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07/12/2015 15:41 CET | Aktualisiert 14/12/2015 04:19 CET

Stiller Protest: Diese 11 Graffiti verraten mehr über die Ängste junger Menschen als jede Studie

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Demonstrationen ziehen Abertausende Menschen auf die Straßen: Pegida, Anti-Pegida, Anti-TTIP, Anti-Stuttgart-21; mal geht es um Politik, mal um Wirtschaft und mal um ganz persönliche Ängste.

Aber es gibt auch eine andere Art von Demonstrationen. Sie sind stiller und trotzdem erreichen ihre Botschaften Tausende von Menschen: Es geht um Graffiti.

Will man ein Land vollständig verstehen, muss man sich die bunten Bilder auf Bahnhöfen und S-Bahnen, an Autobahnbrücken und an grauen Hauswänden ansehen. Mitunter erkennt man hier am schnellsten, was jüngere Menschen bewegt - und wie sie über die Politik ihres Landes denken. Das zeigen die Hauswände in Brüssel genauso wie die Brücken in Athen und Berlin.

Doch diese Bilder haben auch eine Aufklärungsfunktion. Wichtig sind die politischen Statements vor allem aufgrund der großen Politikverdrossenheit junger Menschen - so werden auch politisch Inaktive und Nichtwähler zum Nachdenken angeregt, auch um sich eine eigene Meinung zu bilden.

Das haben wir über Deutschland gelernt:

Auf einer S-Bahn in Hannover wird die EU-Grenzschutzagentur Frontex, die aktuell aufgrund der Flüchtlingskrise in Verruf geraten ist, kritisiert:


Der Künstler Blu hatte 2007 in Berlin im Stadtviertel Kreuzberg zwei große Wände bemalt. Eines davon zeigt einen Mann, der sich die Krawatte zurecht zieht und durch seine Rolexuhren an beiden Handgelenken gefesselt ist - oft mit Phrasen wie "Gefangener der Zeit" oder "Zeit ist Geld" betitelt:

Berlin© www.blublu.org

Posted by BLU on Dienstag, 5. April 2011



Hier kann man die Produktion des Gemäldes im Zeitraffer verfolgen.

Das zweite ist in Bezug auf die Trennung Berlins gerichtet, da die zwei maskierten Männer, die mit einer Hand versuchen das "wahre" Gesicht des jeweils anderen zu entblößen, mit der freien Hand einmal das Zeichen "E" für East und das Zeichen "W" für West formen. Die Cuvrystraße liegt direkt an der Spree, der ehemalige Grenzstreifen zwischen DDR und BRD.




Das besondere an diesen beiden Kunstwerken ist, dass nachdem fest stand, dass die beiden Gebäude abgerissen und von Investoren zu riesigen Wohnblocks ausgebaut werden sollen, Blu beide Gemälde über Nacht komplett schwärzen ließ. Zuvor hatten unter anderem auch Flüchtlinge dort Unterkunft gefunden. Das war auch ein klares Statement gegen die Profitgerichtetheit mancher Investoren, die mit teuren Neubauten alteingesessene ärmere Familien aus der Stadt vertreiben.




Blu hat in Berlin noch ein weiteres Statement gesetzt, und zwar gegen die Privatisierung des Wassers:

Berlin© www.blublu.org

Posted by BLU on Dienstag, 5. April 2011

Water is a Human Right - VOTE!www.right2water.eu/Water is a public good, not a commodity. We invite the European...

Posted by BLU on Samstag, 2. Februar 2013



Er ruft auf seiner Facebookseite dazu auf, die Online Petition für die Europäische Kommission zu unterschreiben, welche sich gegen die Privatisierung von Wasser richtet. Er schreibt, dass Wasser ein Menschenrecht und öffentliches Gut ist.

Auch lokale und aktuelle Themen wie zum Beispiel das 25-jährige Mauerfall-Jubiläum in Berlin werden aufgegriffen:

Berlin Wall© www.blublu.org

Posted by BLU on Dienstag, 5. April 2011


Während Blu wieder ein kapitalistisches Problem dahinter sieht, nämlich dass mit dem Mauerfall, der Euro auferstand, erklärt "Alaniz", dass er anlässlich des 25. Jahrestages des Mauerfalls an die vielen anderen "Mauern" in der Welt gedenken will. Diese Mauern symbolisieren für ihn den Krieg zwischen benachbarten Ländern, deshalb greift er hier mit der Verkörperung von David und Goliath den andauernden Konflikt zwischen Palästina und Israel auf.


Der Künstler Alaniz thematisiert in Berlin nicht nur die unschuldigen Kinder, die Opfer des Syrienkriegs werden...

Detail of the collaborative wall I did with some of the coolest people in town. Sokar uno , Visionary Artwork Of Valeria...

Posted by Alaniz on Montag, 5. Oktober 2015

A few weeks back, a collaborative wall with some of the coolest people in town. Sokar Uno , Visionary Artwork Of Valeria...

