POLITIK
08/12/2015 08:22 CET | Aktualisiert 08/12/2015 12:54 CET

Stuttgart 21: So sieht es aus, wenn sich deutsche Bürger wirklich wehren

Stuttgart 21: So sieht es aus, wenn sich deutsche Bürger wirklich wehren
dpa
Stuttgart 21: So sieht es aus, wenn sich deutsche Bürger wirklich wehren

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Noch nie war die Vorweihnachtszeit so seltsam. In den Fenstern blinken die Lichterketten und in den Herzen lodert die Wut. Statt sich auf die Familie und die Nächstenliebe zu besinnen, schimpfen viele Deutsche in überfüllten Bahnen über Merkel. Über die Flüchtlingspolitik. Über alles, was schief läuft in diesem Land.

Ich will den deutschen Wutbürger treffen. Aber nicht bei Pegida oder bei Kundgebungen der AfD. Ich will ihn dort treffen, wo alles angefangen hat. An dem Ort, an dem der Ausdruck „Wutbürger“ geboren wurde: vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof.

Ich war überrascht, als ich erfuhr, dass die Gegner von Stuttgart 21 noch immer gegen den Untergrund-Bahnhof demonstrieren. Sie treffen sich jeden Montag, mittlerweile seit fünf Jahren. Und das, obwohl die Bauarbeiten längst angefangen haben und das Projekt nicht mehr aufzuhalten zu sein scheint.

Natürlich sind es nicht mehr Zehntausende wie damals, als Stuttgart 21 die Titelseiten der deutschen Zeitungen beherrschte. Aber es kommen immerhin noch zwischen 500 und 1.000 Menschen. Damit gilt Stuttgart 21 bereits als der „langanhaltendste Bürgerprotest“ in Deutschland.

Ich will die unermüdlichen Wutbürger besuchen, bei ihrer 300. Demo. Das ist eine große Zahl. Wie ich an diesem Abend erfahren sollte, erzählt sie von Widerstand und von dem Willen, nicht aufzugeben. Vom Kampf der Kleinen gegen die Großen.

Als ich mich auf den Weg zum Stuttgarter Hauptbahnhof machte, rechnete ich mit allem. Mit wütenden „Merkel raus“-Sprechchören. Mit Aggression und Hohn. Damit, vom Platz gejagt zu werden, weil ich mich als Journalistin zu erkennen gab. Doch ich sah etwas ganz anderes.

Eine beeindruckend große Menschenmenge hatte sich vor der Baustelle versammelt. Vor dem Hauptbahnhof mit seinen „gebrochenen Flügeln“, wie einer der Redner später sagen sollte. 5.000 Teilnehmer waren nach Angaben der Organisatoren gekommen. 5.000 Wutbürger.

Doch die Atmosphäre war ganz anders, als ich es von Pegida-Demos kannte. Ich sah Menschen, die Lichterketten bildeten. "Wollen Sie eine meiner Kerzen kaufen", fragte mich eine alte Frau. Ich sah Bekannte, die einander lachend begrüßten. Die Stimmung war fast andächtig.

In diesem Moment erkannte ich, dass der Ausdruck „Wutbürger“ ungerecht war. Die Menschen hier hatten sich nicht versammelt, um ihren Frust loszuwerden. Sie waren nicht zum Pöbeln gekommen. Sie waren gekommen, um ein Zeichen zu setzen.

Ich sprach eine Dame mittleren Alters an, die lächelnd in der Menge stand. Warum sie nach all den Jahren immer noch demonstriere, wollte ich wissen. Sie schaute mich mit großen Augen an und fragte: „Warum sollte ich es nicht mehr tun?“ Darauf wusste ich zuerst keine Antwort. Vielleicht, weil es sinnlos ist? Vielleicht, weil der Bahnhof gebaut wird – so oder so?

Die Frau sagte:

„Wenn ein Kind in den Brunnen gefallen ist und ich merke, dass ich es nicht retten kann, höre ich doch auch nicht einfach auf. Ich versuche, noch einen Millimeter näher heranzukommen. Dann noch einen Millimeter. Und noch einen. Ich versuche es solange, wie ich es versuchen kann.“

Sie fühlt sich durch Stuttgart 21 betrogen. „Es gibt so viele Arme und Arbeitslose in Deutschland. Und dann werden Milliarden für ein Projekt in den Sand gesetzt, bei dem man noch nicht einmal weiß, ob es überhaupt funktioniert“, sagt sie und erzählt von den neuen Bedenken, dass französische Loks nicht für die geplanten Tunnel geeignet seien.

