LIFE
07/12/2015 10:33 CET | Aktualisiert 08/12/2015 03:12 CET

Sie haben den härtesten Job der Welt: 9 Dinge, die du über die Menschen wissen solltest, die deine Kinder erziehen

2015-12-08-1449555156-597177-ontour.jpg

“Ich habe oft das Gefühl, dass viele Eltern nicht begreifen, was wir hier machen." Das sagt eine, die es wissen muss: Daniela Krauß, Leiterin der Zukunft Kinderkrippe (ZuKi) im Münchner Stadtteil Berg am Laim. Drei Gruppen mit je zwölf Kindern werden dort durch je zwei Fachkräfte und eine Ergänzungskraft betreut.

Und nicht nur viele Eltern scheinen die Leistung der Erzieher zu ignorieren, sondern auch die Bundesregierung. "Kinder sind die Zukunft unseres Landes", beteuert Angela Merkel zwar. Das ändert aber nichts daran, dass Erzieher nach wie vor zu den schlechtbezahltesten Arbeitnehmern des Landes gehören. Maurer und Paketboten zum Beispiel, von denen die Zukunft unseres Landes weit weniger abhängt, verdienen im Schnitt mehr als Erzieher.

Kein Wunder, dass deutschlandweit rund 120.000 Vollzeitstellen in Kitas nicht besetzt sind.

Wer erfahren will, wie es den Deutschen (und ihren Kindern) geht, der muss auch in die Kitas des Landes schauen, denn ihre Arbeit wird von der Gesellschaft häufig noch zu gering geschätzt. Vielleicht wissen einfach zu wenig Menschen, was Erzieher jeden Tag für unsere Kinder tun. Deshalb gibt es an dieser Stelle etwas Nachhilfe.

erzieherinnen

1. Erzieherinnen und Erzieher begleiten dein Kind in einer der bedeutendsten Lebensphasen

Die ersten drei Jahre sind die wichtigsten in der Entwicklung eines Kindes. Derzeit verbringen rund eine halbe Millionen Kinder unter drei Jahren in Deutschland einen großen Teil dieser Zeit in einer Krippe oder Kita. Oft wird vergessen, dass Kitas keine Aufbewahrungsstätten für Kinder sind, sondern die Orte, an denen sie ihre erste Bildung bekommen.

“Es wichtig zu wissen, wie ein Kind sich entwickelt und was seine Bedürfnisse in den verschiedenen Phasen sind”, sagt Daniela Krauß. “Den Entwicklungsstand aller Kinder im Blick zu behalten, gehört zu den größten Herausforderungen des Berufs.

Denn nur wenn ich diese im Blick habe und auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes eingehen kann, kann ich die individuelle Entwicklung unterstützen. Damit biete ich ihm einen sicheren Rahmen, um das Gelernte zu vertiefen und Neues auszuprobieren. Diese positiven Erfahrungen bestärken das Kind in seinem Tun."

2. Erzieherinnen sind großen Belastung ausgesetzt

Erzieherinnen sind im Durchschnitt häufiger krank als andere Arbeitnehmer, wie eine Berechnung der Techniker Krankenkasse belegt. Das liegt nicht nur daran, dass sie sich häufig bei kranken Kindern anstecken - auch die körperliche und psychische Belastung ist in diesem Beruf sehr groß.

“Die Arbeitsbelastung, insbesondere der Lärmpegel und die körperliche Belastung sind eine Herausforderung. In unserer Krippe bekommen wir Unterweisungen durch Physiotherapeuten und lernen, wie wir Stress abbauen können. Aber das ist bei Weitem nicht in jeder Einrichtung der Fall”, sagt Krauß.

Etwa ein Fünftel der Erzieherinnen und Erzieher arbeitet bereits an der Belastungsgrenze. Das gab die Bundesregierung kürzlich auf eine Anfrage der Linken-Bundesfraktion hin bekannt, wie die "Passauer Neue Presse" berichtet.

Die Regierung stützt sich dabei auf eine Umfrage. Demnach gaben 21,6 Prozent der Befragten aus den Bereichen Kindererziehung und Kinderbetreuung an, an der Grenze der Leistungsfähigkeit zu arbeiten. Bei anderen Berufsgruppen liegt dieser Wert im Schnitt bei 16,5 - also deutlich darunter.

3. Das Gehalt von Erzieherinnen steht in keinem Verhältnis zu ihrer Leistung

“Wir arbeiten mit der Zukunft”, sagt Daniela Krauß. “Wir arbeiten mit Kindern, von denen wir irgendwann einmal abhängig sind.“

Die Möglichkeiten, die eine Erzieherin in der Kita bieten kann, sollten nicht unterschätzt werden. Ihr Job erfordert Geduld, Einfühlungsvermögen und Wissen über die kindliche Entwicklung. Sie muss trösten, motivieren, ermutigen. Und das nicht nur bei einem Kind.

