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10/12/2015 05:39 CET | Aktualisiert 10/12/2015 17:08 CET

Warum ein AfD-Vorstand als Helfer in einem Flüchtlingsheim arbeitet

AfD
Andreas Strixner bei einer Messe Anfang des Jahres in München. Damals ging es noch nicht um Flüchtlinge.

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In diesem Jahr sind schon knapp eine Million Flüchtlinge nach Deutschland gekommen - und die Politik streitet, wie sie mit den Neuankömmlingen umgehen soll. Viele Deutsche helfen den Flüchtlingen, andere wiederum wollen die Grenzen dichtmachen. Ihre politische Heimat finden sie derzeit bei der “Alternative für Deutschland“ (AfD).

Die liegt in Umfragen bei knapp zehn Prozent. Experten warnen deshalb vor einem Rechtsruck. Kein Wunder: Wie eine Umfrage von Leipziger Forschern ergab, sind rund die Hälfte der Wähler der AfD ausländerfeindlich. Da überrascht es, dass es in der AfD auch Mitglieder gibt, die Flüchtlingen aktiv helfen.

Zum Beispiel Andreas Strixner. Er ist der Landesschatzmeister und einer der Vorstände der AfD in Bayern und er sagt: "Ich will, dass die Flüchtlinge eine Perspektive bekommen." Wir haben ihn zum Interview im Flüchtlingsheim in Jetzendorf nördlich von München getroffen.

Herr Strixner, Sie engagieren sich ehrenamtlich für Flüchtlinge, sind fast täglich in einem Flüchtlingsheim - trotz leitender Position in der AfD. Was sagen denn ihre Parteikollegen dazu?

Andreas Strixner: Ich bin noch nicht explizit nach meinem Engagement gefragt worden. Aber ich denke, die Hälfte der Mitglieder in der AfD-Bayern weiß das wahrscheinlich. Und ganz nebenbei: Ich bin nicht der einzige in meiner Partei, der sich für Flüchtlinge engagiert.

Und warum helfen Sie?

Ich will den Flüchtlingen die Möglichkeit geben, dass sie zumindest eine Perspektive bekommen. Deshalb begleite ich sie bei Behördengängen und helfe bei der Arbeitssuche. Das Problem ist auch: Wenn in einer Flüchtlingsunterkunft die Helfer fehlen, kippt die Stimmung unter den Flüchtlingen ziemlich schnell. Das wollen wir verhindern.

Aber mal Hand auf's Herz: Wie viel Kritik bekommen Sie von Parteikollegen?

Es ist natürlich schon so, dass es einige in der AfD gibt, denen mein Engagement nicht passt. Deren Argument ist: "Wenn du was tust und dich da engagierst, dann unterstützt du das System - und dann kommen noch mehr rein." Richtig daran ist: Je mehr Flüchtlinge zu uns kommen, je geringer werden zum Beispiel die Jobperspektiven für Flüchtlinge, die schon da sind. Das muss man schon mal offen anschauen.

Sie arbeiten in dem Heim auch mit vielen Afghanen. Innenminister Thomas de Maizière will künftig mehr Afghanen wieder in ihr Heimatland abschieben. Eine gute Idee?

Da ich mit afghanischen Flüchtlingen arbeite, ist das eine schwere Entscheidung. Aber es ist nachvollziehbar, dass man diejenigen, die nicht anspruchsberechtigt sind, abschiebt. Dabei kommt es aber auch immer auf den Einzelfall an.

Haben Sie so einen Fall?

In unserem Flüchtlingsheim gibt es jemanden aus Afghanistan, von dem ich sicher bin, dass er abgeschoben wird. Er hat Physik studiert und einen Bachelorabschluss - aber er kommt aus Kabul. Dort soll es ja angeblich für afghanische Verhältnisse sehr sicher sein. Auch wenn es nicht unwahrscheinlich ist, dass man selbst in Kabul während eines Marktbesuchs wegen einer Autobombe in die Luft fliegt.

