POLITIK
07/12/2015 10:58 CET | Aktualisiert 08/12/2015 09:33 CET

Die Angst vor der Straße: Warum schon bald hunderttausende Deutsche ihre Wohnungen verlieren könnten

Immer mehr Deutsche müssen auf der Straße leben.
dpa
Immer mehr Deutsche müssen auf der Straße leben.

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Es ist diese eine Frage, die das Leben von Michaela Huber* in den vergangenen Monaten bestimmt hat: „Was passiert jetzt und wie verarbeitet mein Kind das?“ Der Schrecken war groß, als die Berliner Alleinerziehende eines Morgens ein Schreiben ihres Vermieters aus dem Briefkasten fischte: Darin kündigte der Wohnbaukonzern die Zwangsräumung an.

Mutter und Tochter konnten es zunächst nicht glauben, dass sie nach vielen Jahren aus der Wohnung geworfen werden sollten. „Das ist Panik, das ist Angst, das ist Verzweiflung“, beschreibt Michaela Huber ihre Gefühle. Es war ein dramatischer Fall, über den das ZDF-Magazin "Frontal 21" jüngst berichtete.

Für eine Studentin mit Kind gibt es auf dem Berliner Mietmarkt kaum Hoffnung auf ein Ersatzquartier. Es droht das Obdachlosenheim. Denn selbst auf kleine Kinder wird bei Zwangsräumungen keine Rücksicht genommen.

Fälle wie der von Huber häufen sich. Gerichtsvollzieher räumen unter Zwang jedes Jahr zehntausende Wohnungen – die genaue Zahl kennt niemand. Denn eine entsprechende bundesweite Statistik fehlt bislang, was nicht nur der Mieterschutzbund scharf kritisiert.

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Deutschland von unten - so blicken Obdachlose auf unser Land

Immerhin: Weil manche Bundesländer jeden Fall registrieren, lässt sich zumindest erahnen, welche Dimension dieser Missstand längst erreicht hat. In Mecklenburg-Vorpommern etwa gab es im Jahr 2014 insgesamt 1472 Zwangsräumungen durch Gerichtsvollzieher, wie eine Anfrage der Huffington Post beim dortigen Justizministerium ergab. Das waren 64 Prozent mehr als noch 2012.

Berlin, Hauptstadt der Wohnungsnotlagen

Doch nicht nur in der Heimat von Bundeskanzlerin Angela Merkel kommen die zuletzt guten Wirtschaftsdaten am unteren Ende der Gesellschaft offenbar nicht immer an. So gingen im Jahre 2013 bei den Hamburger Amtsgerichten 4124 Räumungsklagen ein. In Bremen waren es im selben Jahr 651. In Leipzig gab es allein im Jahr 2012 über 1300 Räumungsklagen, in rund 900 Fällen wurde die Wohnung tatsächlich zwangsgeräumt.

Mieterschützern zufolge war lange Zeit ein angeblicher oder tatsächlicher Eigenbedarf des Vermieters der häufigste Kündigungsgrund, der zu Zwangsräumungen führte. Schließlich greift der Mieterschutz nicht, wenn ein Vermieter einen Eigenbedarf geltend machen kann.

Doch das Bild scheint sich zu wandeln. Sicher gibt es auch verzweifelte Vermieter, die sich etwa gegen renitente Mietnomaden wehren. „Doch immer öfter ist es schlicht knallhartes Renditestreben, das die Wohnungsfirmen und private Vermieter dazu veranlasst, Mieter hinauszuwerfen“, sagt der Stadtsoziologe Andrej Holm im Gespräch mit der Huffington Post.

An der Berliner Humboldt-Universität rekonstruierte der Forscher zuletzt das Ausmaß der Wohnungsräumungen in der Bundeshauptstadt. Das Ergebnis: Mit fast 10.000 Räumungsklagen pro Jahr ist Berlin „auch die Hauptstadt der Wohnungsnotlagen"“ – und das, obwohl einzelne Problemkieze wie Neukölln mangels Zahlen in der Studie noch nicht einmal erfasst sind.

