POLITIK
09/12/2015 08:25 CET | Aktualisiert 05/09/2016 15:01 CEST

„Ich musste Essen stehlen, damit wir nicht hungern" - Hunderttausende Alleinerziehende sind arm trotz Arbeit

Millionen Deutsche sind arm.
dpa
Millionen Deutsche sind arm.

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Dass Marek Müller ganz unten angekommen war, merkte er, als er zum Dieb wurde. „Ich stand im Laden und als niemand in der Nähe war, steckte ich einfach etwas Obst und Gemüse in meine Jackentaschen.“ Klar habe er sich schlecht gefühlt. „Aber anders ging es nicht. Ich musste stehlen, damit meine Kleine und ich nicht hungern.“

Der Vater senkt den Blick als er darüber spricht, wie es ihm noch im vergangenen Jahr erging. Müller heißt in Wahrheit nicht Müller. Aus Scham will er seinen richtigen Namen nicht verraten. Dabei zeigt die Lebensgeschichte des Bayern exemplarisch, wie schwer es selbst Angehörige der unteren Mittelschicht gerade haben.

Der Mann Ende 30 mit akkuratem Seitenscheitel lebt in München. Seit mehr als einem halben Jahrzehnt hat er ohne Unterbrechung eine feste Anstellung. Zwischenzeitlich tauschte er seinen Hausmeisterposten zwar gegen einen Job in der Verwaltung – doch arbeitslos war er in dieser Zeit nie.

Müller verdient nicht viel weniger als die meisten Deutschen. Sicher, die Miete und vieles andere sind in seiner Stadt teurer als in anderen Regionen. Für ihn alleine würde sein Gehalt aber wohl reichen.

Nach Abzug der Fixkosten blieben 100 Euro übrig

Doch Müller ist alleinerziehender Vater. Die Mutter seiner Tochter Maria starb vor einigen Jahren an Krebs – seither kämpft er sich mit einer Teilzeitstelle durchs Leben. Bereits vor Jahren hat er seine Arbeitszeit von 30 auf 25 Stunden heruntergeschraubt. „Mehr ging nicht, auch weil ich meinen Schatz ja nicht rund um die Uhr in den Kindergarten geben wollte“, sagt Müller rechtfertigend.

Gut 1000 Euro netto hat er in den vergangenen Jahren mit seinem Teilzeit-Job im Durchschnitt verdient. 200 Euro seien da nach Abzug der Miete und anderer Fixkosten übrig geblieben, rechnet er vor. In einem schlechten Monat sogar nur 100 Euro. „Das hat natürlich nicht einmal für das Nötigste gereicht“, sagt der Mann, in dessen Gesicht sich tiefe Furchen gegraben haben. Sein Blick schweift dabei durch das karge Zimmer.

Ein Schrank, ein Fernseher, ein Tisch, ein leeres Terrarium ein paar Stühle und ein Bett – nicht viel steht in seinem Wohnzimmer, das er auch zum Schlafen nützt. „Den Schrank habe ich mir erst vor kurzem kaufen können.“ Zuvor habe er die Kleidung eben im Bügelkorb gestapelt. Viel habe er ja eh nicht. „Zwei Hosen. Mehr ist nicht drin“, sagt er.

Im Kinderzimmer liegen Dutzende Stofftiere auf dem Sofa, im Regal stapeln sich Spiele und Kinderbücher“. An seiner Tochter, die mittlerweile in die Schule geht, habe er „nie gespart“. Wenn es eng wurde, habe er „selbst eben noch mehr verzichtet“.

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"An meiner Tochter habe ich nie gespart" - Auf dem Sofa im Kinderzimmer liegen zahlreiche Stofftiere.

Doch wie kann es sein, dass sich in einem reichen Land ein arbeitender Familienvater nur noch mit Mundraub zu helfen weiß? In Müllers Fall spielt auch Unwissenheit eine Rolle. Denn jeder, dem zum Leben weniger als das Existenzminimum zur Verfügung steht, kann eigentlich sein Einkommen mit Hartz IV aufstocken.

42 Prozent der Alleinerziehenden sind von Armut bedroht

Über 1,2 Millionen Menschen in Deutschland lassen ihr karges Gehalt von der Arbeitsagentur aufbessern. Viele davon sind Alleinerziehende. Kein Wunder: laut Paritätischem Wohlfahrtsverband sind 42 Prozent aller Menschen, die ihr Kind allein erziehen, zumindest von Armut bedroht.

Müller erfuhr erst 2012 von einem Kollegen, dass ihm und seiner Tochter staatliche Hilfe zusteht. 150 Euro vom Amt sollte er von da an eigentlich bekommen. „Doch die Ansprüche wurden mit 133 Euro Waisenrente verrechnet, die meine Kleine nach dem Tod ihrer Mutter bekommen sollte.“ Das Problem: Die Rentenversicherung zahlte lange Zeit keinen Cent der ihm zustehenden Summe.

