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03/12/2015 11:33 CET | Aktualisiert 16/02/2017 05:05 CET

So schwierig ist es für eine Porno-Darstellerin, eine Beziehung zu führen

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Dieser Artikel erschien zuerst bei xoJane.

Von Sovereign Syre

Als ich 2011 mit Pornos anfing, hatte ich eine Beziehung, von der ich dachte, dass sie ewig hält.

Als ich also einige Jahre später wieder Single war und entschied, mich wieder die Welt des Datings zu wagen, begriff ich, dass mein Dilemma zwei Seiten hatte. Ich verstand nicht nur herzlich wenig davon, wie Singles vorgehen, wenn sie eine Beziehung anfangen wollen. Wenn ich einen geeigneten Kandidaten gefunden hatte, musste ich auch noch herausfinden, wie ich ihm von meinem eher unkonventionellem Job erzähle.

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Ich kenne eine Menge Frauen in meiner Industrie, die Partner haben, die nicht in diesem Geschäft tätig sind und die ziemlich glücklich sind. Im Gegensatz zu dem, was Leute Ihnen erzählen werden, ist es nämlich so: Genau so, wie es tonnenweise Menschen gibt, die niemals mit einer Porno-Darstellerin zusammen sein könnten, gibt es auch genauso viele Menschen in prestigereichen Positionen mit Designerausbildung, die LIEBEND gerne einen Pornostar heiraten würden. Das mag nicht für jeden Sinn ergeben, aber das muss es auch nur für die beiden.

Als ich das erste Mal wieder Single war, hatte ich seit etwa einem Jahr Pornos gedreht, aber ausschließlich mit Frauen, was - aus welchen Gründen auch immer - für viele Menschen noch eher "verzeihlich" ist.

Ich war nicht wirklich daran interessiert, mich emotional an jemand anderen zu binden. Aber ich machte mir auch keine großen Sorgen darüber, was passieren könnte, wenn ich jemals einen "normalen" Mann daten wollte. Ich müsste ihm ja nicht mehr erklären, als dass ich manchmal Sex mit Frauen vor einer Kamera habe. Er würde wahrscheinlich einen "High-Five-Wettbewerb" mit Freunden starten.

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Das erste Jahr als Single genoss ich meine Freiheit in vollen Zügen.

Ich war verwöhnt. Wenn ich tollen Sex mit einem heißen Kerl haben wollte, der nicht versuchen würde, mich mit dem ganzen emotionalen Zeug zu belasten, konnte ich einfach einen meiner Kollegen anrufen. Und das tat ich dann eine Weile lang. Einfach mit meinen Kollegen von der Arbeit schlafen, die dabei cool blieben, die körperlichen Bedürfnisse stillten, mit dem Bonus, dass keine Erklärungen notwendig waren. Erst ein Jahr später, als ich anfing, auch mit Männern Szenen zu drehen, wurde es mir bewusst.

Ich war an einer Tankstelle und pumpte gerade Luft in einen meiner Reifen, als ein erstaunlich gut aussehender Kerl neben mir vorfuhr. Er sah wie jemand aus einer Parfüm-Werbung aus und fuhr einen Mercedes, aus dem "Band of Horses" schallte. Er war nicht unbedingt mein Typ, aber er sah auf jeden Fall gut aus und war selbstbewusst.

"Ich weiß, das ist komisch, aber du bist wirklich sehr schön und wenn ich dich nicht nach deiner Nummer frage, sehe ich dich wahrscheinlich nie wieder."

Sein Name war Paul und er hatte blendend weiße Zähne. Ich gab ihm meine Nummer.

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As a civilian off work.

In dieser Nacht hatten wir ein Date. Er war höflich und liebenswert. Er hatte gerade seinen Bachelor gemacht und dachte darüber nach, eine Polizeiausbildung zu machen, um später einmal Kommissar zu werden.

Das hörte sich alles toll für mich an und dann merkte ich, dass ich ihm wirklich, wirklich nicht von mir erzählen wollte.

Ich meine, ich erzählte ihm von der Stadt, in der ich aufgewachsen bin, dass ich einen Abschluss in Soziologie und Literatur gemacht habe und dass ich an einem prestigereichen Autorenprogramm teilnahm und an meinem ersten Roman arbeitete.

Es machte mir nichts aus, ihm von meinen letzten drei Jahren, die ich in New York verbracht und als Kunst-Modell gearbeitet hatte, zu erzählen. Ich wollte nur nicht erwähnen, was ich jetzt machte.

