POLITIK
08/12/2015 13:39 CET | Aktualisiert 11/12/2015 08:33 CET

18 Gründe, warum wir Ostfriesland unterschätzen

Getty Images

Mal ehrlich: Spätestens seit der großen Ostfriesenwitz-Welle in den 70er- und 80er-Jahren stehen die Bewohner dieses idyllischen Landstrichs in ganz Deutschland unter Schlichtheitsverdacht.

Dabei hätten wir damals schon darauf kommen können, dass Ostfriesen längst nicht so simpel sind, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt werden.

Denn einer derjenigen, die damals am besten an den Flachwitzen verdient haben, war seinerzeit der unvergessene ostfriesische Chansonier Hannes Flesner, der ganze Schallplatten mit kurzweiligen Tiefebenen-Pointen veröffentlichte. Den Ostfriesen fehlte es nie an der Fähigkeit, über sich selbst zu lachen.

Darüber hinaus gibt es noch andere gute Gründe, warum wir die historische Landschaft im äußersten Nordwesten Deutschlands immer unterschätzt haben.

1. Weil die Ostfriesen wissen, wie man Blockbuster dreht

Otto Waalkes ist für einige der beliebtesten deutschen Kinofilme aller Zeiten verantwortlich. „Otto- Der Film“, „Otto- Der neue Film“ und „7 Zwerge – Männer allein im Wald“ lockten insgesamt 22 Millionen Menschen in die Kinos.

2. ... und es hier passend zu ihrem Helden Otto auch an Weihnachten "ottifantet"

3. Weil Ostfriesen weltbekannt sind

Der international erfolgreichste Ostfriese ist jedoch ein anderer als Otto Waalkes: Es ist Wolfgang Petersen, der in Emden geboren wurde und dort bis zu seinem neunten Lebensjahr zu Hause war. Er produzierte „Das Boot“, einen der erfolgreichsten deutschen Filme aller Zeiten. Und sechs seiner in Hollywood produzierten Filme (unter anderem „In the Line of Fire“, „Outbreak“ und „Troya“) spielten mehr als 100 Millionen Dollar ein.

wolfgang petersen

4. Weil sie wissen, wie man Hits produziert

Dieter Bohlen verbrachte einen großen Teil seiner Jugend in Ostfriesland. Der Rest ist Geschichte.

5. Weil ein Ostfriese entscheidend an den größten Erfolgen des FC Bayern München beteiligt war

Liebe Münchner Fußballfans, jetzt müsst ihr tapfer sein: Eure göttlichen Lieblingsspieler hatten jahrelang keineswegs einem Bayern ihre Gesundheit zu verdanken, sondern einem Ostfriesen. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wurde 1942 in Leerhafe geboren (heute ein Ortsteil von Wittmund) und hat in Jever sein Abitur gemacht. Mit 35 kam er dann nach München, wo er bis zum Frühling dieses Jahres 38 Jahre lang Mannschaftsarzt des FC Bayern München war. Auch für die deutsche Nationalmannschaft ist er seit 1995 aktiv. Er gilt als der profilierteste Sportmediziner der Welt, behandelte unter anderem auch den jamaikanischen Sprinter Usain Bolt.

müllerwohlfahrt

6. Weil man nur hier eine Leiter braucht, um sein Parkticket zu lösen

7. Und auch weil die Berliner Ostfriesland eine ihrer wichtigsten Persönlichkeiten zu verdanken haben

Die Zeit der Luftbrücke ist eine der turbulentesten und wichtigsten Abschnitte in der an Wendungen reichen jüngeren Berliner Geschichte gewesen. Regierender Bürgermeister war damals Ernst Reuter, der einen Teil seiner Jugend in Leer verbrachte. Von ihm stammt der legendäre Satz: „Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt“. Nach Reuter ist heute einer der wichtigsten Plätze im Westen der Stadt benannt.

8. Weil der schiefste Turm der Welt nicht in Pisa steht

Millionen Menschen drängen sich jedes Jahr rund um den Schiefen Turm von Pisa, um dort Erinnerungsfotos zu machen, die stets nach dem gleichen Schema funktionieren: Mann beziehungsweise Frau hält die Hände schützend unter dem Bauwerk, um es vor dem Umkippen zu bewahren. Dabei steht der schiefste Turm der Welt – höchstamtlich – im ostfriesischen Suurhusen. Der Kirchturm in dem Örtchen hat eine Neigung von 5,19 Grad. Grund dafür ist das Fundament aus Eichenstämmen, das nach der Trockenlegung der umliegenden Ländereien verfaulte und in Schieflage geriet. Nicht auszudenken, wenn die Welt eines Tages das touristische Potenzial von Suurhusen erkennt.

9. Weil man hier nicht in den Zoo gehen muss, um Seehundbabys zu sehen

Am Wattenmeer kann man nämlich noch Seehunde in freier Wildbahn beobachten, die ihre Jungen aufziehen. Nicht nur für ehemalige Fans von "Hallo Robbie!" ein Highlight!

