POLITIK
09/12/2015 08:31 CET | Aktualisiert 17/12/2015 03:19 CET

"Sieht aus wie KZ": Neben einem FKK-Campingplatz in Sachsen steht das absurdeste Flüchtlingsheim Deutschlands

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Städte und Gemeinden in ganz Deutschland suchen dringend nach Gebäuden, in denen sie Flüchtlinge unterbringen können. In der Not fällt die Wahl dann schon mal auf Orte, die alles andere als wohnlich sind. Orte fernab jeglicher städtischen Zivilisation, ohne Verbindung zur Außenwelt.

In Volkersdorf in Sachsen befindet sich ein solcher Ort. In einem leer stehenden Kinderkurheim an einem verlassenen Weiher sollen ab dem 18. Dezember Flüchtlinge wohnen. Wer dort schon einmal nach der Abenddämmerung gewesen ist, wird bestätigen: Nicht einmal seinem schlimmsten Feind würde man wünschen, auch nur eine Nacht an diesem Ort verbringen zu müssen.

Kein Wunder, dass Anwohner sagen, das neue Asylbewerberheim erinnere sie an das KZ Buchenwald.

Volkersdorf liegt nur wenige Kilometer von Dresden entfernt, direkt neben dem Flughafen. Doch wenn man die holprige, notdürftig geflickte Straße am Ortseingang hinunterfährt, fühlt es sich an wie das Ende der Welt. Dieses Gefühl verstärkt sich, je näher man dem Waldteich kommt.

Am Ende des Weges liegt ein Campingplatz. Auf einem Eisentor steht "Familiensport- und FKK-Bund".

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Der ausgestorbene Campingplatz mit angeschlossenem FKK-Bereich; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Hartgesottene würden das ausgestorbene Gelände vielleicht als idyllisch bezeichnen. Andere würden sagen, das ist einer der unheimlichsten Orte, an dem sie je waren. Wohl kaum der richtige Platz für traumatisierte, geflüchtete Menschen.

Trotzdem: In zehn Tagen werden 140 von ihnen hier ankommen. Familien. Sie werden in den Baracken des Kinderheims wohnen, in dem bis vor wenigen Wochen Tschernobyl-Opfer aus Weißrussland zur Erholung untergebracht waren.

Das Heim wurde im November endgültig geschlossen – aus Kostengründen. In einem der Bungalows hängt noch eine Pinnwand mit Fotos einiger Kinder. "Wir sind aus Weißrussland“ steht da, dazu eine Landkarte der Region, aus der sie kommen.

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Überbleibsel der Kinder, die hier noch vor wenigen Wochen gewohnt haben; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Den Kuraufenthalt für die Kinder konnte die Gemeinde nicht finanzieren - aber für die Flüchtlinge soll auf einmal Geld da sein? Das regt die Menschen auf. Die Bauarbeiter, die vor einem Tag begonnen haben, das Heim notdürftig zu renovieren, haben dafür kein Verständnis. "Was betreiben die hier so einen Aufwand?“, sagt einer von ihnen. "Die sollen mal lieber neue Kitas bauen und uns eine bessere Rente zahlen.“

"Die Wände sind dünn, das Gebäude brennt in Windeseile nieder"

Er glaubt, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch hier jemand einen Brandanschlag verübt. "Sobald sich rumgesprochen hat, dass hier Flüchtlinge wohnen, kannste Gift drauf nehmen, dass die Rechten anrücken", sagt er. "Hat man ja in Heidenau und in Freital gesehen, wie schnell das geht.“ Die Wände seien dünn und die Baracken extrem schnell nur noch Schutt und Asche.

Die dünnen Wände sind nicht das einzige Problem an dem Gebäudekomplex. Die Strom- und Wasserleitungen sind marode. In vielen Räumen hängen Kabel aus der Wand.

Noch stehen keinerlei Möbel dort. Keine Betten, keine Stühle, keine Möglichkeit zu kochen. Betten zumindest sollen wohl noch kommen, die Frage ist, ob rechtzeitig?

