POLITIK
10/12/2015 05:54 CET | Aktualisiert 10/12/2015 17:05 CET

Arm im Alter: „Flüchtling müsste man sein, damit einem geholfen wird"

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Viele Menschen freuen sich auf ihren Ruhestand. Endlich Zeit für Hobbies, Reisen, ausgedehnte Spaziergänge oder die Enkel. Nicht so Mariza Almenröder. Über ihren nahenden Renteneintritt sagt sie: „Ich habe Angst vor der Zukunft.“ Sie glaube nicht, dass ihre Rente zum Leben reichen werde.

Für die 63-Jährige ist klar: Ihre bisherige Wohnung werde sie sich im Ruhestand nicht mehr leisten können. Die etwa 800 Euro zu erwartende Rente werden im teuren München nicht reichen, fürchtet sie. Dabei lebt die gebürtige Kroatin schon seit 45 Jahren in Deutschland und arbeitet seither ohne Unterbrechung als Friseurin.

Sonntags noch Putzen gehen

Sie habe immer schon nebenher jobben müssen. Schließlich verdienten Friseurinnen zu keiner Zeit viel. Ihr Gehalt als Hair-Stylistin von weniger als 1000 Euro netto reicht derzeit jedoch nicht einmal für die Miete von 1100 Euro - und das, obwohl sie 40 Stunden in der Woche im Salon steht.

Um sich noch Lebensmittel und auch einmal ein Geschenk für die Enkel leisten zu können, verkauft sie nach der Arbeit Tupper-Ware und putzt Sonntags fünf Stunden ein Büro. „Heute arbeite ich noch viel mehr als früher.“ Über 60 Stunden in der Woche habe sie zuletzt geschuftet. „So kann ich mich durchkämpfen und einigermaßen leben“, sagt die einstige Gastarbeiterin.

"Nie vom Staat Geld bekommen"

„Nie habe ich einen Cent vom Staat bekommen“, sagt sie. Als sie vor vielen Jahren nach dem Tod ihres Mannes bei einem Verkehrsunfall einmal Wohngeld beantragen wollte, habe ihr der zuständige Beamte gesagt, sie verdiene fünf Mark zu viel, um den Zuschuss zu bekommen.

Sie werde im Alter noch immer viele Stunden arbeiten, ist sie sich sicher. „Ich hoffe nur, dass ich gesund bleibe und auch noch genug hinzuverdienen kann."

Die Deutsch-Kroatin wünscht sich mehr Hilfen für Geringverdiener.

Sie glaube aber nicht, dass sie vom Staat etwas bekomme. „Für die Flüchtlinge wird alles gemacht und die Leute, die fleißig arbeiten, werden im Stich gelassen“, klagt die Münchnerin. Ihre Wut ist so groß, dass sie sogar sagt: „Flüchtling müsste man sein, damit einem geholfen wird.“

Doch Almenröder findet auch, man müsse "jedem Menschen helfen". Allerdings nur bis zu einer gewissen Grenze. "Derzeit ist das einfach etwas zu viel." Sie glaubt, dass die Medien in der Flüchtlingsfrage nicht die Wahrheit sagen würden.

Viele Menschen haben Angst abgehängt zu werden

Wer in diesen Tagen die Foren diverser Online-Medien liest oder sich in den Kneipen oder der S-Bahn umhört, merkt schnell, dass nicht wenige Menschen hierzulande so denken wie Almenröder.

Dabei leben zahlreiche Flüchtlinge auch in Deutschland wie etwa in Berlin in ärmlichsten Verhältnissen, haben teils nicht einmal ein Dach über dem Kopf. Und auch die Asylsuchenden, die von den Städten und Gemeinden ordentlich untergebracht werden, haben offenbar oft so wenig Geld zur Verfügung, dass sich viele von ihnen bei den Essensausgaben der Tafeln anstellen müssen.

Doch nicht wenige Einheimische haben schlicht Angst, an den Rand gedrängt zu werden - nicht immer zu Unrecht. Sozialexperten fürchten Verteilungskämpfe am am unteren Rand der Gesellschaft, wenn der Staat nicht mit milliardenschweren Förderprogrammen etwa im Wohnungsbau gegensteuere. Und deshalb ist es so wichtig, Menschen wie Almenröder jetzt zuzuhören.

Denn sie blicken mit größter Sorge in die Zukunft: Allein von 2002 bis 2013 hat sich die Anzahl der Sozialwohnungen laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales deutschlandweit von 2,47 Millionen auf 1,47 Millionen beinahe halbiert. Dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge würde es rund 4,5 Milliarden Euro jährlich kosten, den Bestand an sozialem Wohnraum dauerhaft zu halten. Doch der Bund hat zuletzt gerade einmal eine Milliarde Euro für diesen bewilligt.

Hierzulande hatten laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe im vergangenen Jahr 335.000 Menschen keine Wohnung, im Jahr 2018 sollen es bereits 560.000 sein. Die Zahl der Obdachlosen soll in den vergangenen zwei Jahren sogar um 50 Prozent auf 39.000 nach oben geschnellt sein.

Eine halbe Millionen Alte ist auf staatliche Grundsicherung angewiesen

Sozialverbände verweisen allerdings auch darauf, dass der Anstieg der Altersarmut nicht im Zusammenhang mit dem großen Flüchtlingszustrom steht. Die Zahl der Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit ihrer Rente und dem Ersparten nicht bestreiten können, steigt seit Jahren. Über eine halbe Million alte Menschen sind derzeit auf die sogenannte Grundsicherung angewiesen, das heißt der Staat stockt ihre Rente auf das Niveau von Hartz IV auf.

Die Zahl der Menschen, die die sogenannte Altersgrundsicherung beziehen, hat sich dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge seit 2003 verdoppelt. Für dessen Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider ist klar: „Dieser Trend wird sich spätestens ab 2025 noch deutlich beschleunigen und verschärfen, wenn nicht umgehend politisch gegengesteuert wird.“ Wer heute schon arm trotz Arbeit sei, werde im Alter nicht besser dastehen. Er fordert eine Anhebung des Rentenniveaus auf mindestens 50 Prozent.

Auch Almenröder würde davon profitieren.

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