POLITIK
07/12/2015 00:24 CET | Aktualisiert 07/12/2015 01:55 CET

Experten warnen, dass der IS im Besitz einer furchtbaren Waffe ist - und sie für Terroranschläge einsetzten könnte

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Eine ABC-Übung der Polizei in Jerusalem

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Es ist ein erschreckendes Szenario. In einer belebten U-Bahn-Station einer europäischen Stadt explodieren mehrere Sprengsätze. Menschen husten, verlieren das Augenlicht und die Orientierung: eine Chemiewaffe. Im Chaos erscheinen Attentäter in Schutzkleidung, die auf die Verletzten feuern. Polizei und Hilfskräfte sind machtlos, da Schutzanzüge und Masken fehlen und sie nicht für einen solchen Einsatz ausgebildet wurde.

Nach Ansicht von Experten wird dieses schreckliche Szenario immer realistischer. Experten warnen, dass sich Einsatzkräfte in Europa und den USA zwar intensiv auf Terrorangriffe mit Sprengstoffgürteln, Bomben und automatischen Gewehren vorbereiten - doch dabei die Möglichkeit eines Angriffes mit Massenvernichtungswaffen übersehen.

Beatrix Immenkamp, Politikanalystin des Europäischen Parlaments, schlägt in einem Bericht Alarm. Der Islamische Staat sei bereits im Besitz von Massenvernichtungswaffen und habe darüber hinaus die Möglichkeit, neue zu entwickeln. "Der IS rekrutiert Hunderte von ausländischen Kämpfern, darunter einige mit Abschlüssen in Physik, Chemie und Informatik. Diese seien nach Ansicht von Experten in der Lage, tödliche Waffen mit einfachen Mitteln herzustellen", schreibt sie.

Sie kommt zu einem dramatischen Schluss. "Die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten müssen sich auf die Möglichkeit einer chemischen oder biologischen Attacke auf ihrem Territorium durch den selbsternannten Islamischen Staat vorbereiten."

Nach Ansicht von Immenkamp gebe es viele Möglichkeiten, um an solche Waffen zu kommen. In "Hunderten Fälle" seien in der EU chemische, biologische, radiologische oder nukleare Stoffe verschwunden. Mehr als 150 Fälle des Handels von radiologischem und chemischem Material würden jährlich aufgedeckt, das gehe aus Interpol-Berichten hervor. Es gebe eine besondere Gefahr, dass Terroristen Stoffe wie Sarin, Rizin oder Anthrax benutzen, heißt es. Im Irak, in Syrien und wahrscheinlich auch im Libanon habe der IS darüber hinaus Zugang zu chemischen, biologischen oder radioaktiven Stoffen.

Der IS scheint seine Strategie geändert zu haben. Während er bis zur Mitte dieses Jahres wie eine gewöhnliche Armee nur im Irak und in Syrien gekämpft habe, würde er nun zunehmend auf spektakuläre Attentate mit vielen Toten setzten, um Anhänger und Spenden zu rekrutieren. Angefeuert wird diese Entwicklung von der Konkurrenz mit einer anderen Terrorgruppe: Al-Kaida. Ein Angriff mit Waffenvernichtungswaffen wäre noch spektakulärer als die Attentate vom 11. September 2001.

Es gibt zahlreiche Hinweise, dass der IS bereits Chemiewaffen entwickelt und einsetzt. So scheint die Gruppe einfache Granaten für chemische Kriegsführung hergestellt und in Attacken auf kurdischen Stellungen im Irak und Syrien im Juni und Juli 2015 verwendet zu haben.

Dabei soll der IS industriellen und landwirtschaftlichen Chemikalien zu Waffen umgebaut wurden. Im Juni 2015 behauptet der australische Außenminister Julie Bishop, dass der IS Chlorgas bei Angriffen verwendet habe. Nach US-Angaben soll der IS im August Senfgas aus ehemaligen Beständen der syrischen Armee gegen die Peschmerga eingesetzt haben.

Auch Wolfgang Rudischhauser ist über diese Entwicklung sehr besorgt. Er ist der Direktor des Zentrums für die Nicht-Verbreitung von Massenvernichtungswaffen der Nato. Er schreibt: "Besorgniserregende Berichte bestätigen, dass der Islamische Staat (zumindest kurzfristig), Zugang zu ehemaligen Chemiewaffenlagern im Irak hatte." Dies könne bald auch in Libyen geschehen.

Angeblich soll der IS auch giftige Chemikalien in den Kämpfen um Kobane verwendet haben. "Noch besorgniserregender sind Presseberichte über nukleares Material, das aus irakischen wissenschaftlichen Einrichtungen entwendet worden sein soll", schreibt Rudischhauser. Der Nato-Experte warnt: "Wir könnte bald eine Phase des chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Terrorismus erleben, die nie zuvor vorstellbar war. "

Chemiewaffen wurden bereits bei Anschlägen eingesetzt. 1995 führt die Weltuntergangssekte Aum Shinrikyo ein Attentat mit dem Nervengift Sarin auf mehrere U-Bahn-Stationen in Tokyo durch. Dabei starben 12 Menschen und 50 wurden verletzt. Das Gas hatte die Sekte selbst produziert. Verbreitet hatte sie es in einfachen Plastiktüten, welche die Attentäter mit einem Regenschirm durchlöcherten.

Der IS besitzt Massenvernichtungswaffen. Er setzt sie bereits bei Kampfhandlungen ein. Und die Geschichte zeigt, dass Terroranschläge mit Giftgas durchführbar sind. In Israel sind Übungen für Angriffe mit solchen Waffen für Polizei und Militär bereits Normalität.

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