Ich liebe meinen Job. Ich denke, ich mache in gewisser Weise etwas Wichtiges. Ich stelle etwas sehr anschaulich dar, was Menschen dazu benutzen, um sich zu befriedigen. Ich denke, sich zu befriedigen ist ein notwendiger Teil des menschlichen Lebens und einer, für den wir uns nicht entschuldigen sollten.

Mir ist auch bewusst, dass die Realität eine andere ist und in der Zwischenzeit verbringe ich sehr viel Zeit damit, durch das Moor an Mist zu waten, das die Scham und Wut anderer Leute ist, weil es sich auf ihre Sexualität bezieht.

Also habe ich es ihm nicht erzählt.

Ich rechtfertigte das vor mir selbst mit der Auffassung: Hey, wer weiß, ob das überhaupt etwas Ernstes ist und warum das alles unnötigerweise mit all dem schwerwiegenden institutionalisiertem Sexismus runterziehen, der sehr spezielle Sanktionen gegen Frauen fordert, die in irgendeiner Weise finanziell oder sexuell oder - vor allem - auf beide Weisen emanzipiert sind?

Ich meine, alleine darüber zu schreiben, bereitet einem Kopfschmerzen. Ich kann schon jeden, der Pornos hasst, hören, wie er irgendwelche Behauptungen einwirft, die höchstwahrscheinlich auf irrationalen Gefühlen statt empirischen Wahrheiten begründet sind. Ich schweife ab.

Wir gaben uns einen süßen Kuss. Er hatte einen festen Körper und drängende Lust, aber er war sehr respektvoll auf eine Art, die so süß war, dass sich mir der Magen umdrehte.

Ich fuhr nach Hause und wusste, dass es eine unmögliche Situation war. Er konnte mich nicht gut genug kennen, um zu wissen, ob es funktionieren würde, wenn er nicht die gesamte Wahrheit weiß, aber wenn er die ganze Wahrheit wüsste, würde er es wahrscheinlich erst gar nicht dazu kommen lassen.

Ich bin ganz gut darin, Leute zu durchschauen und er hatte genügend Hinweise in unserer Unterhaltung fallen lassen, dass mir klar war, dass er einige Fragen wegen des Porno-Zeugs hätte und es definitiv zu einigen Konflikten führen würde.

Unsere Chemie war gut, aber ich entschied mich, dass er den ganzen Ärger nicht wert war.

Ich verzweifelte nicht lange. Mein Bruder besuchte mich in den Ferien und pries die Vorzüge einer neuen App namens Tinder an.

Eine Dating-Website schien etwas einfacher. Ich könnte mich dort einfach vorstellen, ohne irgendwelche Bilder von meiner Arbeit, einige Antworten von Menschen bekommen, die wirklich auf mich standen und dann könnte ich damit rausrücken, falls wir es über ein paar Dates hinaus schaffen sollten.

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My Tinder profile photo.

Mein Handy vibrierte sofort und ich hatte mehr "Matches", als ich beantworten konnte. Tinder ist wie eine Brandrodung im Sex-Dschungel. Ich lehnte Menschen ziemlich präzise nur aufgrund ihres Aussehens, Alters oder ihrer Interessen ab.

Aber noch einmal, es ist schwer, jemanden wirklich kennenzulernen, ohne ein Kernstück an Information preiszugeben, vorallem jene, dass du dein ganzes Einkommen aus den sexuellen Diensten, die du anbietest, beziehst und noch mehr, von einer Marke, die sich nur um Sex dreht.

So sehr ich auch versuchte, meinen Job aus den Gesprächen der Phase des ersten Kennenlernens herauszulassen, ist es nun mal typisch zu fragen, was der andere so beruflich macht.

Die Gespräche begannen, sich im Kreis zu drehen und wurden komisch, sie tänzelten alle um den Fakt herum, dass ich diesen merkwürdigen Beruf habe, der jeden Aspekt einer Beziehung betreffen wird, sollte sich etwas entwickeln.

Die Porno-Industrie hat mich eine Sache absolut gelehrt: dass die Sexualität der Leute kaputt ist und jeder ungeschickt im Umgang damit ist. So schwerfällig jede Diskussion über Sexualpolitik auch jemals war - in der Sex-Industrie zu arbeiten, ist wie eine geladene Waffe auf den Tisch zu legen.

Es war hart. Ich fand ein paar gute "Matches" auf Tinder. Ich war auf dem College und ich bin Autorin. Ich habe viele Interessen, die unter meinen Arbeitskollegen nicht unbedingt sehr verbreitet sind. Ich bin zu meinem Job gekommen, obwohl ich einem dafür irgendwie ungewöhnlichen Hintergrund habe - was in Ordnung ist, wenn es um Freundschaften geht. Wenn man aber intimere Beziehungen aufbauen will, kann das zu einer Herausforderung werden.

