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27/12/2015 09:06 CET

Flüchtling berichtet vom Leben in IS-Hauptstadt Raqqa: Wo Kinder mit Gewehren die Straßen kontrollieren

dpa

Der IS präsentiert seine Hochburg Raqqa gerne als Paradies - zumindest für diejenigen, die sich für Waffen, Zwangsprostitution und willkürlichen Machtmissbrauch begeistern. Schon in den letzten Wochen wurde viel über eine Journalistengruppe berichtet, die unter Todesgefahr direkt aus Raqqa aufklärt. Auf die Mitglieder "Raqqa is being slaughtered silently" (RBSS)ist Kopfgeld ausgesetzt, doch sie wollen weiterhin den Alltag in der IS-Hauptstadt dokumentieren und vor allem verhindern, dass der Westen die Menschen in ihrer Heimat vergisst.

Doch sie sind nicht die einzigen, die vom heutigen Leben in Raqqa erzählen können. Auch die Flüchtlinge, die es geschafft haben, die Islamisten-Hochburg zu verlassen, bringen Geschichten mit sich. Geschichten von einer ehemals multikulturellen und liberalen Stadt, an dem sich viele Einflüsse des nahen Ostens vermischten, und Geschichten von einer gekidnappten Stadt, seit der IS das Sagen hat.

Einer der Zeugen des Wandels hat sich nun vor die Kamera von CNN getraut. Er will anonym bleiben, zum eigenen Schutz. Die Mütze hat er sich weit in die Stirn gezogen und einen Schal über Mund und Nase geschlungen. Nur seine dunklen Augen sind noch sichtbar.

"Erschreckend" ist das Wort, das für ihn den "Islamischen Staat", neuerdings auch oft "Daesch" genannt (eine negativ besetzte Bezeichnung, die dem IS selbst missfällt), am besten charakterisiert. Auch hätten sie die Bürger getäuscht. "Sie kamen mit ihren Gesetzen und taten so, als würden sie nur Ehrlichkeit lehren", berichtet er gegenüber CNN. "Aber sie haben uns das Lügen gelehrt."

Nicht nur das Lügen, auch das Verstecken haben sie gelernt. Von wirklichem "leben" kann eigentlich kaum noch die Rede sein. Seine Kinder ließ er kaum noch hinaus. Zu schlimm war der Anblick von den Geköpften auf dem Hauptplatz und den leblosen Körpern, die auf der Straße liegen gelassen werden. Wenn die Kinder einen IS-Kämpfer sahen, versteckten sie sich. Auch seine Frau wurde zu einer „Gefangenen in ihrem eigenen Haus“.

Sich als Kind vor den Terroristen zu verstecken, macht durchaus Sinn: Manche sind noch unter zehn, wenn sie in IS-Indoktrinations-Camps ausgebildet werden und danach zum Beispiel die Straßen Raqqas kontrollieren müssen. "Du kannst einen zehnjährigen sehen, der eine russische AK47 hält. Das ist surreal!", findet der Familienvater. Die Kinder können willkürlich sogar erwachsene Männer auf der Straße stoppen. Viele von ihnen sind Kinder der ausländischen Kämpfer, oft kommen sie aus Tschetschenien.

Doch nicht nur die rohe Gewalt machte das Leben nicht zum Aushalten. Hunger, Stromausfälle und Armut prägen die Stadt. RBSS berichten, dass trotz der Knappheit Essenspenden vom Westen verbrannt werden, sobald sie dem IS in die Finger geraten.

Die meisten Ärzte haben schon lange die Stadt verlassen. Die Ärzte, die noch geblieben sind, kann man fast an einer Hand abzählen. Sie gehorchen dem IS, arbeiten in den eigenen Kliniken der Terrororganisation. Medizinische Versorgung ist also für den normalen Bürger kaum noch möglich. Wer krank ist, hat also ein Problem.

Auch Bildung ist kaum möglich und überwacht. Nur kurz haben die Kinder des anonymen Interviewten bei CNN in Raqqa die Schule besucht. "Sie sind für eine Woche gegangen, dann haben sie sich geweigert. Es gibt keine Bildung", erklärt ihr Vater. Fünf- bis Elfjährige sitzen alle im selben Klassenzimmer, die Lehrer würden oft nicht auftauchen. Stattdessen steht gegenseitige Schikane auf dem Stundenplan.

Der Krieg zeichnet eben auch die Kinder, die in ihm aufwachsen. Das übliche Spielzeug wurde gegen Waffenduplikate eingetauscht und der Kampf nachgespielt. Nach kurzer Zeit konnten sie den Unterschied zwischen russischen und amerikanischen Kampfjets am Himmel ausmachen.

Seit den Luftangriffen dominieren anscheinend Paranoia Raqqa. Nach den ersten Schlägen von Frankreich und den Drohungen des Cyber-Krieges durch Anonymous bekam es der IS offenbar mit der Angst zu tun: Es wurde stark gegen offene Internetnutzung vorgegangen. Alle der noch vor einem halben Jahr 500 Internetcafés sollen geschlossen werden. Und das, obwohl die Internetversorgung neben dem Schwarzmarkthandel mit Öl und Drogen eine wichtige Einnahmequelle für den IS sein soll.

Die Angst des IS: Ihre künftigen Ziele und Geheimnisse könnten enthüllt werden. Deshalb wird Raqqa von der Außenwelt abgeschnitten, wie es die Aktivisten von RBSS formulierten. Der IS traut den eigenen Mitgliedern nicht, sie könnten zum Beispiel Kontakt mit ausländischen Medien und Regierungen aufnehmen. Wer verdächtigt wird, wird geköpft. In der Bevölkerung herrscht Misstrauen, auch untereinander. Vielleicht ist der Nachbar doch ein Spion für den IS und verdächtigt einen, westliche Kontakte zu haben?

An Stärke büßt der IS bisher trotz der Luftangriffe bisher kaum ein – oder lässt es zumindest nicht nach außen dringen. Angeblich wird an einem Tunnelsystem gebaut, um die kurzfristige Evakuierung zu erleichtern. Mit Luftschlägen allein wird sich der Terror wohl nicht beenden lassen. Am Boden herrscht ein Stellungskrieg – kaum etwas bewegt sich nach vorne oder zurück.

Raqqa ist so auch auch kein Ort, den man leicht verlassen kann – auch nicht für den ehemaligen Raqqawi, der mit CNN sprach. Den Widerstand gegen den Regimeführer habe er zunächst auch unterstützt. Nach Jahren der Schreckensherrschaft des "Daesch" hatte er aber genug. "Ich habe Raqqa für meine Kinder verlassen. Ihr Leben wurde zerstört", sagt er gegenüber dem Fernsehsender.

Mit seiner jungen Familie ist er nun geflohen. Knapp fünfhundert US-Dollar musste er einem Schlepper für seine fünfköpfige Familie bezahlen, um über die Grenze in die Türkei gebracht zu werden - immer noch viel für einen Mann, der im Monat umgerechnet 150 Dollar als Lehrer verdiente. Der Weg führte sie über Felder, um die IS-Kontrollstellen zu vermeiden. Seine Kinder weinten, er versuchte sie ruhig zu stellen. Wer bei dem Versuch erwischt wird, zu fliehen, dem droht das Schlimmste: Es ist illegal, IS-Gebiet zu verlassen.

Mittlerweile ist der Syrer aus Raqqa in Gaziantep in der Türkei angekommen. Er will eine neue Zukunft für seine Kinder aufbauen und "alles löschen, was sie gesehen haben."

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