Posted by Alaniz on Montag, 5. Oktober 2015



...sondern auch die mulitkulturelle Nachbarschaft im Berliner Stadtteil Wedding durch Portraits.

Wedding faces

Berlin is a relatively new city, in constantly change, developing, growing. Like in the movie "Oh, boy", I like to think it too, as a late teenager in their mid 20's coming from an aristocratic family. So meanwhile some people critics the gentrification and the lost of identity, I try to imagine it also, as a good experience for a cultural mix. It's utopist to think that the capitol of one most powerful countries in the world could stay forever "poor and sexy", and even tho our duty is to resist it, and to save the most of that essence that we can, sooner or later the city will change. In my eyes, even with the problems that this brings, there are a few things that are still positive on this, one of them is the multiculturalism and the richness that this cultural exchange means. That is why, when I got asked to paint the front of the Stattbad Wedding, I understood that portraying the neighbors of that street was at the same time the best way of portraying that cultural exchange. Each of them comes from a different country and from a different background, and still, they share the same street, the same house, the same school and nobody (beside just a few narrow-minded and that's why I said nobody) make any kind of discrimination. The best part of painting that wall was, that I didn't even need to search for that people, I thought that the best way to keep it "real" was to leave them come to me, so I decided to search just for 3 persons to portray and wait for neighbors to ask me if I could portrayed them; it went perfectly. In the end I got 9 portraits of 9 persons of different nations living in the same place. Well, 9 persons and a dog 😊 Thanks to @openwallsgallery for the invitation #alaniz #alanizart #openwallsgallery #stattbadwedding

Ein von Ala Niz (@alanizart) gepostetes Foto am



"Alaniz" schreibt, dass er auf Anfrage der "OPEN WALLS Gallery" in Berlin die Vorderseite des Stadtbades in Wedding besprühen sollte. Das Thema widmete er der Nachbarschaft, die dort lebt und sehr multikulturell ist. Er hat also neun Porträts von Nachbarn abgebildet, die aus neun verschiedenen Herkunftsländern kommen. Er will, dass man die positive Seite des Zuzuges sieht, nämlich die Vielfalt an Kulturen, die die Menschen mitbringen.


Auch dieses Bild von Alaniz in Berlin hat einen politischen Hintergrund:

"Killing in the name of justice"Exactly 3 years ago, I painted this wall condemning the insanely murdered of innocent...

Posted by Alaniz on Freitag, 4. September 2015



Er hätte dieses Bild bereits vor drei Jahren gemalt, als der Syrien Krieg bereits fortgeschritten war. Er schreibt, dass zu dem Zeitpunkt schon 100.000 Menschen umgekommen seien, darunter auch viele unschuldige Kinder. Er kritisiert die Menschen, die das jahrelang ignoriert haben und sich jetzt für ihre Gutherzigkeit und Willkommenskultur loben lassen. Er meint, dass die Menschen, die diese von Angst und Gefahr durchsetzte Überfahrt überleben die wahren Helden sind. Alaniz ist enttäuscht von den Menschen, die zusehen, wenn die Menschen in einem anderen Land sterben und erst handeln, wenn "ihre Vorgärten in blutigem Rot" erscheinen.


Die beiden deutschen Künstler von "HERAKUT" machen auf soziale Einrichtungen aufmerksam, engagieren sich mithilfe der Kunst selbst für Flüchtlinge und thematisieren mit ihren Bildern zum Beispiel auch die Opfer der nigerianischen Terrorgruppe "Boko Haram" und der Organisation Widows Care e.V. in Mainz:

Rebecca´s Story. It needs to be heard. It is a story of the brutalities of Boko Haram, its helpless victims and its...

Posted by HERAKUT on Dienstag, 26. Mai 2015



Auf ihrer Website erklären die Beiden auch nochmal sehr genau, was sie sich bei den jeweiligen Bildern gedacht haben und weisen auf politische Missstände in der Gesellschaft, national wie international, hin. In diesem Wandgemälde wird die Generalisierung der muslimischen Bevölkerung nach den Terroranschlägen beziehungsweise aufgrund der Machenschaften des IS kritisiert:

little red riding hood turned angry on this arm ... @akut_one @hera_herakut #herakut @balexttz

Ein von HERAKUT (@herakut) gepostetes Foto am



So schreibt HERA, dass das Rotkäppchen im Märchen zwar schon eine negative Erfahrung mit dem Wolf gemacht hat, aber anderen Wölfen quasi eine Chance gibt und nicht alle über einen Kamm schert. So verlangt es die Künstlerin auch von der Bevölkerung. Auch wenn einige Menschen, die behaupten im Namen des Islam zu handeln, Terrorakte verüben, sollten nicht alle muslimisch gläubigen Menschen danach beurteilt werden. Das Gemälde ist in Schmalkaden zu sehen.


Auch wenn Berlin die Hochburg der politischen Street-Art-Bewegung ist, ziehen immer mehr Städte nach, sowie hier in München zu sehen ist.

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Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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