POLITIK
09/12/2015 02:54 CET | Aktualisiert 09/12/2015 17:36 CET

Liebe Konservative - hört auf, euch in die Hosen zu machen!

dpa
Warum haben Konservative vor so vielen Dingen Angst?

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Das Jahr 2015 ist fast vorbei. Doch die Ereignisse der vergangenen elfeinhalb Monate werden uns noch länger beschäftigen.

Das betrifft den islamistischen Terror. Die Integration der mittlerweile eine Million Flüchtlinge, die in diesem Jahr nach Deutschland gekommen sind.

Und auch die Frage, was bloß aus den deutschen Konservativen geworden ist.

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Seit Jahren bibbert sich das bürgerliche Lager von einer Panikwelle in die nächste.

Eine Panikwelle nach der nächsten

Es fing ab 2010 mit der Griechenland-Krise an, die scheinbar sämtliche Grundängste des deutschen Konservatismus zu bedienen schien: angefangen bei dem Verfall der eigenen Währung, über die Sicherheit der Staatsfinanzen bis hin zu der bangen Befürchtung, von "gierigen Griechen" ausgenutzt zu werden.

Nicht umsonst hatte die AfD in ihrer Anfangsphase als "Anti-Euro-Partei" Erfolg. Sie war mit ihrer Stimmungsmache gegen die europäische Integration anschlussfähig bei jenen konservativ-liberalen Kräften geworden, die schon länger glaubten, dass bei Union und FDP "irgendetwas schief" laufe. Hans-Olaf Henkel war ihr Zeuge.

Bemerkenswert auch die Haltung vieler Konservativer in der Gesellschaftspolitik. Das Gerede von "Genderwahn" und der angeblichen "Vermännlichung des weiblichen Geschlechts" (Franz-Josef Wagner) sind Chiffren für das Unwohlsein mit den Veränderungen unserer Zeit. Doch nach modernen konservativen Gegenentwürfen sucht man vergeblich.

Wie auch, wenn selbst die Bundeswehr von einer selbstbewussten Karrierefrau geführt wird?

Es blieb schlicht das "Nein" zu dem, was schon längst Realität ist.

Die Angst erreichte 2015 ihren Höhepunkt

Die konservative Angst vor der Gegenwart brach jedoch erst im Jahr 2015 so richtig durch und äußerte sich in wüsten Attacken auf das, was den Bürgerlichen früher mal heilig war: den Staat.

Grund dafür war die stark ansteigende Zahl von Asylbewerbern. Und wer immer noch im Panik-Modus ist, wird allein schon diese Formulierung für "verharmlosendes Geschwätz der Massenmedien" halten.

Führende konservative Politiker waren sich nicht zu schade, diese Angst noch weiter anzuheizen. CSU-Chef Horst Seehofer etwa, der im September die Legende vom drohenden Kollaps der staatlichen Ordnung verbreitete. Zahlreiche CDU-Politiker sekundierten ihm und beteiligten sich damit an der Stimmungsmache gegen Kanzlerin Angela Merkel.

Wozu brauchen Konservative eigentlich "Klartextredner"?

Doch auch außerhalb der bayerisch-berlinerischen Politik-Blase wuchs die Zahl jener, die sich vom "Flüchtlingsansturm" überfordert fühlten. Selbst die sonst eher liberale Wochenzeitung "Die Zeit" fabulierte in einer Titelgeschichte von einem "Orkan“, der über dem Regierungsviertel tobe. Ob sie im Hauptstadtbüro der "Zeit" schon vorsorglich Türen und Fenster verrammelt hatten?

Und in den Fernsehsesseln dieser Republik werden Politiker wie Wolfgang Bosbach (CDU) mit ihren migrationskritischen Einlassungen als "Klartextsprecher" gefeiert. Als ob Konservative in Deutschland heute schon Beschützer bräuchten, die ihnen in aller Öffentlichkeit zu ihrem Recht verhelfen.

Wer die Ursache für das fortwährende Zähnegeklappere in den deutschen Bürgerstuben sucht, sollte bei einer für den politischen Horizont enorm wichtigen Frage ansetzen: Welche Vorstellungen von Zukunft haben die politischen Lager in Deutschland eigentlich?

Früher wurden die Linken wegen ihrer Skepsis ausgelacht

Noch in den 80er- und 90er-Jahren hatten die linken Kräfte im Land (und im Speziellen die Grünen) alle denkbaren Planstellen in dieser Republik in der Abteilung Apokalypse und Weltuntergang besetzt.

Der Blick in die Zukunft war für die Friedensbewegten von der Furcht vor der thermonuklearen Menschheitsvernichtung besetzt. Und die Grünen? Wurden für ihre Panik vor saurem Regen und Waldsterben ausgelacht. Von den Konservativen.

Die wiederum verstanden sich noch in den 90er-Jahren als kraftvolle Macher des Fortschritts. Deutsche Atomkraftwerke zum Beispiel? Die waren in den Augen treuer CDU-Wähler technologischer Weltstandard. Mancher wünschte sich diesen Optimismus 20 Jahre später in Bezug auf die grüne Revolution.

Optimistisch sind heute vor allem die Flüchtlingshelfer

Und es war übrigens Helmut Kohl, der mit der Öffnung der deutschen Außengrenzen für Millionen von Spätaussiedlern die bis heute größte Einwanderungswelle seit der Wende möglich machte. Auch damals gab es Murren. Selbst die Linken unkten damals, dass Kohl sich damit wohl Wählerstimmen erschleichen wolle. Und doch half diese Politik, den demografischen Wandel in Deutschland nachhaltig zu bremsen und vielen Menschen eine neue Heimat in dieser Republik zu verschaffen.

Heute rächt sich, dass die CDU im vergangenen Jahrzehnt die programmatische Arbeit vernachlässigt hat. Die Christdemokraten werden auf ihrem am kommenden Wochenende stattfindenden Parteitag ein "Zukunftspapier" präsentieren, in dem ein hochrangig besetztes Programmgremium die dritte industrielle Revolution (Digitalisierung) mit der vierten industriellen Revolution (Vernetzung) verwechselt.

Und währenddessen sind es die meist jungen Menschen, die freiwillig in den Flüchtlingsunterkünften helfen, deren Vision von Zukunft von Optimismus und Tatkraft geprägt ist.

Aber vielleicht würde es schon helfen, wenn die Konservativen in diesem Land merken würden, wie sehr sie sich in ihrer eigenen Panik im Kreis drehen.

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