Noch absurder wird es nun, wenn man sich seine Qualifikationen genauer ansieht: Er lernt Deutsch, er kann Englisch und er hat eine Ausbildung, die hier durchaus gesucht wird. Was spricht denn jetzt dagegen, dass er ein Arbeitsvisum bekommt und ganz regulär ohne Asylantrag nach Deutschland einreisen darf? Das sind Perspektiven, die man den Menschen geben sollte. Aber so etwas ist ja politisch derzeit nicht gewollt und wird verhindert.

Die AfD hat in letzter Zeit stark Wählerstimmen gewonnen. Nicht wenige Experten sehen in der Afd mittlerweile eine rechte Partei mit radikalen ausländerfeindlichen Tendenzen.

Unser Ur-Thema Euro, weswegen die AfD eigentlich gegründet wurde, rückt derzeit natürlich in den Hintergrund. Wichtig zu sehen ist aber: Wir haben noch kein Parteiprogramm. Alles, was die Parteivorsitzenden momentan zum Thema Asyl von sich geben, sind Vorstandsbeschlüsse. Die sind nicht von der großen Zahl der Mitglieder gedeckt. Unsere Politik richtet sich ja auch nicht gegen Asylbewerber oder Flüchtlinge per se, sondern gegen die Politik, die im Moment kein Konzept hat, mit der Flüchtlingskrise umzugehen.

Also ist die AfD gar nicht so rechts wie immer behauptet wird?

Allen, die mit dem Finger auf die AfD zeigen, und die sagen, dass bei uns die ganzen Rechtsradikalen versammelt sind, sage ich: Schaut lieber mal auf die CSU und räumt dort auf, dann können wir auf einer vernünftigen Basis weiter diskutieren. Ich muss ganz ehrlich sagen, die Stammtischgespräche, die es bei der CSU gibt, die gibt es bei uns nicht - oder nicht in dem Ausmaß. In gewissen Punkten ist die CSU schon sehr, sehr viel weiter rechts, als die AfD. Sicher, wenn man sich die Mitgliederstruktur der AfD anschaut, dann gibt es natürlich Leute, die würde man eher als rechts einstufen, aber nicht als rechtsradikal. Das ist ein wichtiger Unterschied. Niemand bei uns sagt, dass er "Asylanten bekämpfen" will.

Und was soll mit den Flüchtlingen passieren, die jetzt schon in Deutschland sind?

Das Hauptproblem, das wir momentan haben ist, dass die Leute keine Perspektive haben, weil der Staat es verhindert, dass sie eine Perspektive bekommen. Die Flüchtlinge brauchen oft erst einmal eineinhalb Jahre, bis sie überhaupt einen Asylantrag stellen dürfen, dann vergehen nochmal eineinhalb Jahre, bis der Asylantrag durch ist. Das sind drei Jahre. Die kann man doch super nutzen, und ihnen eine Ausbildung oder eine Schulbildung geben, damit sie den Abschluss nachholen können.

Das würden derzeit eigentlich alle Parteien im Bundestag unterschreiben. Was fordern Sie weiter?

Wir brauchen mehr kleine Unterkünfte und wir müssen die, die keinen Anspruch auf Asyl haben, schneller abschieben. Klassische Armutsflüchtlinge zum Beispiel. Sie sagen sich: Ein halbes Jahr Asylgeld in Deutschland ist so viel, wie ich in einem Jahr Zuhause verdiene. Ich mache ihnen da nicht einmal einen Vorwurf, dass sie nach Deutschland kommen - es ist ja menschlich. Aber es ist zum Nachteil der Afghanen, Iraker und Syrer. Die warten wegen der Überlastung der Ämter ewig, bis sie einen Asylantrag stellen können und dann warten sie noch einmal ein bis zwei Jahre, bis der Asylstatus feststeht.

Können sich Flüchtlinge in Deutschland überhaupt heimisch fühlen?

In Deutschland leben 198 Nationen zusammen und es funktioniert. In meinem Heim akzeptieren sie, wie wir Deutschen leben. Und wir akzeptieren, dass sie am Tag einige Male beten. Hier herrscht Religionsfreiheit, damit habe ich gar kein Problem.

Es gibt Werte in Deutschland und wenn jemand kommt, muss er diese Werte akzeptieren. Wichtig ist: Nicht jeder muss streng nach diesen Werten leben. Die Einwanderer können nach ihrer Kultur leben, mir würde es nicht einfallen, ihnen das zu verbieten.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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