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Die Räume sind in miserablem Zustand - Hier sollen in zehn Tagen die Flüchtlinge einziehen; Credit: HuffPost/Lea Kosch

An diesem Ort zu wohnen, ist die eine Sache, sich hier wohlzufühlen die andere. An den Hauswänden hängen große, altertümliche Scheinwerfer, die wohl für die Sicherheit der Kinder auf dem weitläufigen Gelände sorgen sollten. Ein Ziegelschornstein auf dem mittleren Gebäude dürfte bei vielen Leuten eine Assoziation hervorrufen, die angesichts der Tatsache, dass dort Geflüchtete wohnen werden, nicht unpassender sein könnte.

"Das ist kein Ort für die“, findet ein anderer Arbeiter. "Hier gibt’s doch nichts zu tun. Was sollen die schon anderes machen als in der Siedlung einzusteigen und Sachen mitgehen zu lassen?“ Er gibt sich keine Mühe, seinen Argwohn zu verbergen. "Wenn die weg sind, steht hier nichts mehr. Die schlagen alles kurz und klein. Hat man doch in anderen Heimen gesehen.“

Ähnliche Sorgen haben auch die Besitzer der Schrebergärten. Einige Grundstücke schließen direkt an das Gelände des ehemaligen Kinderheims an. "Begeistert über die Flüchtlinge ist hier niemand“, sagt ein Dresdner, der in dem Erholungsgebiet an dem Weiher ein kleines Haus gekauft hat.

Verschleierte Frauen neben dem FKK-Bereich - kann das funktionieren?

Vor einigen Tagen hat die Stadt Radeburg, zu der Volkersdorf gehört, die Bürger zu einer Versammlung eingeladen und die Ankunft der Flüchtlinge offiziell bekannt gegeben. "Bedenken gibt es immer“, sagt die Bürgermeisterin von Radeburg, Michaela Ritter. "Bei dem Treffen haben wir uns aber Mühe gegeben, den Menschen die Sorgen zu nehmen.“

Ritter hofft, dass Flüchtlinge und Deutsche friedlich miteinander umgehen werden. "Ich gehe erstmal davon aus, dass es keine Unruhen oder Zwischenfälle geben wird“, erklärt die Bürgermeisterin zuversichtlich. Derzeit organisiere sie mit den Vereinen aus der Umgebung ein Betreuungsprogramm für die Flüchtlinge.

20 Freiwillige hätten sich schon gemeldet. "Wir müssen den Menschen das Gefühl geben, dass sie dazugehören und dafür sorgen, dass sie sich an dem abgeschiedenen Ort nicht ausgeschlossen fühlen.“

Leicht gesagt – aber auch leicht umgesetzt? Ob das mit dem problemlosen Zusammenleben auch funktioniert, wenn im Sommer die Erholungsurlauber nackt im FKK-Bereich auf ihren Handtüchern liegen und Würstchen grillen, während wenige Meter weiter muslimische Frauen ihre Verschleierung auch bei 30 Grad im Schatten nicht ablegen?

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Die Besitzer der kleinen Hütten am Weiher sehen die Unterbringung der Flüchtlinge in dem Erholungsgebiet kritisch; Credit: HuffPost/Lea Kosch

Zunächst aber steht den Flüchtlingen in Volkersdorf ein langer, dunkler Winter bevor – der Herausforderungen mit sich bringen wird, die jetzt nur zu erahnen sind. Der nächste Lebensmittelladen ist der Frischemarkt Frida in Boxdorf, zweieinhalb Kilometer entfernt. Bei Schnee ist die Straße quasi nicht passierbar, bestätigt die Kassiererin im Frida, die aus der Gegend stammt.

"Uns beschäftigt das schon, was da für Veränderungen auf uns zu kommen. Wir sind hier ja auf dem Dorf“, sagt sie. „Man hört ja immer wieder Geschichten von Flüchtlingen, die in Läden randalieren.“

Von Vorurteilen aber hält sie nicht viel. Sie wolle sich selbst ein Bild machen, wenn die Menschen in ihrem Supermarkt auftauchten.

Die Dämmerung legt sich über das Kinderkurheim von Volkersdorf. Als die Baustellenautos hinter der ersten Kurve verschwunden und das Licht ihrer Scheinwerfer nicht mehr zu sehen ist, ist es stockdunkel. Es ist diese Art von Dunkelheit, in der man bei jedem kleinsten Geräusch zusammenzuckt.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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