„17 Euro bekam ich deshalb nur“, erinnert sich Müller und wird zum ersten Mal ein wenig lauter: Zwei Jahre lang habe es gedauert, bis die Rentenversicherung ihren Fehler erkannt habe. Weil der Vater auch noch alte Schulden abbezahlen musste, blieb am Ende für ihn und seine achtjährige Tochter weniger als das Existenzminimum – trotz regelmäßiger Arbeit.

Jede unerwartete Anschaffung bringt massive Probleme

Der Bayer holt einen von vielen Ordnern hervor. Jeder ist sorgfältig beschriftet. „Schulden“ heißt es auf einem, auf dem anderen steht der Name der Tochter und ein anderer ist nur mit Behörden-Streitereien gefüllt. Der Schulden-Ordner war lange Zeit immer dicker geworden. „Jede unerwartete Anschaffung, etwa, wenn die Waschmaschine kaputt ist, bringt einem sofort massive Probleme.“

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Marek Müller in seiner kargen Wohnung. Fotos: T. Lill.

Einen niedrigen fünfstelligen Betrag hat der Vater mittlerweile an Miesen angehäuft. „Wenn du in der Spirale erst einmal drin bist, dann geht es immer schneller nach unten“, glaubt er.

Tatsächlich geht es vielen Familien, in denen Kinder mit nur einem Elternteil aufwachsen, so wie Müller. Söhne und Töchter von Alleinerziehenden sind einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge fünfmal häufiger auf Harz IV angewiesen als Kinder, die mit beiden Eltern zusammenleben.

Von der Politik werden die 2,2 Millionen Kinder, die in einem Haushalt mit nur einem Elternteil leben, noch immer benachteiligt. Den Entlastungsbetrag für Alleinerziehende erhöhte die Bundesregierung zwischen 2004 und 2014 kein einziges Mal.

„Die Kinderarmut in Deutschland stellt sich statistisch zunehmend als eine Armut von Alleinerziehenden und kinderreichen Familien dar“, sagt Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Er fordert verstärkt Hilfen für Alleinerziehende.

Müller lobt, dass es in seiner Heimatstadt allerlei Hilfsprogramme für Bedürftige gebe. So sei er etwa zur Tafel gegangen. Doch dort ging er zuletzt mitunter zum Teil leer aus. „Zudem liegen die Öffnungszeiten so, dass ich extra frei nehmen muss.“ Offenbar gehe man bei der Tafel davon aus, dass jemand der arbeite, nichts brauche.

Arme sterben früher als Reiche

Müllers Lebenslauf zeigt, was das Leben der ärmeren Schichten von den Reichen unterscheidet. Wer von Armut bedroht ist, stirbt einer Studie des Robert-Koch-Instituts zufolge zehn Jahre früher als die Oberschicht.

Müllers Vater etwa wurde nicht einmal 60 Jahre alt. Ein Herzinfarkt. „Er hat nie Gemüse gegessen viel geraucht“, sagt der Bayer. Er wird einen Moment nachdenklich.

Marias Mutter könnte vielleicht noch leben, wenn die Konditorin früher zum Arzt gegangen wäre. Mit Mitte 20 fraß sie der Magenkrebs von innen auf. Eine frühere Diagnose hätte ihr vielleicht das Leben retten oder zumindest wertvolle Jahre verschaffen können – doch die Armen gehen statistisch gesehen seltener zum Arzt.

Auch Geldsorgen können krank machen. Müller war zwischenzeitlich an einer Depression erkrankt. „Ich konnte einfach nicht mehr.“ Seine Sorgen wurden in dieser Zeit nicht weniger. Denn nach sechs Wochen bekam er nur mehr 80 Prozent des letzten Gehalts als Krankengeld. Um sich behandeln zu lassen, gab er das Kind zuletzt in eine Pflegefamilie.

Es sind vielfältige Probleme, die Alleinerziehende oft an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit bringen. Doch die Kinder leiden Experten zufolge nicht selten sogar noch mehr als Vater oder Mutter.

Maria klammert sich an jede Erzieherin

Maria etwa ist zwar ein aufgewecktes Mädchen. Wer sie kennenlernt, hört sie viel lachen. Doch ohne Mama aufzuwachsen, ist eine enorme Belastung.

Sie klammerte sich lange an jede Erzieherin und wenn Müller etwa ein befreundetes Pärchen besuchte, wollte sie meist gar nicht mehr gehen. Einmal habe ich das letzte Geld für einen Zoobesuch gemeinsam mit einer Bekannten zusammengekratzt. „Als sie plötzlich zu der Frau Mama sagte, war das schon peinlich“, erinnert sich Müller.

Am meisten wünscht er sich wieder eine feste Partnerin.

Doch auch von der Politik hat er für das kommende Jahr eine Erwartung: „Sie sollen dafür sorgen, dass jeder der arbeitet, nicht betteln oder stehlen gehen muss, um zu überleben.“

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