POLITIK
09/12/2015 06:40 CET | Aktualisiert 09/12/2015 17:32 CET

Vergewaltigt, verprügelt, vernachlässigt: Warum ein Missbrauchsopfer in Deutschland keine Gerechtigkeit erfährt

Sabrina Tophofen
Sabrina Tophofen

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Über den Rand ihres Milchkaffees sieht Sabrina Tophofen mir direkt in die Augen. Ihre schwarzen Haare sind kurz geschnitten. Trotzdem löst sich immer wieder eine einzelne Strähne hinter ihrem Ohr und rutscht ihr ins Gesicht. Sie wirkt fröhlich und offen. Eine ganz normale junge Frau, die zu einer Verabredung kommt.

Aber während ich noch an dem Aufnahmegerät herumfummele und meine Fragen zurechtlege, kommen mit immer wieder Fetzen aus ihrem Buch in den Sinn.

Bilder von einem kleinen, verängstigten Mädchen mit schwarzen Haaren und blauen Augen, das nicht versteht, warum sein Papa nachts zu ihm ins Bett kommt. Ich kann sie vor mir sehen. Dreckige Kleider, die ihre Schrammen und Blutergüsse kaum verdecken.

Die Hände von Papa sind rau wie eine Nagelfeile, es brennt an meinen Schenkeln. Schnell mache ich meine Augen ganz fest zu und tue so als wenn ich schlafe.

Die Frau, die heute vor mir sitzt, ist nicht mehr ängstlich und wehrlos. Sie ist sogar stark genug, um ihre Stimme zu erheben und voller Offenheit über das zu sprechen, was ihr angetan wurde.

Nicht nur von ihren Eltern, die sie schlugen, missbrauchten und vernachlässigten. Sondern auch von Jugendamts-Mitarbeitern, Nachbarn, Familienmitgliedern, die davon wussten - und weggesehen haben.

„Mein Vater wurde nie für das bestraft, was er mir angetan hat. Aber ich habe lebenslänglich bekommen.“

Du musst wissen, wenn man einen Menschen liebt, dann macht man das so. Es ist was ganz, ganz Besonderes.

Lebenslänglich ist auch der Titel ihres Buches, in dem sie den Missbrauch offen und detailreich beschreibt.

„Ich wollte all meinen Mut zusammen nehmen und all meine Kraft darein stecken, um den Leuten mal zu zeigen, was hinter diesen verschlossenen Türen passiert.“

Es vergeht kaum ein Tag, an dem Tophofen nicht daran denkt. Ihre Kindheit ist ihr ständiger Begleiter. Gerade deshalb geht sie in die Offensive.

„Ich will das Tabu-Thema brechen. Ich will eine Stimme für alle Kinder sein. Ich will anderen Mut machen, sich Hilfe zu suchen – denn das steht jedem zu.“

Aber nicht jeder ist in der Lage, seine Stimme zu erheben. „Mir geht es heute gut“, sagt Tophofen. „Aber es gibt so viele Frauen und Kinder in Deutschland, die nicht so damit umgehen können wie ich.“

Zieh dich mal aus und leg dich auf den Bauch hin, ich will deinen Popo sehen. Den müssen wir richtig gut einschmieren.

Damit Wunden heilen können und Opfer Gerechtigkeit erfahren, braucht Deutschland strengere Gesetze. Kinderschänder sollten lebenslänglich ins Gefängnis kommen, findet Tophofen. Schließlich tun sie ihren Opfern das Gleiche an.

„Ich bin davon überzeugt, dass sich mehr Opfer trauen würden, ihre Peiniger anzuzeigen, wenn die Strafen höher wären.

Aber in Deutschland wird ein Kinderschänder vor Gericht ‚im Namen des Volkes’ mit zwei Jahren Bewehrung freigesprochen. Ich glaube nicht, dass das im Interesse des Volkes ist.“

Es war der Fall Edathy, der sie schließlich davon überzeugte, das Buch „Lebenslänglich. Psst... wenn nachts der Papa kommt“ zu schreiben.

Kurz nachdem herauskam, dass Sebastian Edathy sich kinderpornografisches Material aus dem Internet geladen hatte, wurde Uli Hoeneß wegen Steuerhinterziehung verurteilt.

Zwei Fälle, die scheinbar nicht zusammenhängen – für Tophofen aber waren sie entscheidend.

„Uli Hoeneß hatte Steuern hinterzogen und wurde dafür zurecht bestraft. Er bezahlte seine Schulden zurück – trotzdem ist er bis heute im Gefängnis. Edathy hingegen musste lächerliche 5.000 Euro an eine Stiftung spenden und das war's. Man hört nichts mehr darüber.“

Das veranlasste die heute 35-Jährige, Angst und Schamgefühle zu überwinden und aufzuschreiben, was man ihr angetan hat.

Er hört nicht auf. Zitternd versuche ich meine Beine zusammenzukneifen, aber es klappt nicht. Er schiebt meine Beine einfach auseinander und geht wieder an meine Maus.

„Unsere Gesellschaft, gerade die Deutschen, brauchen diese Schocktherapie. Nur wenn etwas unglaublich schlimm ist, unglaublich brutal ist, schenken wir ihm überhaupt Aufmerksamkeit.“

Und dafür wird Tophofen weiterkämpfen. „Bis ich eines Tages meine Augen schließe.“

sabrina tophofen

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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