Denn die rund 600.000 Erzieherinnen in Deutschland betreuen pro Kopf zu viele Kinder, wie eine Analyse der Bertelsmann Stiftung zeigt. Demnach kümmern sich Erzieherinnen in Westdeutschland um durchschnittlich 3,8 Kinder unter drei Jahren. In Ostdeutschland sind es 6,3 Kinder.

4. Die Ausbildung zur Erzieherin dauert fünf Jahre

Erzieherinnen sind Fachleute für die Früherziehung von Kindern. Während ihrer fünfjährigen Ausbildung gehören mehrere Stationen, unter anderem Vorlesungen an einer Fachakademie für Sozialpädagogik, Praktika und ein Anerkennungsjahr. Zudem muss eine Facharbeit eingereicht werden und es Abschlusskolloquium bestanden werden. Für einen Beruf, in dem man vergleichsweise schlecht verdient, ist das viel Aufwand - und schreckt viele Interessenten ab, wie mehrere wissenschaftliche Studien zeigen.

5. Sich um deine Kinder zu kümmern, ist ihre Leidenschaft

Erzieherinnen üben ihren Beruf aus Leidenschaft aus. “Wenn es ums Gehalt geht, dürfte ich den Job eigentlich nicht machen”, sagt Krauß.

Erzieherinnen verdienen laut Lohnspiegel der Hans-Böckler-Stiftung in Westdeutschland monatlich 2540 Euro brutto, in Ostdeutschland 2340 Euro. Zum Vergleich: Ein Paketzusteller verdient 2966 Euro - und muss für seinen Beruf keine fünfjährige Ausbildung absolvieren. Er hat auch keine vergleichbare Arbeitsbelastung oder Verantwortung.

"Ich würde mir wünschen, dass Politiker mal eine Woche in diesem Betrieb verbringen", sagt Krauß. "Dann wüssten sie, was wir hier leisten."

6. Sie nehmen Eltern nicht nur ihre Kinder ab - sie sind ein wichtiger Faktor in der Erziehung

“Es wäre schön, wenn mehr Eltern verstehen würden, dass das, was wir an ihren Kindern leisten, auch ihnen etwas bringt - ergänzend zu ihrer eigenen Erziehung”, erklärt Krauß.

Wenn die Eltern ihre Kinder abholen, informieren Krauß und ihre Kollegen sie darüber, was ihr Kind an diesem Tag erlebt und gelernt hat, was sein prägendstes Erlebnis war. Erzieherinnen setzen sich den ganzen Tag mit der Entwicklung und den Bedürfnissen der Kinder auseinander. Was sie leisten ist weit mehr, als ‘nur’ mit Kindern zu spielen.

“Ich habe oft das Gefühl, dass viele Eltern nicht begreifen, was wir hier ‘nur mal’ acht Stunden am Tag machen”, sagt Krauß.

7. Sie haben eine große Gruppe von Kindern im Griff und müssen gleichzeitig individuell auf jedes Kind eingehen

Während Erzieherinnen ihre Schützlinge betreuen, sehen sie nicht nur spielende Kinder. Sie sehen Abläufe, Entwicklungen, Kommunikation zwischen den Kindern, Beziehungen, die aufgebaut werden - und das, was sie sehen, geben sie an die Eltern weiter.

8. Sich um die Kinder zu kümmern, ist nur ein Teil des Jobs

Neben der Kinderbetreuung fallen für Erzieherinnen viele weitere Aufgaben an. Zusätzlich zu Elterngesprächen und der Dokumentation der Entwicklung der einzelnen Kinder, kümmern sie sich auch um den Haushalt der Einrichtung.

"Auch bei der Bewältigung der hauswirtschaftlichen Arbeiten, wird das Kind, soweit es möglich ist, mit einbezogen. Frühstück und Mittagessen zu bereiten, Wäsche machen, die Gruppe sauber und in Ordnung halten, gehören nun mal auch dazu. Beim Wickeln achten wir besonders auf einen geschützten Rahmen, um die Intimsphäre des Kindes zu schützen", erklärt Krauß.

9. Es gibt kaum Männer in Krippen und Kitas

Gerade einmal vier Prozent der Erzieher in Deutschland sind Männer. Für sie ist der Beruf vor allem auf Grund des niedrigen Gehalts und der fehlenden Aufstiegschancen unattraktiv. Dabei sind sie im Alltag mit Kindern sehr wertvoll:

"Es ist für die Kinder toll, nicht nur weibliche Betreuer zu haben. Und auch das Team profitiert von männlichen Erziehern", sagt Krauß.

Damit sich das in Zukunft ändern kann, müssen Gesellschaft und Politik begreifen, dass Erzieherinnen nicht nur mehr Wertschätzung, sondern auch ein besseres Gehalt verdienen. Denn je besser es ihnen selbst geht, desto besser können sie auch ihren Job ausüben. Und davon profitiert ein ganzes Land.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

Die neuesten Texte der HuffPost-Tour:

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite