POLITIK
09/12/2015 06:07 CET | Aktualisiert 09/12/2015 07:41 CET

Ich habe in Sachsen das Schlimmste erwartet - doch nicht das

Getty

2015-12-08-1449555156-597177-ontour.jpg

Es war schon finster über Sachsen, als ich noch einmal mit meinem Vater telefonierte. Die Elbe gurgelte mattschwarz an mir vorbei, und manchmal musste ich in das Mikrofon meines Handy schreien, weil in Abständen von zehn Minuten Güterzüge durch den hintersten Winkel des Elbsandsteingebirges rauschten.

Wir unterhielten uns über die Spielstände in der Bundesliga. „Die Gladbacher nehmen gerade die Bayern auseinander“, jubelte er. „Nicht dein Ernst?“, antwortete ich. „Doch, 3:1 steht es, der komische Ribery hat zwar gerade noch getroffen, aber es ist bald aus.“

Dann kamen wir im Moment der gemeinsamen Fußballfreude auf das Thema Sachsen zu sprechen. Ich wanderte gerade unterhalb der Gemeinde Reinhardtsdorf-Schöna an der tschechischen Grenze entlang, wo die NPD bei der Kommunalwahl im Jahr 2014 mehr als 20 Prozent der Stimmen bekam.

Ich erzählte ihm von der Gruppe Betrunkener, die mit mir auf der Fähre vom tschechischen Hrensko nach Reinhardtsdorf-Schöna übersetzten, wie sie johlten, als sie endlich wieder „deutschen Boden“ unter den Füßen hatten.

Meinem Vater kamen plötzlich elterliche Bedenken.

„Pass bloß auf mit den Nazis. Und halt dich ein wenig zurück.“

„Ich denke gar nicht daran.“

„Sei vorsichtig mit den Brüdern.“

„In was für einem Land leben wir denn, in dem ich nicht mehr meine Meinung sagen kann, ohne dafür Prügel von Nazis zu riskieren?“

Er resignierte. Ich hielt mich selbst für ziemlich demokratisch. Er mich wahrscheinlich für verdammt stur.

Was ich ihm nicht sagte: Die Paranoia hatte mich zu diesem Zeitpunkt schon fest im Griff. Ich lief mit einem Rucksack durch eine der schönsten deutschen Landschaften, es war der Vorabend des zweiten Advents.

Morgen Früh würden sich die Kinder links und rechts des Elbufers über ihre gefüllten Nikolausstiefel freuen. Ich dachte jedoch beim Gedanken an meine Wanderung von Tschechien nach Dresden immerzu an das, was ich nicht sehen und hören konnte. Das hatte Gründe, die mich nun in der Dunkelheit mehr denn je beschäftigten.

Vor eineinhalb Jahren war ich schon einmal in der Region unterwegs. Wir feierten den Junggesellenabschied eines in Sachsen geborenen Freundes, der kurz vor seinem berufsbedingten Umzug nach Kairo stand. Aus Spaß inszenierten wir in Berlin eine „Entführung“ des Bräutigams. Ich trug eine Schutzweste mit Flecktarnmuster, meine Freunde arabische Kaftane.

In Pirna wollten wir noch schnell die nötigsten Dinge für das Wochenende einkaufen: Brot, Knabbereien, Bier. Wir waren kaum aus dem Auto ausgestiegen, da zückte ein offensichtlich alkoholisierter, älterer Mann ein Feuerzeug und versuchte, das Gewand eines Freundes anzuzünden. „Nu, mal guggn, wie schnell du brennen gonnst“, sagte der Mann.

Noch bevor wir die Eingangstür des Supermarkts erreicht hatten, wurden wir von zwei weiteren betrunkenen Männern bedroht, die wir erst durch viel gutes Zureden und einer gewagten Geschichte von der Bewältigung eines Traumas besänftigen konnten. Die übrigen Kunden beobachteten uns verdruckst durch die Regalreihen. Niemand schritt ein.

Die Männer warfen uns vor, unserer Kostümierung wegen „unpatriotisch“ zu sein und uns über das „eigene Vaterland“ lustig zu machen. Einem normalerweise sehr fröhlichen rheinischen Karnevalisten, der ebenfalls Teil unserer Feiergesellschaft war, verschlug es die Sprache.

Um ehrlich zu sein: Ich hatte Angst, schon wieder in eine solche Situation zu geraten.

Dieses Mal war ich zwar bürgerlich gekleidet, mit Mantel und Schiebermütze. Aber gänzlich allein. Was würden die Menschen denken, wenn sie um diese Jahreszeit einen Wanderer sehen würden? Ein junger Mann, der bei Wind und Kälte durch das Elbtal marschiert und offenbar nicht zur Dorfgemeinschaft gehört?

Schon im nächsten Moment schämte ich mich für den Gedanken. Denn meine Angst war nichts weiter als ein pauschales Ressentiment gegenüber den Bewohnern der Sächsischen Schweiz. Ich nahm all die Dorfbewohner um mich herum in Sippenhaft für Dinge, die ich bei einzelnen beobachtet hatte. Soziologen nennen das „gruppenbezogene Vorurteile“.

Und war es nicht gerade das, was ich den Fremdenfeinden vorwarf, die in diesem Jahr durch die Straßen des Freistaates zogen, und ihren Hass auf Flüchtlinge in den Abendhimmel brüllten?

So spürte ich mit jedem Schritt Richtung Bad Schandau, wie sehr mich dieses Jahr 2015 selbst nach 15 Wanderkilometern noch im Griff hatte. Ich hatte verlernt, zu vertrauen.

Das Schreien und Fauchen in der Flüchtlingsdebatte hat etwas beschädigt, was für uns alle enorm wichtig ist: Den Glauben daran, dass unser Gemeinwesen am Ende schon funktionieren wird. Und dass die meisten Menschen es am Ende doch irgendwie gut meinen, wenn man ihnen mit offenem Herzen gegenübertritt.

Darauf sollten wir uns Ende dieses Jahres zurückbesinnen.

Am Ortseingang von Krippen traf ich einen Handwerker, der seinen Terrier ausführte. Er grüßte mich freundlich.

Und als der Hund zu bellen anfing, nahm er ihn an die kurze Leine und flüsterte ihm zu: „Das ist nur ein netter Mann mit einem Rucksack“.

sachsen

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

Die neuesten Texte der HuffPost-Tour: