POLITIK
08/12/2015 05:40 CET | Aktualisiert 11/12/2015 20:19 CET

"Sie nannten mich Held": Christian Haller hat sein Leben aufgegeben, um in den Krieg gegen den IS zu ziehen

Christian Haller

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Christian Haller hatte alles, was man sich als junger Mensch nur wünschen kann: Einen Job, gute Freunde, eine feste Beziehung - es passte Vieles im Leben des heute 30-Jährigen.

Doch dann brach er nach Syrien auf - um in den Krieg gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) zu ziehen.

Über Facebook schrieb er eine Aktivistengruppe an, die Ausländer für die kurdischen Freiheitskämpfer in Syrien rekrutiert. Wenig später befand er sich im Norden des Landes, um die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bei ihrem Kampf gegen die Dschihadisten zu unterstützen.

Fast acht Monate hielt es Haller dort aus, seit Juni dieses Jahres ist er wieder zurück in Deutschland. Inzwischen hat er ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. Im Interview mit der Huffington Post schildert er, wie es ist, plötzlich an vorderster Front gegen die gefährlichste Terrorgruppe der Welt zu kämpfen - und was ihn dazu getrieben hat.

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Huffington Post: Herr Haller, Sie waren nie bei der Bundeswehr, hatten keinerlei Erfahrung im Nahkampf. Und plötzlich standen Sie dem IS mit einer Kalaschnikow gegenüber. Mit Verlaub, aber waren Sie lebensmüde?

Christian Haller: So weit würde ich nicht gehen. Mir war aber damals durchaus bewusst, dass ich mein Leben aufs Spiel setzen würde.

Warum haben Sie es trotzdem gemacht? Immerhin hatten Sie in Deutschland ein geordnetes Leben, wohnten mit Ihrer Freundin und Ihrem Hund zusammen in einem Haus ...

Ich hatte immer das Gefühl, mich irgendwann für eine große, wichtige Sache einsetzen zu müssen. Mir hatte immer etwas in meinem Leben gefehlt, obwohl ich nach außen hin alles hatte. Ich wollte etwas Sinnvolles tun.

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Haller (M.) mit zwei kurdischen Anti-IS-Kämpfern (Credit: Christian Haller)

... und deswegen entschieden Sie sich, in den Krieg gegen den IS zu ziehen?

Richtig. Ich habe niemandem erzählt, was ich genau vorhabe. Ich habe meiner damaligen Freundin noch einen kurzen Abschiedsbrief geschrieben und ihn am Flughafen abgeschickt. Dann ging mein Flieger.

Es gibt Menschen, die engagieren sich in karitativen Verbänden oder machen auf einmal Extremsport, wenn sie sich in einer Sinnkrise befinden. Warum haben Sie sich für den Krieg entschieden?

Warum ich diesen starken Drang verspürt habe, gegen den IS zu kämpfen, kann ich gar nicht genau erklären. Es war auf jeden Fall kein reiner Selbstfindungs-Trip oder so etwas, ich wollte einfach etwas Gutes für die Gesellschaft tun.

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Acht Monate lang war Haller (r.o.) in Nordsyrien, um die YPG im Kampf gegen den IS zu unterstützen (Credit: Christian Haller)

Ihr Kampfname in Syrien war Agit. Das ist Kurdisch und bedeutet Held. Würden Sie sich auch so bezeichnen?

Nein, absolut nicht. Einen Menschen, der ein Kind aus einem brennenden Auto rettet, würde ich so bezeichnen. Aber in einem Krieg gibt es keine Helden.

In Ihrem Buch schreiben Sie an einer Stelle über einen toten IS-Kämpfer, den sie auf die Ladefläche eines Trucks warfen. Sie bemerkten, dass er dasselbe Aftershave wie sie benutzt. Gab es Momente, in denen sich Ihr Bild von den IS-Kämpfern geändert hat?

