POLITIK
09/12/2015 16:22 CET | Aktualisiert 10/12/2015 08:08 CET

Dieser Mann behauptet, Hitlers letzter Verwandter zu sein - wir haben ihn in Sachsen besucht

2015-12-08-1449555156-597177-ontour.jpg

Es gibt nur wenige Menschen, die sich dafür entscheiden, ihren Namen nicht aufs Klingelschild zu schreiben.

Der Mann, der mir an diesem Nachmittag die Tür zu seiner Wohnung im sächsischen Görlitz öffnet, hat den wohl besten Grund von allen dafür: Sein Name ist Romano-Lukas Hitler.

Der kleine aufgeweckte Mann mit den blauen Augen bittet um Entschuldigung. Er höre sehr schlecht, man müsse laut und deutlich mit ihm sprechen.

In seiner spärlich ausgestatteten Küchennische erhitzt Romano Wasser für löslichen Kaffee ("Sie müssen verstehen, ich koche hier nie. Zum Essen fahre ich über die Grenze nach Polen, da ist es viel billiger").

"Adolf war nicht der, für den ihn alle halten"

Dann sitzen wir uns an seinem großen dunklen Holztisch gegenüber – ich und ein 65-Jähriger, der allen Ernstes behauptet, der einzige noch lebende Verwandte von Adolf Hitler zu sein. Beweisen kann er das jedoch nicht.

Mit starkem osteuropäischen Akzent bietet er mir eine Zigarillo an.

hitler

Sein Name ist amtlich bestätigt: Auf dem Ausweis steht Romano Lukas Hitler (Credit: Lea Kosch)

Eigentlich habe er sich dazu entschlossen, nicht mehr mit Journalisten zu sprechen. "Alle schreiben, dass ich mich wegen meines Namens schäme", sagt er und seine Augen weiten sich vor Empörung. "Und dass ich keine Frau und keiner Kinder habe, um die Schande nicht weiterzugeben. Das ist eine Lüge."

Ganz im Gegenteil, sagt er. Er sei stolz darauf, den Namen seines weltbekannten Vorfahren zu tragen. Angeblich sei sein Vater der Enkel von Hitlers Onkel gewesen. Man ertappt sich dabei, Romano-Lukas für einen Hochstapler zu halten.

"Adolf war nicht der, für den ihn alle halten", erklärt er. "Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte Deutschland einen Sündenbock. Und so wurde alle Schuld auf ihn abgeladen."

Romano hat vor langer Zeit seine Lebensaufgabe gefunden: Er möchte den Menschen "die Wahrheit über Adolf" erzählen. Den Namen "des Führers" reinwaschen.

"Es ist nicht einfach, ein Hitler zu sein"

Dass er mit seiner Sichtweise weitestgehend alleine dasteht, ist Romano egal. Gegen Hindernisse kämpft er schon sein ganzes Leben lang an. "Es ist nicht einfach, ein Hitler zu sein", sagt er. Immerhin das glaubt man ihm - ob nun verwandt mit dem Ex-Diktator oder nicht.

Die Geschichte des heute 65-Jährigen ist so abenteuerlich, dass sie tatsächlich nur schwer zu glauben ist. Geboren wurde Romano in Wismar in Mecklenburg-Vorpommern, erzählt er. 1956, mit sechs Jahren, brachte ihn sein Vater in ein Kloster in der Slowakei. "Er wollte in seine Heimat nach Österreich, dort Pässe für uns besorgen und mich wieder abholen“, erinnert sich Romano.

Doch der Vater kehrte nie zurück. Irgendwo zwischen Bratislava und Österreich kam er ums Leben, vermutet Romano.

hitler

Seit seiner frühen Kindheit hat Romano Hitler ein Leben voller Komplikationen geführt (Credit: Lea Kosch)

Die Mönche tauften den Jungen Romano. Lukas ist der Vorname, den ihm seine Eltern gaben. "Sie kannten meinen Nachnamen, wussten aber, dass er zu Zeiten des Kommunismus in Deutschland lebensgefährlich war." Dann kam ein polnisches Ehepaar in das Kloster und nahm das deutsche Waisenkind bei sich auf.

"Die Frau war Jüdin“, erzählt Romano. "Das muss man sich mal vorstellen: Nur wenige Jahre nach dem Krieg adoptiert eine jüdische Polin einen Jungen, der den Namen Hitler trägt." Er bricht in lautes Gelächter aus. "Politik ist Politik. Aber zwischen den Menschen gibt es die nicht.“

1968 kehrte er in die DDR zurück. Noch immer war es ihm unmöglich, unter seinem wahren Namen zu leben. In Rostock heuerte der 18-Jährige als Matrose auf einem russischen Spionageschiff an, das in Richtung Antarktis abfuhr. "Dort war allen egal, ob ich einen Pass hatte oder nicht", sagt er.

Romano Hitler ist nie in seinem Leben zur Schule gegangen

Es war klar: In der Sowjetunion konnte und wollte Romano nicht bleiben. In Cuxhaven floh er von dem Schiff. Da war er 22 Jahre alt und hatte noch nie in seinem Leben einen einzigen Tag in einer Schule verbracht. "Als Hitler? Unmöglich damals", sagt er. Schreiben und Lesen hat er sich selbst beigebracht. Nur mit der deutschen Grammatik hat er Schwierigkeiten – auch beim Sprechen.

