POLITIK
10/12/2015 11:12 CET | Aktualisiert 10/12/2015 14:54 CET

Das ist der Grund, warum mir Deutschland in diesem Jahr unheimlich geworden ist

dpa

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Hinter Bad Schandau lief ich im flachen Wintersonnenlicht an der Elbe entlang.

Aus der Ferne sah ich einen Toyota mit Meißener Kennzeichen und hochtourigem Zylindergebrüll auf dem Radweg heran rauschen. Kein Bremsen, Kein Hupen. Vollgas im zweiten Gang.

Sekunden später war das Auto so nah, dass ich am Innenspiegel eine schwarz-rot-goldene Blumenkette erkennen konnte. So wie sie viele Deutsche auf den Public-Viewing-Anlagen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 getragen haben.

Der Fahrer, ein älterer Herr mit Hut, blickte mich arglos an. Und noch bevor ich zur Seite springen konnte, lenkte er in eckigen Bewegungen um mich herum und fuhr weiter seines Weges.

Und wie ich weiter Richtung Dresden lief, überlegte ich noch einige Zeit, warum mein Blick gerade an dieser Blumenkette hängen geblieben war.

Ich erinnerte mich an die Gespräche, die ich vor zehn Jahren während meines Auslandsstudiums in Amerika hatte. Als Deutsche wurden wir damals tatsächlich noch gefragt, wie viel Prozent die „Hitler Party“ bei der vergangenen Wahl bekommen hatte.

Eigentlich, dachte ich damals, hat Deutschland sein Nazi-Problem im Griff

Wir haben unseren amerikanischen Kommilitonen dann in einigen Sätzen erklärt, dass Hitler seit 1945 tot und dass die NSDAP Geschichte war. Nach dem Fall der Mauer, ja, da gab es ausländerfeindliche Krawalle. Und es existierte auch eine „Neo Nazi Party“, die NPD, aber mit deren versammelter Mitgliederschaft könnte man freilich kaum die Sporthalle der Uni füllen.

Eigentlich, so dachte und sprach ich damals, habe Deutschland sein Nazi-Problem ganz gut im Griff.

Im Jahr 2015 habe ich nun diese Arglosigkeit verloren. Ich kann nicht mehr sagen, was abends in der Finsternis deutscher Wohnzimmer passiert, wenn etwa der thüringische AfD-Chef Björn Höcke bei Günther Jauch auftritt und gleich zu Beginn der Sendung eine Deutschlandfahne auf der Lehne seines Talksessels ausbreitet.

Wenn der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer vor dem Zusammenbruch der staatlichen Ordnung warnt, und der Bundessprecher der Alternative für Deutschland, Jörg Meuthen, in Pressemitteilungen kaum verstellte Putschfantasien gegen die Bundesregierung verbreitet.

Ich fühle mich als Nordhesse, Europäer und auch als Deutscher. Und wenn ich nach Hause fahre in die heimische Mittelgebirgslandschaft in der geografischen Mitte dieser Republik, dann löst allein das Heben und Sinken der Hügel ein Gefühl von Heimat in mir aus. Doch mein Verhältnis zu den Farben Schwarz, Rot und Gold ist kompliziert geworden.

Das hat mit dem Hass zu tun, der allerortens aus den Gullis schäumt. Und mit der Gewalt, die jeden Tag unter den Augen von Menschen stattfindet, die ich in anderen Momenten des 21. Jahrhunderts wohl ohne jeden Hintergedanken gern gehabt hätte.

Bis Anfang Dezember gab es in Deutschland 222 gewalttätige Angriffe auf Flüchtlingsheime. Ein Drittel davon allein in Sachsen.

In 169 Fällen konnte noch nicht einmal ein Täter ermittelt werden.

Ich wusste nicht mehr, in welchem Land ich aufwachen würde

Wie viele Menschen sind im vergangenen Jahr zu Mitwissern geworden? Und wie viele haben geschwiegen und sich damit zu rechten Terrorhelfern gemacht?

Auch im Jahr 2015 ging jeden Abend in der Bundesrepublik die Sonne unter und ich schlief irgendwann ein. Doch ich während ich in den Kissen lag, wusste nicht mehr, in welchem Land ich am nächsten Morgen aufwachen würde.

Dabei traf ich an diesem milden und sonnigen zweiten Advent die liebenswertesten Menschen auf meinem Weg durch die Sächsische Schweiz.

Der ältere Herr im Bastei-Gebiet etwa, der mich mit sanftem Lächeln und großen, schnellen Schritten an einem Steilhang überholte. Ich gönnte ihm den Spaß von Herzen. Die kleinen Kinder, die mich später vor dem Rathaus von Pirna zum Fangenspielen einladen wollten. Oder die witzige Empfangsdame in meinem Pirnaer Hotel, die mir mit kurze frechen Sätzen den Stadtplan erklärte.

An diesem Tag war ich im Reinen mit dem, was ich sehen und hören konnte.

Am nächsten Morgen saß ich am Frühstückstisch. Noch 20 Kilometer bis Dresden.

Im Radio liefen bei Christstollen und frisch gebrühtem Kaffee die Nachrichten aus Sachsen.

„Unbekannte haben im Vogtland ein Anschlag auf eine Flüchtlingswohnung verübt. Wie die Polizei mitteilte, ereignete sich die Tat in der Nacht zum Sonntag in Tannenbergsthal, einem Ortsteil der Gemeinde Muldenhammer.

Nach Anhaben der Polizei in Zwickau wird die Erdgeschosswohnung von einer irakischen Familie mit zwei Kleinkindern bewohnt. Die Familie wurde nach dem Vorfall in eine andere Wohnung gebracht.“

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