POLITIK
08/12/2015 14:12 CET | Aktualisiert 19/09/2016 11:13 CEST

Er lebt seit 36 Jahren im Wald: Wir haben Deutschlands krassesten Aussteiger getroffen

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Wer Harry Gropmann in der Wildnis besucht, erhält zur Begrüßung die linke Hand. Er würde ja gerne höflich sein, sagt er. Aber auf Etikette kann er keine Rücksicht nehmen.

Die Fingerkuppen an Harrys rechter Hand sind abgestorben. Mehr als sechs Jahre ist es jetzt schon her, dieses „ärgerliche Malheur“, wie es der 87-Jährige nennt.

Damals lag er im Bett seiner Holzhütte, draußen waren es 26 Grad minus. Er hatte vergessen, die Türe von innen zu verriegeln. Das passiert ihm sonst nie. Seine Katze öffnete nachts die Tür einen Spalt, Harry schlief weiter. Nur seine rechte Hand guckte ein Stück aus seiner Wolldecke heraus.

„Als ich aufwachte, war die Hütte kalt wie ein Gefrierschrank – und meine Finger waren erfroren“, erinnert er sich.

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"Mich kann man nicht mehr verpflanzen“: Der "Eifel-Sheriff" in seiner selbstgebauten Holzhütte (Credit: Christoph Asche)

Harry erzählt solche Geschichten so beiläufig, wie andere von dem Tag berichten, an dem ihnen der Wirsing in der Pfanne angebrannt ist. Wenn der Aussteiger einschneidende Ereignisse in seinem Leben bilanziert, sagt er hinterher gerne: „Tja, so ist das.“

Dabei könnte man ein dickes Buch schreiben über den Mann mit dem grauen Stoppelbart, den die Dorfbewohner im nahen Eifel-Örtchen Niederehe (Rheinland-Pfalz) nur „Sheriff“ nennen. Seit 36 Jahren lebt er im Wald, ohne Fernseher, ohne Internet, ohne fließend Wasser. Von der Flüchtlingskrise bekommt er nichts mit, vom Terror in Paris auch nicht und die Bilder der Flugzeuge, die am 11. September 2001 in die Türme des World Trade Centers krachten, hat der Einsiedler nie gesehen.

Das Buch über Harry könnte deshalb von Zivilisationsflucht oder Konsumkritik handeln; Themen die derzeit in Mode sind. Harry will davon aber nichts wissen. Sein Leben folgt keiner Idee, keinem großen Plan und ist - angesichts der Umstände, unter denen er lebt - vielleicht gerade deshalb so bemerkenswert.

Alle paar Wochen fährt Harry mit seinem alten Mitsubishi in die Zivilisation und deckt sich mit Lebensmitteln ein. Schokopudding, Obst, Gemüse – mehr braucht er meist nicht. Harry raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und verzichtet auf Fleisch. „Ich war noch nie krank“, sagt Harry stolz.

Sein Kühlschrank ist eine schwarze Kunststoffwanne, die zwischen Pferdestall und Holzhütte steht. Wenn er nachts auf die Toilette muss, hat er einen Eimer neben seinem Bett stehen.

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In dieser Wanne kühlt Harry seine Lebensmittel (Credit: Christoph Asche)

Hin und wieder kommen alte Freunde vorbei und bringen ihm die Post. Eine ältere Dame schickt Harry alle paar Monate 50 Euro. „Davon kaufe ich dann Holzbriketts fürs Heizen“, sagt er.

Auf seinem 35.000 Quadratmeter großen Stück Wald, das er Ende der 1960er Jahre einem Bauern für 40.000 D-Mark abgekaufte, hat er zwei Pferde, einen provisorischen Grillplatz und sogar einen kleinen Bach. „Mehr Glück geht nicht“, sagt der „Eifel-Sheriff“, dem 140 Euro im Monat zum Leben reichen.

Dabei sah sein Leben früher anders aus. Harry arbeitete als Schreiner in Köln, verdiente gut. „Alles, was du heute hast, hatte ich früher doppelt“, sagt er.

Dann erkrankte seine Frau an einem Lungenemphysem, in Köln konnte sie wegen der schon damals hohen Feinstaub-Belastung nicht bleiben. Das Paar zog in eine Mietwohnung im Eifelort Kerpen. Wegen der guten Luft.

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35.000 Quadratmeter Freiheit: Seit 36 Jahren lebt der "Eifel"-Sheriff zurückgezogen im Wald (Credit: Christoph Asche)

Während sich seine Frau gesundheitlich erholte, kaufte Harry das Wald-Grundstück und baute es über die Jahre zu seinem persönlichen Rückzugsort aus. Irgendwann zog er ganz zu seinen Tieren. Einen Grund für Harrys Zivilisationsflucht gab es nicht - genau so wie er keinen Grund sieht, nicht im Wald zu leben. Was sicher ist: Aus dem Kölner Stadtmenschen Harry wurde im Laufe der Jahre der „Eifel-Sheriff“.

Seine Frau besuchte ihn häufig im Wald, wohnte aber weiterhin in der angemieteten Wohnung in Kerpen. 2001 starb sie. „Meine Tochter hat mich danach lange versucht zu überreden, wieder nach Köln zu ziehen“, sagt Harry. Aber irgendwann habe sie aufgegeben.

Auch die Sozialwohnung, die ihm die Verbandsgemeinde vor einigen Jahren anbot, lehnte er ab. „Mich kann man nicht mehr verpflanzen“.

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Bilder vergangener Tage: Harry war Ende der 1960er Jahre zusammen mit seiner Frau aus der Großstadt in die Eifel gezogen (Credit: Christoph Asche)

Mit den Augen gehe es langsam bergab, sagt Harry, und auch zu Fuß sei er nicht mehr der Beste. Wenn er die 50 Meter von seiner Hütte bis zum Grillplatz geht, muss er mehrmals stehen bleiben, um Luft zu holen. "Tja, so ist das".

Vor kurzem hat ihm der Freund eines Bekannten drei Solaranlagen auf die Wiese gestellt. „Jetzt lebe ich im Luxus“, sagt er und lacht. 5000 Euro hätte das normalerweise gekostet, Harry musste nichts bezahlen.

Ein ganz neues Gefühl für den 87-Jährigen: Bisher hatte er abends im Winter nur Licht, wenn er Kerzen oder Petroleum-Lampen anzündete.

Er freut sich schon auf das Frühjahr, erzählt Harry. Dann kommen immer mal wieder Wanderer bei ihm vorbei, die er zum Grillen einlädt. Bis dahin steht ihm aber noch der harte Winter bevor. "Das werde ich schon überleben", sagt er. Hat ja bisher auch geklappt. Immerhin 36 Mal in Folge.

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