POLITIK
07/12/2015 04:54 CET | Aktualisiert 11/12/2015 20:20 CET

Fantasie-Nation "Wonderland": Dieser Mann will einen neuen Staat gründen

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Die Freiheit ist für Yoshi genau sechs Meter breit und 485 Meter lang.

„Bis auf drei Millimeter genau abgemessen“, sagt der 29-Jährige und zeigt auf mehrere Stellen im Rasen, an denen dünne Eisenstäbe aus dem Boden ragen.

Seine Schultern hat Yoshi verkrampft nach oben gezogen, seine Finger sind blau angelaufen. Es ist kalt an diesem Vormittag, irgendwo an der deutsch-niederländischen Grenze.

Hier, mitten in einem Gewerbegebiet zwischen der niedersächsischen Gemeinde Emlichheim und dem niederländischen Grenzort Coevorden, soll ein neues Utopia entstehen. Auf einem angeblich staatenlosen Stück Land.

Yoshi und seine Freunde nennen es „Wonderland“: Eine neue Nation, auf einer matschigen Wiese, 3000 Quadratmeter groß, abgesteckt mit ein paar Fähnchen. Was hier entsteht, ist eine Utopie. Ein Staat, der Menschen zum Nachdenken anregen soll. Über die Wirtschaft, über unser Geld - und die Zukunft.

6 Meter breit, 485 Meter lang - wo derzeit nur zwei Zelte aufgeschlagen sind, soll schon bald Europas jüngster Staat entstehen (Credit: Christoph Asche)

Und die Staatsgründer an der niederländischen Grenze meinen es ernst. Yoshi holt eine zerknitterte Plastikmappe aus seinem Wohnwagen. Gründungsurkunde, Grundgesetz, Unabhängigkeitserklärung, alles da. Es gibt sogar eine fünfköpfige Regierung.

„Wir wollen ein Gegenmodell zu den bisherigen Lebensformen“, sagt Yoshi. Auf einer Webseite kann sich jeder als „Wonderland“-Bewohner registrieren. Über 350 Internet-Nutzer haben sich so seit September solidarisch mit den Aktivisten gezeigt.

Sie seien keine Hippies, verrückt seien sie auch nicht, sagt Yoshi. Die Menschen sollen hier einfach nur ein Leben führen können, in dem sie nicht vom Finanzsystem ausgebeutet werden, sagt er. Viel konkreter wird er nicht.

Aber an vielen seiner Bemerkungen hört man, dass er glaubt, es laufe etwas falsch in der Wirtschaft. Unternehmen würden zu mächtig, findet er, die Politik entferne sich immer weiter von den wirklichen Bedürfnissen der Menschen. Und über den Zustand unserer Staaten mache sich ohnehin kaum noch jemand Gedanken. All das will Yoshi wieder ins Bewusstsein der Menschen bringen.

„Kaffee?“ Gerne.

Yoshi kommt ursprünglich aus der südniederländischen Stadt Breda und heißt eigentlich Niels. Doch den Namen, den ihm seine Eltern gegeben haben, erkennt er nicht an. „Ich konnte nicht selber darüber entscheiden“, sagt er, während er im Vorzelt seines Wohnwagens eine Dose Instant-Kaffee aufmacht.

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Yoshi Livo (l.) und Ex-Pirat Christian Jacken (r.) sind zwei von derzeit rund 350 "Wonderland"-Bewohnern (Credit: Christoph Asche)

In seinem früheren Leben war er Steuerberater, arbeitete dabei unter anderem für McDonald’s. Irgendwann erschien ihm sein Job sinnlos. Er kündigte.

In „Wonderland“ heißt er jetzt nur noch Yoshi Livo. „Das ist ein Wortspiel“, erklärt er. Wenn man die ersten zwei Buchstaben seines Vornamens und seinen Nachnamen zusammenführt, kommt „YoLivo“ heraus – eine Abkürzung für den Spruch „You Only Live Once“ („Du lebst nur einmal“).

Neben „Wonderland“ hat Yoshi eine neue Lebensaufgabe gefunden. Er will das staatliche Geldmonopol abschaffen. Wie das klappen soll? „Mit Bitcoin“, sagt er und grinst, einer rein virtuellen virtuellen Währung.

Derzeit arbeite er von seinem Wohnwagen aus an einem Programm, das die virtuelle Währung irgendwann vom schwankenden Euro-Kurs entkoppeln könnte. Bis dahin ist er auf die Spenden der Online-Unterstützer angewiesen.

Yoshi gefällt die Aufmerksamkeit, die sein Programm erhält: Niederländischen Radiosendern hat er schon Interviews gegeben, auch Kamerateams seien schon bei ihm gewesen, erzählt er. Das dürfte auch daran liegen, dass „Wonderland“ eine Art deutsch-niederländische Provinz-Posse ausgelöst hat.

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Ein Blick in Yoshi Livos Wohnwagen. Am Abend vorher drohte die Polizei, sein neues Zuhause zu räumen (Credit: Christoph Asche)

Denn nicht alle sind über den neuen Campingstaat so amüsiert wie die hupenden Autofahrer, denen Yoshi alle paar Minuten zuwinkt.

Die Gemeindeverwaltung von Emlichheim hatte zuletzt mitgeteilt, dass es keinen staatenlosen Korridor im Grenzgebiet gebe und dass die 3000 Quadratmeter deutsches Hoheitsgebiet seien.

„Gestern hat die Polizei gedroht, das Areal zu räumen“, erzählt Yoshi. Passiert sei nichts. Seine wichtigsten Sachen hat er trotzdem in Sicherheit gebracht.

Man weiß ja nie.

Klar ist offenbar nur: Das angrenzende, länderübergreifende Gewerbegebiet „Europark“ soll bald erweitert werden. Angeblich gibt es auch schon einen Investor. Da kommt ein Fantasiestaat, der potenzielles Bauland blockiert, eher ungelegen.

Doch die „Wonderland“-Bewohner bleiben stur.

„In der Geschichte der Menschheit wurden Veränderungen meistens von denjenigen begonnen, die als Spinner bezeichnet wurden“, sagt Ex-Pirat Christian Jacken.

Christian Jacken (Credit: Christoph Asche)

Er ist der erste deutsche Bewohner des Fantasiestaats und erfahren mit der Ausrufung neuer Staaten. Im Gespräch gibt er sich als deutscher Botschafter der im April gegründeten Scheinrepublik „Liberland“ aus.

Mit Verunglimpfungen kennt sich der Berliner übrigens aus. Im Juli diesen Jahres hatte Jacken beim Parteitag der Piraten für einen Eklat gesorgt, als er auf der Bühne für einen Übertritt zur AfD warb. Bei Twitter wurde er anschließend als „AfD-Troll“ beschimpft.

Jetzt steht der deutsche „Wunderländer“ im Matsch und nickt energisch, als Yoshi von „gefährlichem Eurozentralismus“ und Medien spricht, „die uns seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur in eine Richtung informieren“.

Der Kaffee in den Thermo-Bechern ist längst kalt. Yoshi posiert noch schnell für ein Foto vor dem kleinen, weißen Schild mit der Aufschrift „Wonderland“. „Am besten so, dass die Fahne im Hintergrund ist, oder?“

Bald starte man übrigens mit dem Merchandising auf der Webseite, sagt Yoshi. Fahnen, Aufkleber, so Sachen. Vielleicht sei das ja noch interessant.

Wenn noch Fragen offen seien, könne man ja gerne noch einmal telefonieren. „Vorausgesetzt, ich darf im Gefängnis mein Handy benutzen“, sagt Yoshi und grinst.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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