leid.

Veganer behaupten aber, auf Fleisch zu verzichten, um gegen Tierleid anzugehen.

Es ist ein großer Verzicht, ohne Butter, Sahne und Käse zu leben. Dazu gehört ein sehr starker Wille. Aber nicht alle Veganer tun das: Viele ersetzen die Produkte eben einfach durch andere Industrieware – beispielsweise künstlichem Käse und Margarine. Fleischverzicht lindert auch kein Tierleid.

Wenn Sie auf die Ernährungsgewohnheiten der Deutschen blicken, was sagt das Ihnen über unsere Gesellschaft?

Die ganze Welt sitzt gemeinsam an einem Tisch, aber wir Deutschen haben den elitärsten und bequemsten Platz. Wir verbrauchen die Welt und ignorieren die Menschen aus armen Ländern, deren Zukunft wir damit zerstören. Wir sind vom rechten Weg abgekommen. Nichts scheint mehr etwas wert, wir schmeißen viel zu viel weg, wir können nicht mehr kochen. Wir essen das, was die Werbung und Großkonzerne uns vorsetzen und glauben auch noch, es sei unsere eigene Entscheidung.

Viele Menschen können sich aber den Luxus regionaler Bioprodukte nicht leisten. Was sagen Sie denen, die in Billigläden wie Aldi und Lidl einkaufen gehen?

Wir müssen uns der Frage stellen: Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Wie gerecht und demokratisch wollen wir sein? Vielen Menschen können sich keine gesunden und ökologischen Lebensmittel leisten, weil sie zu schlecht bezahlt werden. Da muss die Politik eingreifen – damit alle Menschen gesund und nachhaltig essen können. Aber auch viele, die Geld haben, geben ihr Wissen und Gewissen an der Kasse ab. Das sollen dann andere richten.

Aber auch die Discounter sind in der Verantwortung, oder?

Wer sind die reichsten Deutschen? Die Lidl-Familie und die Aldi-Brüder. Auch die müssen umdenken. Mit dem billigen Nackensteak vom Discounter befördern wir die Ernährungsungerechtigkeiten und Ausbeutung von Landwirten und Fleischverarbeitern. Wir wissen gar nicht mehr, was wir essen. Das muss doch ein Ende haben.

Discounter stehen auch regelmäßig in der Kritik, zu wenig auf Klimaschutz und Tierwohl zu achten. Vielleicht sollte der Verbraucher diese Geschäfte meiden.

Das würde nichts nutzen. Ich selbst betrete freiwillig allerdings keinen Discounter. Ich möchte kein System befördern, von dem ich weiß, dass es eine qualitative Abwärtsspirale befördert. Andererseits: Was soll ich jemanden vorschreiben, der keinen Biomarkt in der Nähe oder nicht genügend Geld hat? Probleme sind komplexer, als dass es eine einzige Antwort darauf gibt.

Was kann die Politik beitragen, um die Ernährungsgewohnheiten der Menschen in Deutschland zu verbessern?

Ich fordere mehr Transparenz und Aufklärung. Die Lebensmittelampel wäre zum Beispiel ein erster Schritt. Hinweise, die den Verbraucherinnen und Verbrauchern zeigen, ob ein Produkt zu viel Salz, Zucker oder Fett hat. Wir brauchen dringend

ein einfaches System, das jeder Mensch verstehen kann. Das wünschen sich, denke ich, auch viele Veganer. Wir sollten darüber sprechen und uns zusammentun, was uns allen und der Umwelt nutzen könnte.

Sie haben früher selbst als alleinerziehende Mutter von Sozialhilfe gelebt. Wie haben sie sich gesund ernährt?

Ich habe auch mal von Tütensuppen gelebt. Ich war bitterarm und habe mich kaum um Ernährung gekümmert und war oft überfordert. Damals waren Lebensmittelskandale noch kein Thema.

Was raten Sie einer jungen Mutter, die ihre Kinder alleine großzieht und das Geld kaum zum Leben reicht?

Sie sollte darauf achten, frische und saisonale Produkte zu kaufen und weitgehend auf Filet und Rücken zu verzichten, denn das ist richtig teuer. Biokisten sind auch sinnvoll. So kann man sich gut und günstig ernähren. Aber dafür muss man kochen können und so sozialisiert sein, dass man lieber Linsen zubereitet, als oft Currywurst zu essen.

Fernab von Ernährungsgewohnheiten: Was ist ihr erster Gedanke, wenn Sie heute an Deutschland denken?

Mit der Flüchtlingskrise ist eine Situation eingetreten, in der wir aufpassen müssen, dass wir unseren gesunden Menschenverstand nicht abgeben. Wenn Menschen in Not sind, müssen wir die Hand aufmachen und sie willkommen heißen. Und wir müssen sie so schnell wie möglich in unsere Mitte integrieren. Alles andere führt zu Gewalt, Bürgerkrieg und Hass. Das kann niemand wollen. Andrerseits müssen von jedem Gast auch unsere Werte, wie Gleichberechtigung, Demokratie und Gewaltlosigkeit anerkannt werden.

Das klingt nach einem unschönen Szenario. Wenn Sie sich ein Deutschland in 10 Jahren ausmalen können: Was sehen Sie?

Ich stelle auf meinem Hof in Brandenburg Fleisch für Veganer her. (lacht) Und ich hoffe in einem Land zu leben, in dem wir uns für ein respektvolles Miteinander mit allen Mitgeschöpfen interessieren.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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