Bis zum Jahr 2000 blieb der Mann mit dem gefürchtetsten Nachnamen der Welt in Deckung, arbeitete als Steuermann auf verschiedenen Schiffen. Dann aber verlor er seinen Job, verbrachte zwei Jahre in einem Obdachlosenheim in Wiesbaden.

Heute ist er noch immer arbeitslos und lebt in Görlitz in einem Zimmer, das ihm die Stadt zugewiesen hat. Das Geld, das er über Hartz IV bezieht, reicht gerade so für das Nötigste.

"Merkel ist ein weiblicher Adolf"

Für die Dekoration seiner kleinen Wohnung aber hat er keine finanziellen Mühen gescheut. An der Wand hängen zwei riesige Bilderrahmen mit Porträts von Angela Merkel und Adolf Hitler. Warum die beiden direkt nebeneinander? "Für mich ist die Kanzlerin eine Adolfine", erklärt Romano. "Sie herrscht am gleichen Ort wie Adolf, im Reichstag in Berlin. Nur zu einer anderen Zeit. Keine Frau ist so bekannt wie sie auf der ganzen Welt. Sie ist ein weiblicher Adolf."

Auf eine solche Idee kämen wahrscheinlich nicht einmal die Mitglieder der sogenannten Reichsbürgerbewegung, die die Existenz der Bundesrepublik Deutschland leugnen. Ob Romano Hitler ein Neonazi ist? Diese Frage bleibt an diesem Tag unbeantwortet. Zu krude sind seine Ideen.

merkel hitler

Merkel und Hitler hängen in der Wohnung von Romano Hitler Seite an Seite (Credit: Lea Kosch)

Wäre er an Merkels Stelle, er würde in Deutschland einiges von Grund auf ändern, erklärt Romano. "Dieses Land braucht eine Stunde Null", findet er. Und die sieht in den Augen des angeblichen Hitler-Nachfahren so aus: Aus der EU austreten ("Die schreiben uns vor, was wir zu tun haben und schaden Deutschland nur), den Namen in "Germania" ändern und – "ganz wichtig“ – die deutsche Flagge umdrehen ("weil wir Deutschen nach dem Krieg mit dem Kopf nach unten aufgehängt wurden").

Die Deutschlandflagge unter dem Hitler-Merkel-Duo hat Romano Hitler schon mal so hingehängt, wie sich das seiner Ansicht nach gehört: Gold-Rot-Schwarz statt Schwarz-Rot-Gold.

"Osama Bin Laden wurde genauso wie Adolf Hitler zum Sündenbock gemacht"

Aber bei dem ungewöhnlichen Paar Hitler-Merkel bleibt es nicht. Die Fläche zwischen den beiden Fenstern ziert ein gerahmtes Foto des getöteten al-Qaida-Chefs Osama Bin Laden. "Heilige Patron der Partizanten" steht unter dem Bild.

Bin Laden? Ein Freiheitskämpfer?

Auch dafür hat Romano seine ganz eigene – eigenwillige – Erklärung. "Bin Laden wurde nach 9/11 von den USA zum Sündenbock gemacht – wie Adolf nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei hatte er nichts mit dem Anschlag zu tun.“ Wie Hitler sei er nie vor ein Gericht gestellt worden. "Seine Ermordung zeigt, dass die USA dumm und klein und schwach sind."

bin laden

Ein Bild von Osama Bin Laden komplettiert die skurrile Galerie an Romano Hitlers Wand (Credit: Lea Kosch)

Seine Galerie ist nicht vollendet, sagt er. Zwei Wände sind noch frei. Da sollen bald Bilder von Putin und dem Papst hängen, wenn Romano genug Geld zusammen hat. Hitler, Merkel, Bin Laden, Putin und Franziskus in einer Reihe also - was sie verbindet, bleibt im Gespräch mit Romano offen; außer, dass sie alle auf ihre Art mächtig waren oder sind.

Vielleicht, dieser Gedanke kommt einem beim Besuch in Görlitz, sehnt sich Romano auch nur nach etwas Bedeutung und Beachtung in seiner Einsamkeit. Sein bekannter Familienname gibt ihm diese Bedeutung nur scheinbar; denn eigentlich isoliert er ihn. Ob er wirklich ein Verwandter Hitlers ist, wird in diesem Moment völlig egal. Am Ende sitzt am Tisch nur noch ein Mensch, den die Gesellschaft vergessen hat - und der nach einem Grund dafür sucht.

Weil er sich nicht viel leisten kann, verlässt Romano nur selten die Wohnung. Sein Leben ist einsam, sagt er. "Ich würde gerne noch heiraten“, sagt er. "Aber ich habe kein Geld. Ich esse Nudeln mit Mayonnaise, morgens, mittags, abends. Was kann ich einer Frau schon bieten?“ Er wolle eine gebildete Ehefrau, nicht irgendjemanden. "Was mache ich denn den ganzen Tag mit einer Dummen? Ich brauche jemanden, mit dem ich mich austauschen, diskutieren kann."

Sein Name ist der Grund, warum er keinen neuen Job findet und damit der Arbeitslosigkeit entkommen kann, da ist sich Romano sicher. Trotzdem hat er nie in Erwägung gezogen, ihn abzulegen. "Das würde sich anfühlen wie Verrat.“

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

Die neuesten Texte der HuffPost-Tour:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Peinliche Panne: Russischer TV-Sender verwechselt Putin mit Hitler

Hier geht es zurück zur Startseite