POLITIK
08/12/2015 17:02 CET | Aktualisiert 12/12/2015 07:15 CET

Unbequeme Wahrheit: Was die neue AfD über unsere Gesellschaft sagt

dpa
Unbequeme Wahrheit: Was die neue AfD über unsere Gesellschaft sagt

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„Sie sind ja gar kein Nazi“, sagte einmal ein Mann, mit dem sich der Günzburger AfD-Politiker Edmund Frieß an einem Stand zum Thema TTIP unterhielt. Nein, wie ein Nazi sieht er wirklich nicht aus. Eher wie der nette Nachbar. Einer, der freundlich grüßt, während er den Rasen mäht.

Bürger wie er haben genug von der Politik in Deutschland. Sie schließen sich einer Partei an, die sich unter der neuen Vorsitzenden Frauke Petry radikalisiert hat. Und sagen dennoch: Wir sind die Guten, die Anständigen. Wie passt das zusammen?

"Eine Partei mit Meinungsvielfalt"

Bisher hat sich die AfD eher als Protestpartei hervorgetan. „Asylchaos und Eurokrise stoppen“ lautete das Motto der Herbstoffensive 2015. Doch wer den Kreisvorstand der AfD Günzburg in Leipheim besucht, wundert sich, wen es hier aufzuhalten gibt.

Es ist eine dörfliche Idylle. Fachwerk, saubere Straßen, neu gebaute Eigenheime. Und trotzdem haben hier ein paar Menschen das Gefühl, dass etwas schief läuft in unserem Land.

Die AfD steht mittlerweile exemplarisch für das, was Experten die neue Rechte nennen. Dabei handelt es sich nicht um Neonazis, sondern Menschen aus der Mitte der Gesellschaft - die sich aber von dieser Gesellschaft nicht mehr repräsentiert fühlen. Das Gefährliche dabei: Sie geben Pegida die Macht auf der Straße und sie bringen einer Partei wie der AfD in Umfragen derzeit rund 10 Prozent der Stimmen. Sie sind das Rückgrat der Petrys, Höckes und Bachmanns in diesem Land.

Die Günzburger AfD-Mitglieder empfangen mich zu Hause beim Kreisvorstand Friedrich Holzwarth. Edmund Frieß ist auch dabei. Er war früher bei den Piraten, seit 2013 engagiert er sich für die AfD. Es mag Leute geben, auf die das seltsam gegensätzlich wirkt.

"Wir wollen, dass Politik anders gemacht wird"

„Bei der AfD sind alle möglichen Leute" sagt Frieß. " Wir sind eine Partei in der es noch Meinungsvielfalt gibt." Kritiker sagen, die AfD sei ein Sammelbecken Frustrierter und Unzufriedener. Und nun auch zunehmend Rechtsradikaler. Vor ein paar Monaten erst gab es einen Skandal, als sich der Bamberger Kreisvorsitzende auf einer Pegida-Demonstration mit NPD-Politikern zeigte.

Es ist schon merkwürdig, dass es einer Partei gelingt, Radikale und anständige Bürger gleichermaßen anzuziehen. Merkwürdig und beunruhigend. Ich kann es mir nur schwer zusammenreimen, als ich diesen freundlichen Männern gegenübersitze, die mir Kaffee und Plätzchen anbieten.

Ich will wissen, welche gemeinsamen Ziele die AfD vereinen. „Wir wollen, dass Politik nicht mehr so gemacht wird wie jetzt. Nicht von oben herunter“, sagt Friedrich Holzwarth. Bei der AfD dürfe jeder mitentscheiden, schwärmt er. Jeder dürfe bei den Mitgliederversammlungen reden, jede Stimme zähle.

Andererseits betont er, dass die AfD „keine Regenbogentruppe“ sei. „In der AfD sind unter den Mitgliedern viele, die einen Migrationshintergrund haben - die sind jedoch integriert und nicht als buntes Mischmasch zu verorten. Für die gilt und die beachten das Grundgesetz. Eine bunte Truppe wird diesem Anspruch der Rechtsstaatlichkeit nicht immer gerecht.“

"Wir sind nicht fremdenfeindlich"

Als Lucke die Partei verlassen hat, sind viele mit ihm gegangen. Viele Ämter auf Kreis- und Bezirksebene waren plötzlich unbesetzt. Die neue AfD war einigen Mitgliedern zu krass.

Holzwarth und Frieß sind geblieben. Sie betonen oft, dass sie nicht fremdenfeindlich seien. Frieß sagt: „Für mich sind alle gleich. Letztens erst habe ich mit einem Bekannten diskutiert, der gegen die Homo-Ehe war. Ich finde, es soll jeder leben dürfen, wie er will.“

Beim Zuzug von Flüchtlinge aber, muss irgendwann Schluss sein. Wir können laut Frieß nicht alle Flüchtlinge aufnehmen. Bei 550.000 offenen Stellen und 2.6 Millionen Arbeitssuchenden, plus mehreren Hunderttausend Flüchtlingen frage er sich, welcher Arbeitsmarkt alle diese Menschen aufnehmen solle. Er findet: „Deutschland sollte auch den Blick auf die Armut im eigenen Land nicht verlieren.“

Was sagt der Erfolg der AfD über die Gesellschaft?

Und natürlich höre ich an diesem Nachmittag auch das beliebteste Argument der Asylkritiker. "Wichtig ist, dass sogenannte Flüchtlinge nicht besser gestellt werden als Deutsche", sagt Friedrich Holzwarth. "Unterschieden werden muss eigentlich auch unter den Flüchtlingen in wirklich Asylberechtigte und Wohlstandseinwanderer."

Die AfD war schon totgesagt, als Partei der Eurorebellen, deren Ideen nicht weit genug tragen. Jetzt hat sie sich neu entdeckt und all jene eingesammelt, die sich vom System zurückgelassen fühlen. Ich merke bei meinem Besuch: Diese beiden AfD-Politiker sind keine Extremisten oder Spinner. Sie wollen eine Stimme haben. Sie wollen, dass "jeder mitentscheiden darf". Und in Gestalten wie Frauke Petry oder Björn Höcke oder Lutz Bachmann finden sie jemanden, der ihnen zuhört.

Die Frage ist: Sagt das mehr über die Qualität der AfD oder mehr über das Scheitern von Politik und Gesellschaft?

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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