Nein. Ich weigere mich, die IS-Kämpfer zu humanisieren, das sind für mich keine Menschen. Wer Unschuldige umbringt, ist einfach nur grausam und erbarmungslos.

Wie häufig waren Sie in Ihrer Zeit in Syrien im direkten Gefecht mit IS-Kämpfern?

Unsere Stellung war häufig unter Beschuss. Da sie aber weit von den IS-Milizen entfernt war, waren diese Angriffe meist recht uneffektiv. Im direkten Feuergefecht war ich etwa fünf Mal.

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"Was auf dem Schlachtfeld passiert, sollte auch dort bleiben": Als Helden will sich der Deutsche nicht verstanden wissen (Credit: Christian Haller)

Was ging bei Ihnen vor, als Sie das erste Mal hinter ihrem Schutzwall lagen und direktes Angriffsziel der gefährlichsten Terrororganisation der Welt waren?

Ich war ganz ruhig, hatte keine Angst. In dem Moment fand ich es ehrlich gesagt aufregend, den IS für das zu bestrafen, was er bisher alles angerichtet hat.

Haben Sie IS-Kämpfer getötet?

Darüber möchte ich nicht sprechen. Was auf dem Schlachtfeld passiert, sollte auch dort bleiben.

Wer an den IS denkt, hat sofort die brutalen Hinrichtungsvideos vor Augen. Hat Sie das verfolgt?

Man denkt schon daran. Aber ich hatte immer eine letzte Kugel für den Notfall dabei, mit der ich mich erschossen hätte, bevor ich in Gefangenschaft geraten wäre. Ich wollte nicht als Youtube-Video enden.

Gibt es einen Moment aus Ihrer Zeit in Syrien, der für Sie in besonderer Erinnerung bleiben wird?

Da gibt es viele Dinge, sowohl im positiven als auch im negativen Sinne. Was ich nie vergessen werde, ist der Tag, an dem wir Waffen und Sprengstoff für Propagandafotos aufgereiht haben. Bei einem meiner Mitkämpfer ist eine selbstgebaute Granate in der Hand explodiert, er starb nur zwei Meter neben mir. Zwischen uns stand glücklicherweise ein Truck, der mir wahrscheinlich das Leben gerettet hat.

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Zu Hallers Ausrüstung gehörte unter anderem auch eine Kalaschnikow (Credit: Christian Haller)

Ihr Buch haben Sie unter einem Pseudonym veröffentlicht, Christian Haller ist nicht ihr echter Name. Führen Sie jetzt ein Leben in Angst vor einer möglichen Rache der Dschihadisten?

Angst wäre vielleicht das falsche Wort, aber ich bin auf jeden Fall wachsam. Auch, um meine Familie schützen.

Arbeiten Sie mit den Sicherheitsbehörden zusammen?

Nein. Die Polizei und das Bundeskriminalamt haben mich ohnehin enttäuscht.

Weshalb?

Sie haben meine Familie während meiner Abwesenheit bewusst unter Druck gesetzt, vermutlich, um Informationen über mich herauszubekommen. Meiner Schwester haben sie zum Beispiel gesagt, ich sei jetzt bei der PKK und würde als Terrorist eingestuft werden. Das war einfach unverschämt.

Wie geht Ihr Leben als Kriegsheimkehrer jetzt weiter?

Ich baue mir gerade ein neues Leben auf, an einem für mich neuen Ort in Deutschland. Vor kurzem habe ich einen Halbtagsjob angenommen, damit ich etwas zu tun habe und den Kopf frei bekomme. Wenn die ersten Einnahmen aus dem Buchverkauf reinkommen, werde ich zurück nach Syrien und in den Irak gehen und einen Teil des Geldes spenden.

Haller hat seine Erlebnisse in Syrien in einem Buch zusammengefasst. Es heißt "Sie nannten mich Held" und erschien am 30. November im Riva Verlag.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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