WIRTSCHAFT
08/12/2015 18:18 CET | Aktualisiert 09/12/2015 17:39 CET

Ein Aussteiger aus der Finanzbranche rechnet mit der Regierung ab

Thomas Mayer
Thomas Mayer rechnet ab

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Banker sind in Deutschland so unbeliebt wie kaum ein anderer Berufszweig. Das liegt sicher auch daran, dass sie unfassbare Macht haben. Ihre Entscheidungen können ganze Volkswirtschaften in den Abgrund reißen - oder Menschen reich machen.

Wenn man sich mit der Zukunft Deutschlands befasst, muss man sich daher auch mit seinen Bankern beschäftigen. Was sie bewegt, wie sie ticken - und was sie falsch machen.

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Die Huffington Post hat deshalb mit einem gesprochen, der einmal ganz oben war - dann aber anfing, an dem System zu zweifeln. Thomas Mayer war einmal Chefvolkswirt der mächtigen und skandalerschütterten Deutschen Bank - und musste wegen seiner Kritik am System schließlich gehen.

Zuvor war er beim Internationalen Währungsfonds (IWF), später dann bei der Investmentbank Goldman Sachs. Mayer weiß also, wie das Finanzsystem tickt - und welche Schwächen es hat.

Heute versucht Thomas Mayer, am Forschungsinstitut der Vermögensverwalter Flossbach von Storch neue Denksysteme für unsere Wirtschaft zu entwickeln. "Wir wollen eine Brücke bauen zwischen Universitäten, die eher weltfremd forschen, und Banken, die mehr das Tagesgeschäft im Blick haben", erklärt er.

Mit der Huffington Post sprach er über die Zukunft Deutschlands – und was sich ändern muss, damit wir nicht in die nächste Finanz-Katastrophe schlittern.

1. "Die aktuelle Ruhe ist trügerisch"

Mayer ist davon überzeugt, dass die momentane stabile Wirtschaftslage trügerisch ist: "Zusammengefasst fühlt sich die aktuelle Situation gut an, aber es ist nicht wirklich stabil. Deutschlands Wirtschaftsleistung ist so stark, weil wir sehr viel exportieren. Das heißt aber, dass wir von der Weltkonjunktur extrem abhängig sind. Wenn es zu einem weltweiten wirtschaftlichen Abschwung kommt, dann sind wir davon stark betroffen."

Gleichzeitig wirke der niedrige Ölpreis und der schwache Euro wie ein Konjunkturprogramm für deutsche Unternehmen. All das täuscht über die eigentliche wirtschaftliche Lage hinweg. Die, so glaubt er, sei längst nicht so rosig, wie viele denken.

2. "Wir sind nicht auf einen Abschwung vorbereitet."

Die deutsche Wirtschaft ist laut Mayer schlecht auf einen Abschwung vorbereitet. Statt uns wirtschaftlich solide aufzustellen, habe Deutschland eher auf soziale Geschenke gesetzt, wie die Mietpreisbremse und die Rente mit 63.

Wie unvorbereitet die Regierung auf plötzliche Änderungen der Lage sei, zeige das Management der Flüchtlingskrise. "Wir sind komplett überrascht worden, es herrschte Chaos diesen Sommer. Das ist ein Indiz dafür, was passieren wird, wenn der Aufschwung vorbei ist."

Sein wütendes Statement: "Diese Regierung hat unsere Verwundbarkeit erhöht. Wir haben die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft systematisch verringert, das Chaos wird sich bei einem Abschwung wiederholen. Unsere Wirtschaftspolitik ist nicht vorbereitet. Man wartet, bis die Misere kommt."

3. "Nach der Finanzkrise wurde das System nicht geändert - und das war ein Fehler"

Einen weiteren Fehler sieht Mayer im Umgang mit der letzten Finanzkrise im Jahre 2008: Bestimmte Banker seien als Verbrecher bezichtigt worden, während der Fehler im System liege. "Vieles, was schiefgelaufen ist, wurde als persönliche Verfehlung von bestimmten Akteuren ausgelegt. Aber damit macht man es sich zu leicht. Es ist falsch zu sagen, man bestraft diese Leute und dann geht alles weiter."

