WIRTSCHAFT
08/12/2015 03:55 CET | Aktualisiert 21/05/2016 14:31 CEST

Tim Mälzer bei Plasberg: "Es gibt keinen Ausweg, als zum Vegetarier zu werden"

ARD Mediathek
Starkoch Tim Mälzer bei "Hart aber fair"

Wo kommt das Fleisch, das wir essen, eigentlich her? Kaum einer denkt darüber nach, wenn er im Supermarkt ins Kühlregal greift. Daher widmeten die Öffentlich-Rechtlichen dem Thema eine Doppelsendung. Zuerst ging Starkoch Tim Mälzer um 20.15 Uhr als Aushilfsreporter der Frage "Wie gut ist unser Rindfleisch?" nach. Danach wurde bei "Hart aber fair" über das Thema diskutiert.

Die wenig überraschende Erkenntnis von Mälzers Reportage: Das Fleisch aus Supermärkten und Fast-Food-Ketten stammt aus industrieller Massentierhaltung - und die macht keine schönen Bilder.

Mälzer besuchte Stallungen, in denen Kühen angekettet auf Betonfußboden stehen. "Immer in der Box, nie auf der Weide", sagte er dann traurig, als hätte er eben erst festgestellt, dass das Fleisch im Supermarkt aus industrieller Massentierhaltung stammt.

"Das soll tiergerecht sein?", stöhnte er rhetorisch. Bei McDonald's fragte er, ob das Fleisch "ausschließlich von glücklichen Kühen" stamme? Ein Sprecher antwortete ihm, dass das Fleisch aus der "konventionellen Landwirtschaft" komme - dass die Kette dies aber sofort ändern würde, sobald der Verbraucher bereit sei, mehr zu zahlen.

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Das war das Grundproblem der Sendung. Der große Lebensmittel-Skandal blieb aus, da wir alle diese Bilder kennen und uns damit arrangiert haben. Die meisten Kunden hätten lieber Fleisch von "glücklichen" Kühen - sind aber nicht bereit, dafür auch den entsprechenden Preis zu zahlen. Massentierhaltung wird es geben, solange die Kunden dieses Fleisch kaufen.

Mälzers Bericht endete daher auch mit einem Aufruf an die Verbraucher. Die sollten "ein größeres Augenmerk auf die Qualität richten, was manchmal einen höheren Preis beinhaltet." Nach der Reportage ging es gleich im Studio von Frank Plasberg weiter. "Das elende Leben der Steaks - was ist uns gutes Fleisch noch wert?" war der Titel der Sendung.

Das waren Aussagen der Gäste im Überblick:

Tim Mälzer, Starkoch: "Widerlicher Fleischfaserbrei"

Auf die Frage des Moderators, was er Deutschland sagen würde, wenn er ein Rind wäre, sagte er: "Gras und lasst mich ein bisschen länger fröhlich herumhüpfen." Mälzer fasste das Dilemma der Konsumenten so zusammen: "Es gibt keinen Ausweg, als zum Vegetarier zu werden." Ob er nun seine Restaurants schließen würde, wurde er von Plasberg gefragt. Das habe er nicht vor, aber "man hinterfragt sein Handeln". Das, was er als Reporter erlebt und erfahren habe, könne er nicht mehr ignorieren.

Trotzdem war seine Einstellung zum Fleischkonsum pragmatisch: "Wenn wir Fleisch essen wollen, müssen wir töten." Das Einzige, was er am derzeitigen System der Fleischerzeugung für veränderungswürdig hält, sei die Transparenz. Es sei schwer, an Informationen zu kommen, wie und wo das Fleisch produziert wurde, das wir essen.

Zum Schluss der Sendung verkostete Plasberg deutsches Fleisch unterschiedlicher Preisklassen - und das teurere gewann natürlich. "Widerlichen Fleischfaserbrei" nannte Mälzer das Discounter-Fleisch.

Sarah Dhem, Vorstand des Bundesverbandes der Deutschen Fleischwarenindustrie: "Wir erzeugen sehr sichere Lebensmittel"

Dehm wehrte sich gegen den Vorwurf, dass das jetzige System der Fleischerzeugung schlecht sei: "Wir erzeugen sehr sichere Lebensmittel." Diese Art der Fleischproduktion sei über die letzten 50 Jahre entstanden und sei von den Kunden bis vor Kurzem so akzeptiert worden. "Wir gucken auf einmal hin und sind erschrocken", sagte die Fleischerin.

Dabei ließ sie sich auf eine Diskussion, ob Bio-Fleisch besser sei als jenes aus Massentierhaltung, nicht ein. Sie selbst biete sowohl Massenwaren als auch hochwertiges Fleisch an - sagte aber, dass Massenware "leichter zu verkaufen" sei. Und damit war die Sendung wieder bei ihrem ursprünglichen Problem angelangt - dass man der bösen Industrie keinen Vorwurf machen kann, wenn sie nur das anbietet, was die Kunden wünschen.

Als es darum ging, ob eine Rückverfolgung der Herkunft von Fleisch wirtschaftlich machbar sei, sagte sie, dass dies für einen kleinen Betrieb wie dem ihren schwer umzusetzen sei.

Tanja Busse, Autorin des Buches "Die Wegwerfkuh": "Gutes Fleisch, hier in Deutschland"

Die Autorin sah sich offenbar auf einer Mission gegen die Lebensmittelindustrie. Sie nahm sich das Recht heraus, Mitdiskutanten ständig ins Wort zu fallen. Sie wetterte insbesondere gegen billige Fleischexporte aus Deutschland in Schwellenländer - "das Fleisch wird nach Asien exportiert, die Gülle bleibt hier".

Busse fand es "ganz tragisch für die Schlachthofmitarbeiter", dass sie täglich den Tod trächtiger Kühe erleben müssten. Die würden oft geschlachtet, wenn sie krank seien und Tierarztkosten unwirtschaftlich würden. "Der richtige Weg ist gutes Fleisch, das sage ich als Vegetarierin", fasst sie ihre Kritik zusammen.

Stefan Genth, dem Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes: "Der Kunde entscheidet"

Genth wies darauf hin, dass die Aussage, dass Fleisch immer billiger würde, nicht richtig sei: Die Lebensmittelpreise seien in den letzten 15 Jahren um 30 Prozent gestiegen. Nebenbei sei es ein Merkmal einer Wohlstandsgesellschaft, dass die Arbeitskosten für alle Produkte über lange Zeiträume hinweg fielen.

Die Lebensmittelindustrie biete schon jetzt alle möglichen Arten von Fleisch an. Es gebe sowohl Biomärkte als auch Discounter. Dabei seien schon jetzt 15 Prozent fair gehandelte, vegane oder Bioprodukte - in keinem Land seien es mehr.

Agrarminister Christian Schmidt: "Nicht den Teller mit Gesetzen vollpacken"

Der Minister (CSU) sagte, er wolle "nicht den Teller mit Gesetzten vollpacken". Auf die Forderungen, dass die Deutschen ihren Fleischkonsum einschränken sollten, erwiderte er: "Soll ich vorschreiben, dass Menschen nur 100 Gramm pro Tag essen sollen? Kann ich nicht." Schmidt gab aber zur Freude Busses bekannt, dass er das Schlachten von trächtigen Kühen mit ungeborenen Kälbern verbieten wolle. "Es gibt Grenzen - und die Grenzen müssen eingehalten werden", sagt der Minister.

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