Vermieter haben Gangart verschärft

Klar ist: Die Vermieter haben ihre Gangart verschärft. Früher hätten sich viele darauf eingelassen, dass das Sozialamt für offene Mieten rückwirkend einspringt. „Doch wegen des anziehenden Mietmarkts nutzen sie nun ihre Chance, den Mieter rauswerfen zu lassen und künftig mehr Geld verlangen zu können“, sagt Holm.

Die Zahl der anberaumten Zwangsräumungen ist in Berlin in den vergangenen Jahren als Folge deutlich gestiegen. Dies führe dazu, dass immer mehr Menschen ihre Wohnung verlieren würden. „Und das, obwohl viele lieber hungern als die Miete nicht zu bezahlen.“

Den Autoren der Studie zufolge sind immer öfter auch Frauen und Kinder von Zwangsräumungen betroffen. Darauf deuten auch die offiziellen Statistiken der Stadt München hin: An der Isar hat sich die Zahl der wohnungslosen Kinder in nur drei Jahren verdoppelt. Und dem Verlust der Wohnung geht dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge deutschlandweit in etwa vier von zehn Fällen eine Zwangsräumung voraus.

Holm rechnet zumindest in den Städten, in denen viele ärmere Menschen explodierenden Mietmärkten gegenüberstehen, künftig mit einem deutlichen Anstieg der Zwangsräumungen. Auch Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, warnt, deren Zahl werde zunehmen, "wenn politisch nicht sofort und konsequent gegengesteuert wird“.

Durch den massiven Zustrom an Asylsuchenden wird der Mietmarkt in Metropolen wie München, Köln, Berlin oder Hamburg noch weiter angeheizt. Innerhalb weniger Monate kamen zuletzt bis zu einer Million Flüchtlinge – die, sobald sie anerkannt sind, wie auch die meisten Deutschen in den Großstädten leben wollen. Es drohen aufgrund der verfehlten Wohnbaupolitik massive Verteilungskämpfe zwischen den Menschen, die schon hier leben, und den ankommenden Flüchtlingen.

Dabei war der Mietmarkt in den großen Städten bereits vor Beginn der Flüchtlingskrise für Geringverdiener und Teile der Mittelschicht zunehmend unbezahlbar geworden.

Bundesweit hatten der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zufolge im vergangenen Jahr bereits 335.000 Menschen keine Wohnung, im Jahr 2018 sollen es bereits 560.000 sein. Die Zahl der Obdachlosen soll in den vergangenen zwei Jahren sogar um 50 Prozent auf 39.000 nach oben geschnellt sein.

Entwicklung verschärft sich

Von 2002 bis 2013 hat sich die Anzahl der Sozialwohnungen dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales zufolge deutschlandweit von 2,47 Millionen auf 1,47 Millionen beinahe halbiert. Dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zufolge würde es alleine rund 4,5 Milliarden Euro jährlich kosten, den Bestand an sozialem Wohnraum dauerhaft zu halten.

Doch der Bund hat zuletzt gerade einmal eine Milliarde Euro für diesen Zweck bewilligt.

Mit dem Verkauf staatlichen Wohnungseigentums an Konzerne sei diese Entwicklung sogar noch verstärkt worden, so Schneider. Tatsächlich wurden etwa in Bayern und Baden-Württemberg zuletzt zehntausende öffentliche Wohnungen an den Meistbietenden verhökert. Viele Bewohner konnten sich nach kräftigen Mieterhöhungen ihre Wohnungen nicht mehr leisten.

Nicht selten müssen Mieter auch schlicht wegen eines Missverständnisses ausziehen. So wie im Fall von Michaela Huber. Monatelang hatte der Vermieter nichts gegen den Schimmel in der Wohnung der jungen Frau unternommen. Die Berlinerin kürzte daraufhin eigenmächtig die Miete.

Doch den so entstandenen Zahlungsrückstand nutze das Wohnbauunternehmen aus, um die lästige Mieterin los zu werden. Denn die Berlinerin hätte laut Gesetz die Miete einstweilen weiter zahlen müssen.

Mutter und Tochter können mittlerweile dennoch aufatmen. Sie fanden zuletzt doch noch eine bezahlbare andere Wohnung.

*Name geändert

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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