LIFE
10/12/2015 11:32 CET | Aktualisiert 10/12/2015 17:08 CET

Diese Sache hat Köln Deutschland voraus – sie wird über die Zukunft entscheiden

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Kölner können keine 24 Stunden in die Zukunft planen, sagen Spötter. Sie haben Recht. Das sieht man daran, dass die Stadt immer wieder in Skandale verwickelt ist – ob es nun um Spendengelder oder um den Pfusch beim Bau der U-Bahn geht.

Den Kölnern selbst ist das offensichtlich egal. Sie machen Witze, ziehen sich bunte Kostüme an und trinken ein paar Kölsch.

Nichts, was uns weiterbringen würde, sagen jetzt viele Deutsche.

Doch, weil Köln eine Stadt mit Seele ist. Sie ist vielleicht nicht so hübsch und funktionstüchtig wie München oder Stuttgart, aber die Menschen darin machen sie liebens- und lebenswert.

Menschen wie Shirin Shaghaghi. Seit zehn Jahren gehört ihr der Kölnkiosk in der Brüsseler Straße. Mit 18 Jahren hat sie ihre Berufung gefunden – sie will einen Kiosk betreiben, einen, „in dem sich die Menschen wohlfühlen“. Büdchen gibt es nur im Rheinland - sie sind das Symbol für eine ganz andere Einstellung zum Leben: Ein Symbol fürs Innehalten, fürs Zuhören.

Wer die Seele von Köln kennenlernen will, muss in einem Büdchen anfangen zu suchen.

Tatsächlich fühlt man sich sofort willkommen, wenn man Shirins Laden betritt.

Kunden werden wie alte Freunde empfangen - Shirin und ihre Mitarbeiterinnen machen Kaffee, verkaufen Snacks und plaudern mit ihren Kunden. „Wie läuft es mit dem Lernen?“ „Wie geht’s dem Kleinen?“

„In meinem Job lernst du alle Arten von Menschen kennen. Hier kommt jeder vorbei“, bestätigt Shirin. „Du kriegst viel Schönes mit und viel Trauriges. Das liegt daran, dass du die Menschen sehr kurz, aber sehr intensiv kennenlernst. Es gibt welche, die kommen mit ihrem Rucksack und wollen den abladen. Die wollen einfach nur, dass jemand ihnen zuhört.“ Dann ist Shirin so etwas wie eine Ersatztherapeutin.

„In diesem Laden fallen aber keine rosa Herzen vom Himmel“, sagt Shirin und lacht. Nein, das nicht. Aber man fühlt sich wohl und bleibt gern etwas länger, spricht mit den anderen Kunden, tauscht sich aus. Wenn eine Stadt eine Seele haben kann, dann spürt man sie hier.

Wenn man Shirin nach der Zukunft fragt, dann sagt sie: „Die ist rosarot“ - und lacht wieder.

Sie setzt große Hoffnungen in die junge Generation. „Die ist cool – so weltoffen und voller Power. Ich treffe viele junge Menschen, die weltgewandt und ehrgeizig sind.“ Sie hofft, dass diese Menschen die Zukunft von Deutschland in die Hände nehmen werden.

Natürlich kann man jetzt aufzählen, was alles in Deutschland den Bach runtergehen könnte und welche riesigen Aufgaben wir meistern werden müssen. Was ist mit den Flüchtlingen, der Wirtschaft, der Terror-Angst?

Man kann jetzt – wie es die deutschen Politiker gerade tun – Vorkehrungen treffen, um sich vor allem Fremden zu schützen – ob es nun "gefährlich" ist oder nicht. Oder man hält einfach die Tür auf und schaut, was kommen wird. So wie Shirin.

Wenn ich mir die immer größere Abwehrhaltung gegen Flüchtlinge anschaue, dann denke ich mir manchmal, dass vielleicht etwas mehr Kölner Lebensfreude – und, ja, auch Leichtsinn – unserem Land sehr gut tun würde. Es würde einfach mehr Freude machen, dort zu leben.

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