10. .. und auch Windmühlen gibt's hier noch im echten Leben und nicht mehr nur auf der Wurstpackung

11. Weil die Ostfriesen sich über Jahrhunderte ihr Platt erhalten haben

Überall in Deutschland werden Dialekte und regionale Sprachen wieder populär. Und das, nachdem viele Mundarten über Jahrzehnte fast in Vergessenheit geraten waren. In Ostfriesland ist das anders: Dort sprechen noch relativ viele der gut 500.000 Ostfriesen ihren Dialekt. Zwar galt auch dort das Platt phasenweise als „rückständig“, und doch war es für viele Bewohner der Region trotz aller Wendungen des Zeitgeistes identitätsstiftend.

12. Weil es hier echten Nervenkitzel gibt

Und zwar mit der schmalsten Autobrücke Deutschlands. Sie ist nur 1,85 Meter breit und schon mit dem Fahrrad wird es kompliziert, wenn einem ein anderes Zweirad entgegenkommt. Darüber, wie sinnvoll die Brücke über die Leda ist, lässt sich bestimmt streiten. Aber einen Adrenalinschub gibt es sicher, wenn man seinen Wagen über die Brücke manövriert und hofft, am anderen Ufer noch trocken zu sein und beide Seitenspiegel zu haben.

13. Weil die deutsche Presselandschaft wäre ohne einen Ostfriesen ärmer geblieben wäre

Der in Emden geborene Verleger Henri Nannen gründete nach dem Zweiten Weltkrieg das Magazin „stern“. Ohne ihn wäre auch der Aufstieg des Verlags „Gruner und Jahr“ undenkbar gewesen, bis heute eines der größten Medienhäuser in Europa. Nannen schenkte seiner Heimatstadt im Jahr 1983 eine umfangreiche Kunstsammlung. Dafür wurde die Emdener Kunsthalle gebaut, wo die Werke bis heute besichtigt werden können.

nannen

14. Weil die ostfriesischen Inseln etwas Magisches an sich haben

Der Grund: Es gibt genau sieben davon: Wangerooge, Spiekeroog, Langenoog, Baltrum, Nodererney, Juist und Borkum.

In der Märchenwelt steht die Zahl sieben für Vollkommenheit. Die Geschichten von Schneewittchen und den sieben Zwergen, dem Wolf und den sieben Geißlein oder dem tapferen Schneiderlein, das sieben auf einen Streich erledigt, nimmt man ja schon fast mit der Muttermilch auf - in Ostfriesland wahrscheinlich zusätzlich auch die sieben Namen der Inseln.

Auch der Ostfriese Otto Waalkes ist von der Zahl sieben und Märchen anscheinend fasziniert. Zwei Filme drehte er über die "7 Zwerge": "Männer allein im Wald" und "Der Wald ist nicht genug".

Und mit der Schlagersängerin Helene Fischer gibt er neue Versionen von Hänsel und Gretel zum Besten:

15. Weil hier echte Weltmeister wohnen

- zumindest im Teetrinken. Passend zum ruhigen Gemüt sind die Ostfriesen mit einem Verbrauch von 300 Liter pro Kopf Weltmeister im Teetrinken. Da können sie nicht mal die Engländer einholen. Der durchschnittliche Deutsche schafft übrigens gerade mal 26 Liter im Jahr.

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16. Weil man nur hier das „Ewige Meer“ sehen kann

- und nein, damit ist nicht die Nordsee gemeint. Ostfriesland ist für seine Moore bekannt und das größte Hochmoor nennt sich das „Ewige Meer“ 89,2 Hektar Wasserfläche misst der See. Verloren gehen oder versinken kann man dank der Holzwege zum Glück trotzdem nicht.

17. Weil die Ostfriesländer trotz der vielen Witze auf ihre Kosten sie selbst geblieben sind

Tatsächlich sind die Ostfriesen nach wie vor eigen - und stolz darauf.

Statt Fußball- und Comicfiguren-Stickern sammelt man hier zum Beispiel lieber Heimatbilder: "Ostfriesland sammelt Ostfriesland" heißt das Sammelalbum, in das die Nordlichter ihre Panini-Aufkleber pappen.

http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Ostfriesland-sammelt-und-klebt-Ostfriesland,panini134.html

Und statt Fußball gibt es hier noch einen ganz anderen Volkssport: Die "Schlickschlittenrennen-Wältmeisterschaft". Kein Wunder – immerhin sind die Fußballplätze ohnehin immer wieder nicht bespielbar und mehr See als Rasen. Und wer braucht schon ein Sommermärchen, wenn er Matsch-WM feiern kann!

18. Weil Ostfriesland die vielleicht schönsten Sonnenuntergänge Deutschlands hat

Ostfriesland ist „heel war besünners“, wie man auf Platt sagen würde.

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