4. "Der Aufschwung hat seinen Zenit schon überschritten"

Der wirtschaftliche Aufschwung, den wir hier in Deutschland erleben, begann schon 2009. "Er ist also ein relativ alter Aufschwung", resümiert Mayer. "Es wird sich wahrscheinlich kein besseres Wachstum ausbilden. Vielmehr werden die Probleme, die in dieser Zeit geschaffen wurden, eine Korrektur in Form einer Krise nach sich ziehen. Diese Probleme können dadurch entstehen, dass durch die extrem niedrigen Zinsen Kapitale in falsche Verwendungen geleitet werden. Das wird dann eine Abwärtsspirale auslösen – wann sie kommen wird, kann ich allerdings nicht sagen."

5. "Das Hauptproblem ist die Geldproduktion der Zentralbanken"

Er erklärt: "Eine Handvoll Zentralbanken beherrscht den Finanzmarkt. In Europa macht die Zentralbank eine niedrige Zinspolitik, die auf lange Sicht nicht funktionieren wird. Denn wir sind immer noch weit weg von einer Rückkehr in die Normalität. Die Zinsen sind bei Null, die Staaten überschuldet." Diese Spirale aus niedrigen Zinsen und hohen Schulden wird laut Mayer über kurz oder lang zu einem wirtschaftlichen Abschwung führen.

Doch Mayer hat einen Vorschlag, wie man das Finanzsystem stabilisieren könnte – um weitere Finanzkrisen zu vermeiden, die Leute ihrem Hab und Gut berauben könnten. Darüber hat er ein Buch geschrieben: "Die neue Ordnung des Geldes – Warum wir eine Geldreform brauchen".

Bei seiner Recherche stieß Mayer auf die Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule. Sie erklärt seines Erachtens die Finanzkrise. Die Vertreter dieser Theorie fordern deshalb, den Banken die Geldproduktion aus der Hand zu nehmen.

So sieht es auch Mayer: "Die Produktion von Geld ist als öffentlich-private Partnerschaft organisiert. Zentralbanken und Staaten beeinflussen und kontrollieren den Produktionsprozess. Diese Art der Geldproduktion führt systematisch zu wirtschaftlicher Instabilität." Er erklärt: "Die Ursachen haben damit zu tun, wie unser Geldsystem organisiert ist. Das gegenwärtige Geldsystem ist instabil und sollte verändert werden."

6. "Die Geldproduktion sollte privatisiert werden"

Mayers Vorschlag ist, die Geldproduktion zu privatisieren. Es soll dann mehrere Geldanbieter geben wie große Firmen oder soziale Netzwerke. Die Währungen dieser Anbieter wären in diesem Fall eine direkte Konkurrenz zu unserer herkömmlichen Währung, dem Euro.

Mayer ist der Meinung, dass sich der Finanzmarkt auf diese Weise stabilisieren kann, da die Kreditvergabe somit reguliert werden würde. Der Grund: Die Geldproduzenten würden in diesem Szenario die Kredite nur vergeben, wenn sie sich sicher wären, dass sich die Investition lohnen würde. Das sei bei Banken nicht der Fall.

Nur sind wir in der Realität von so einer Reform des Finanzmarktes noch meilenweit entfernt - wenn selbst eine Idee wie die Umsetzung einer Transaktionssteuer kontinuierlich scheitert.

Mayer räumt auch ein: "Ich weiß, das hört sich utopisch an. Aber man sollte nicht komplett unvorbereitet sein, wenn das System ins Wanken gerät."

7. "Die nächste Finanzkrise wird die Entscheidung bringen"

Er erklärt: "Wenn eine neue Finanzkrise kommt, dann werden die Zentralbanken machtlos dastehen. Es wird sich zeigen, dass das gegenwärtige System nicht gesunden kann. Es kann nicht lange gut gehen."

Und dann hofft Mayer darauf, dass es eine neue Debatte um das Finanzsystem geben wird - und sein Vorschlag auf breitere Zustimmung in der Bankenszene stößt, die seine Theorie bisher vehement ablehnt.

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