Aufgeben? Das kommt für sie nicht in Frage. Das fühlt sich an wie Versagen.

Ich traf viele Menschen wie diese Frau auf der Demo. Menschen, die fest davon überzeugt waren, dass das Projekt eine Fehlentscheidung ist. Menschen, die Argumente aufsagen konnten wie ein Nachtgebet. Dass es nur noch halb so viele Gleise geben wird zum Beispiel. Dass es zu Unfällen und Bränden in den 33 Kilometer langen Tunneln kommen kann. Dass das Lebenswerk des weltbekannten deutschen Architekten Paul Bonatz einfach abgerissen wird. Dass die Kosten für das gigantische Vorhaben immer weiter steigen.

All die Zweifel haben die Landesregierung und die Bahn nicht beeindruckt. Sie treiben das Projekt weiter voran. „Der Käs’ ist gegessen“, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann nach der Volksabstimmung 2011. Aus Trotz verteilten die Veranstalter bei der 300. Demo Käsebrote und verkündeten: „Der Käs’ isch no lang net gessa“.

Ein Mann drückt mir einen Flyer in die Hand. Darauf sind umstrittene Großbauprojekte in anderen Ländern zu sehen. Der geplante Flughafen Notre Dame des Landes in der Nähe von Nantes, der seit Jahren von den Bewohnern der Region verhindert wird. Der Goldbergbau im rumänischen Rosia Montana, für den ganze Berge zerstört werden sollen.

Diese Projekte wurden vorerst gestoppt, weil der Widerstand der Bevölkerung zu groß war. Stuttgart 21 geht weiter. Warum?

„Deutschland ist eine Arschkriecher-Republik und wir sind das Zentrum“, sagt mir der Mann. Die Menschen in Baden-Württemberg würden sich nie der erfolgreichen Wirtschaft entgegenstellen. Staatsanwaltschaft und Regierung seien in der Hand der Großkonzerne, sagt er. Als er in Rumänien war, sahen Polizisten seinen „Rosia Montana“-Anstecker und hätten sich gefreut. Auch für sie sei der Widerstand eine gute Sache.

„In Stuttgart dagegen gehen die Polizisten mit aller Härte gegen uns Demonstranten vor“, sagt der Mann. Er will mir seinen Namen nicht sagen, weil er für sein Engagement schon verfolgt worden sei. Das klingt ein bisschen nach Verschwörungstheorie denke ich mir.

Genau in diesem Moment sprintet plötzlich eine Gruppe Polizisten an uns vorbei. Später werde ich sehen, wie mehrere Einsatzkräfte einen Mann am Boden festhalten. Daneben stehen noch weitere Polizisten. Sie schirmen die Szene von den Passanten ab und verjagen Neugierige. Die Schreie des Mannes hallen durch die ganze Fußgängerzone. Er spricht eine Sprache, die ich nicht erkenne.

Bei der Pressestelle der Polizei konnte mir niemand etwas über den Vorfall sagen. Sehr wahrscheinlich hatte er nichts mit Stuttgart 21 zu tun. Schließlich halten sich in der Nähe des Hauptbahnhofs viele Drogenabhängige und Betrunkene auf. Da kommt es öfter zu Polizei-Einsätzen.

Auch wenn es nur Zufall war, habe ich bei dieser Szene ein bisschen von dem Ungleichgewicht gespürt, von dem der Mann mit dem Flyer geredet hat.

Als sich die Demo aufgelöst hatte, machte ich mich verfroren auf den Heimweg. Und dachte nach. Stuttgart-21-Gegner wurden oft als Querulanten und Miesepeter abgetan. Aber selbst wenn sie das sind, ist es ihr gutes Recht, ihre Meinung zu sagen. Das macht das Wesen einer Demokratie aus.

Man darf nicht den Fehler machen, solche Demonstranten mit den Hassbürgern von Pegida und der AfD gleichzusetzen. Dann ist es mit der Freiheit in unserer Gesellschaft schnell vorbei.


Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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