WIRTSCHAFT
09/12/2015 11:15 CET | Aktualisiert 10/12/2015 13:23 CET

Dieser Café-Besitzer hat einen ganz eigenen Weg gefunden, armen Menschen zu helfen

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Wenn Karl von Jena über Deutschland nachdenkt, kommen ihm wenig gute Gedanken. "Ich habe das Gefühl, dass es in Deutschland kälter geworden ist.“

Er meint damit nicht nur die morgendlichen Temperaturen. Sondern auch die Menschen. Diejenigen, die sich nicht für die Armen, die Abgehängten interessieren. Und diejenigen, die Angst vor den fremden Menschen haben, die in unser Land kommen.

Karl von Jena wirkt nicht enthusiastisch, während er spricht. Er ist ein bescheidener Typ. Niemand, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt.

Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hat er etwas geschafft, das in diesen Zeiten wertvoll ist. Er hat einen ganz eigenen Weg gefunden, armen Menschen zu helfen.

In seinem Café gibt es ein wärmendes Getränk für die Menschen, die von der Gesellschaft abgehängt wurden – und zwar kostenlos.

Einen Kaffee trinken, zwei Kaffee bezahlen – das Konzept ist schon ein paar Jahrhunderte alt und kommt aus Neapel. Inzwischen gibt es den "Caffè Sospeso" – also den schwebenden, aufgeschobenen Kaffee – in vielen Metropolen weltweit. Seit wenigen Wochen auch im Café Anna in Regensburg.

„Ich hab auf die Gesellschaft geblickt und gesehen, was derzeit in Deutschland passiert. Da wollte ich ein Zeichen setzen – für Wärme, für mehr Miteinander in der Gemeinschaft.“

Es ist eine kleine Geste, die für den Schenkenden nicht anstrengend, sondern praktisch ist. An der Kasse bezahlt der Kunde einfach zwei Kaffee. Den Gutschein steckt er dann in das Brett direkt neben der Eingangstür. Hier kann sich der Bedürftige einfach im Vorbeigehen einen Gutschein rausnehmen.

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Heute gibt es 31 "Kaffee vom Brett" für Bedürftige, Credit: Sophia Maier


„Der Gutschein ist unscheinbar. Er sieht genauso aus wie alle anderen. So kann der Bedürftige diskret einen Kaffee bestellen, ohne verurteilt zu werden.“ Der Café-Besitzer möchte sicherstellen, dass sich niemand schämen muss, der zum „Kaffee vom Brett“ greift.

Von Jena macht dabei keine Unterschiede. Er spielt nicht den deutschen Obdachlosen gegen den syrischen Flüchtling aus, wie es in den Kommentar-Spalten der sozialen Netze in den letzten Wochen immer wieder passiert.

„Das Angebot ist für jeden. Obdachlose, Rentner, Alleinerziehende. Oder eben auch Flüchtlinge. Es geht um die Menschen, die sich keinen Kaffee leisten können. Unabhängig von ihrer Herkunft. Wir setzen keine Regeln, wir wollen keine Grenzen“, erklärt er.

Denn nicht jedem Kunden sieht man die Armut auf den ersten Blick an. Etwa der alleinerziehenden Mutter, die ihrem Kind keinen warmen Kakao kaufen kann. Der alten Frau, deren Rente so niedrig ist, dass das Geld selten für eine Kaffeepause ausreicht. Oder dem passabel gekleideten Zeitungsverkäufer, der sich kurz aufwärmt, bevor es wieder raus in die Kälte geht.

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"Tun Sie einem unbekannten Menschen etwas Gutes" im Café Anna, Credit: Sophia Maier


„Die Mittelschicht bricht weg. Es gibt mehr Menschen, die sich einen Café-Besuch kaum noch leisten können. Wir wollen aber alle Menschen bei uns haben“, sagt von Jena. Jeder Mensch sei wichtig, jeder habe Gemeinschaft verdient.

Und das klappt. Bis heute haben die Gäste bereits über 100 kostenlose Kaffee gespendet. Anfangs musste der Café-Betreiber noch nachhelfen und das Brett selbst mit Gutscheinen füllen. Inzwischen kommen genug Menschen in das Café, die einen Kaffee für mehr Miteinander kaufen.

"Die Spender sind bunt gemischt. Das sind zum Beispiel Studenten oder Familienväter. Gestern kam eine ältere Dame, die gleich zwei Gutscheine kaufte.“

Oder auch Lena. Sie ist erst 19, steckt noch mitten in der Ausbildung. „Ich hab selber nicht viel Geld. Aber es kostet auch nicht viel, anderen Menschen eine kleine Freude zu machen“, sagt sie und steckt zwei Cappuccino-Gutscheine in das Brett.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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