POLITIK
07/12/2015 06:10 CET | Aktualisiert 11/12/2015 20:19 CET

Kampf gegen den Islamismus: Ein Streetworker erzählt, wie er deutsche Jugendliche vor Salafisten schützen will

dpa
Jugendliche jubeln 2011 in der Innenstadt von Frankfurt am Main dem umstrittenen Prediger Pierre Vogel zu

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Die Terroranschläge von Paris haben viele Menschen verunsichert. Nicht nur in Frankreich, sondern auch in Deutschland wächst derzeit die Sorge vor einer zunehmenden Radikalisierung junger Menschen

Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) ist die Zahl der Salafisten in Deutschland mittlerweile auf fast 8000 angewachsen - das Milieu gilt mit seiner radikalen Islam-Auslegung als "Nährboden für den Dschihad", wie BfV-Chef Hans-Georg Maaßen kürzlich sagte.

Wie aber kann man verhindern, dass Jugendliche in Deutschland von islamistischen Rattenfängern radikalisiert werden? Darüber haben wir mit David Aufsess gesprochen. Er ist Streetworker beim Bremer Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit e.V. und arbeitet mit gefährdeten Jugendlichen zusammen.

Huffington Post: Herr Aufsess, die Behörden in Deutschland warnen vor Anschlägen durch radikale Salafisten. Wie nah ist Deutschland so einem Anschlag?

David Aufsess: Ganz verhindern kann man solche Attentate sicher nie.

Ein ernüchterndes Fazit ...

Das soll es gar nicht sein. Wir erleben in Bremen jeden Tag, dass sich die meisten jungen Menschen ganz klar gegen Gewalt und radikale Ansichten aussprechen. Wir merken aber auch, dass es einige Jugendliche mit wiederholten Frustrations-Erlebnissen gibt. Bei manchen hängt das mit der Schule zusammen, bei anderen mit dem Arbeitsmarkt oder der Familie. Das kann ein Nährboden für einen Radikalisierungsprozess sein, der möglicherweise zu einer Befürwortung von Gewaltausübung führen kann. Das ist aber kein reines muslimisches Phänomen.

Aber was machen Sie mit muslimischen Jugendlichen, die sich radikalisieren?

Wir haben über Jahre hinweg Kontakt zu Jugend-Cliquen aufgebaut. Darunter sind in der Regel junge Muslime, die nicht unbedingt in Sportvereinen angemeldet sind oder Klavierunterricht haben. Junge Menschen, die einen großen Teil ihrer Freizeit auf der Straße verbringen. Wir unternehmen viel mit ihnen, gehen zum Beispiel Fußball spielen. Und auf dem Weg dorthin unterhalten wir uns, etwa über die Rolle der Frau, den Nahostkonflikt oder ihr Leben als Muslim in Deutschland.

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Anhänger des radikal-islamischen Predigers Pierre Vogel im September 2013 bei einer Demonstration in Frankfurt. (Credit: dpa)

Wir könnten uns vorstellen, dass nicht alle Teenager Lust auf Diskussionen über Politik und Gesellschaft haben ...

Nicht immer. Aber wir merken, dass viele Gesprächsbedarf haben. Vor allem nach großen Medienereignissen, wie den Anschlägen von Paris oder der Debatte um die Flüchtlingskrise. Es können aber auch ganz alltägliche Dinge sein, über die man spricht. Etwa über die Frage, ob man Parfüm benutzen darf, weil darin Alkohol enthalten ist.

Wer ist besonders gefährdet, in den radikalen Islamismus abzurutschen?

Die Anfälligkeit für eine islamistische Radikalisierung ist kein spezifisch muslimisches Phänomen, wie viele behaupten. Junge Deutsche sind da genauso gefährdet. Wir kennen im Übrigen auch viele deutsche Jugendliche ohne einen Migrationshintergrund, die konvertiert sind.

Woran merken Sie, dass jemand abzudriften droht?

Das hängt immer von der Persönlichkeit ab. Ein Alarmsignal ist immer, wenn sich jemand plötzlich abschottet, nicht mehr mit sich reden lässt. Aber auch da muss man differenzieren, denn eine freiwillige Isolation bedeutet nicht immer gleich, dass sich jemand radikalisiert, geschweige denn Gewalt ausüben will.

Welche Rolle spielt das Internet bei der Radikalisierung Jugendlicher?

Es spielt eine entscheidende Rolle. Man braucht sich nur angucken, was bei Google als erstes erscheint, wenn man den Begriff Islam eingibt. Da findet man viele Webseiten und Blogs mit salafistischen Inhalten.

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Braucht Deutschland eine bessere Präventionsarbeit, um junge Menschen besser vor islamistischen Strömungen zu schützen? (Credit: dpa)

Wie gehen Sie damit um?

Ganz offensiv. Wir versuchen, über diese Netz-Inhalte informiert zu sein, um zu wissen, worüber die Jugendlichen sprechen. Und es ist ganz wichtig, dass sie sich dazu positionieren. Wir fordern sie häufig dazu auf, zu radikalen Meinungen Stellung zu beziehen, den Kopf einzuschalten – und nicht einfach unreflektiert wiederzugeben, was sie auf ihren Smartphones sehen und lesen.

In Frankreich und Belgien wird über ein Versagen der Gesellschaft bei der Integration der jungen Muslime diskutiert. Viele Migranten leben dort schlichtweg in Parallelgesellschaften. Versagen auch die Deutschen?

Klar ist, dass das Bild des Islam seit 9/11 in Deutschland nicht gerade positiv ist. Das nehmen junge Muslime natürlich wahr. Ich würde zwar nicht so weit gehen, dass die Gesellschaft in Deutschland mitschuld an der Radikalisierung Jugendlicher ist ...

Aber? ...

... die Präventionsarbeit im Bereich des radikalen Islam war bis vor kurzem schlichtweg ungenügend. Gäbe es zum Beispiel schon länger eine professionelle Imam-Ausbildung in Deutschland, würde es einige Probleme heute nicht geben.

Deutschland hätte also schon früher den Islam als Teil der Gesellschaft anerkennen sollen?

Absolut. Präventionsarbeit war hier doch bisher eine Art Flickenteppich, es gab wenig Vernetzung, die ehrenamtliche Jugendarbeit der Moscheeverbände wurde kaum von der öffentlichen Hand unterstützt. Diese Umstände kommen Salafisten entgegen, die mit jugendspezifischen Angeboten eine Lücke füllen konnten.

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Jugendliche vor einem Bus des Bremer Vereins zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit, kurz VAJA (Credit: vaja-bremen.de)

Paris und Brüssel wurden zuletzt als die neuen Zentren des Terrorismus in Europa bezeichnet. Steht Deutschland das noch bevor?

Ich tue mich schwer mit solchen Aussagen - zumal ich dazu nicht viel sagen kann. Dafür sind die Sicherheitsbehörden zuständig. Man sollte aber eins bedenken: Wenn wir von salafistischen Gefährdern sprechen, dann geht es laut Verfassungsschutz um wenige Hundert Personen in Deutschland. Wir sollten eher über die restlichen 4,5 Millionen Muslime in Deutschland sprechen, die friedlich und integriert in der deutschen Gesellschaft leben.

Was ist Ihr Lösungsvorschlag für diejenigen, die sich radikalisieren?

Es sollte Aufgabe unserer Gesellschaft sein, für eine bessere soziale Balance zu sorgen, alle am kulturellen Leben teilhaben zu lassen. In einigen großen deutschen Städten klappt das schon ganz gut. Ironischerweise sind das übrigens die Städte, die gern als soziale Brennpunkte beschrieben werden.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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