Tinder wedelte mit einigen ziemlich süßen Früchtchen vor meiner Nase herum. Ein Kerl mit Sixpack, der einen Delfin küsst und einen Abschluss in Vergleichender Literaturwissenschaft hat?

Mir wurde klar, dass ich es den Leuten einfach sagen musste.

Ich habe mir eine Muster-Antwort ausgedacht. Wenn mich ein Kerl bat, ihm etwas von mir zu erzählen, was ich so tue etc. dann antwortete ich:

"Schreiben ist mein Leben. Ich reise viel, aber nicht an wahnsinnig interessante Orte, meistens San Francisco oder Las Vegas oder New York City. Ich liebe Geschichte und Musik und ich habe einen Pit Bull namens Coco gerettet, zu dem ich eine übertrieben emotionale Bindung habe. Mein iPhone ist mein Leben, ich lebe aus dem Koffer heraus und habe den Großteil meiner Möbel noch nicht ausgepackt. Netflix ist wie Gras für mich und ich halte eine Diät, die Dinge beinhaltet wie "Schummel-Tage" und "Spirale der Schande". Ich mag die Worte "allzu viel" und "immerfort". Ich bin Feministin und progressiv und habe eine abgeschlossene Ausbildung und sehr starke Ansichten, was Lohnunterschiede angeht. Ich schreibe für ein Edutainment-Programm über Geschichte auf Youtube, ich habe einen Podcast und außerdem bin ich ein Pornostar."

Dieses kleine Stückchen Text hat mir eigentlich ziemlich gut getan. Die meisten Kerle waren von meiner Beichte nicht abgeschreckt. Was ich gelernt habe, ist, dass viele Menschen jemanden kennen, der in der Erotik-Branche arbeitet und viele stört es nicht, ein Mädchen zu ficken, das professionell fickt.

Was ich noch herausfand, war, dass es, egal unter welchen Umständen, die Tonalität der Konversation änderte. Jetzt wollten die Kerle, dass ich ihnen ein Selfie schicke; sie sagten mir, wie sexy ich sei, obwohl ich nichts als völlig bekleidete, absichtlich neutrale Bilder von meinem iPhone in meinem Profil habe und in meiner Bio steht, "Rehäugige, intellektuelle Riesin sucht Marcus Aurelius ähnlichen Typen für ein gestörtes romantisches Beisammensein."

Natürlich wollten sie auch alles über meine Arbeit wissen. Meine Briefwechsel entwickelten sich zu diesen leicht sexuellen Unterhaltungen. Man nimmt an, dass du dich ständig nur mit den Erektionen von Menschen beschäftigen möchtest.

"Du bist so sexy. Kannst du mir vielleicht ein Selfie schicken?"

Ich verstehe, dass es als Kompliment gemeint ist, aber das Problem ist, dass die meisten meiner Interaktionen aufgrund meines Aussehens stattfinden und die Hauptsache, nach der ich suche, wenn ich mich entschließe, mit jemanden auszugehen, ist eine Form von Übereinstimmung. Es ist ganz subtil ... aber es ist da, dieses Gefühl, dass Männer von der Idee überfordert sind: P_O_R_N_O_S_T_A_R.

Ich werfe den Menschen nichts davon vor. Es gibt keine Anleitung für eine Beziehung mit einer Porno-Darstellerin und ich erwarte kaum von jemanden, es beim ersten Versuch "richtig" zu machen. Nachdem ich schon eine Weile erwachsen bin, habe ich viele Beziehungen gesehen, die funktionieren und einige, die das nicht tun, aber die Regel ist, dass jedes Pärchen einzigartig ist und sie alle über die normalen, menschlichen Gefühle wie Eifersucht, Unsicherheit und Eigeninteresse verhandeln müssen.

Ich befinde mich in einem Sumpf. Tinder war für mich zu sexuell aufgeladen, weil ich in der Sex-Industrie arbeite. Nicht auf die lustige Art und Weise, wo dich jeder ficken will, sondern auf eine unlustige Art und Weise, wo jeder ungeniert ehrlich mit dir über seine sexuellen Sehnsüchte und Macken reden will, weil du kein "normaler" Mensch mehr bist.

Ich löschte die App nach vier oder fünf Unterhaltungen, die alle gleich verliefen.

*Eröffnungswitz um charmant zu wirken.*

*Charmante Antwort zurück*

"Du scheinst ziemlich schlau zu sein, für welche Geschichte interessierst du dich? Was schreibst du?"

*Ich erzähle von einem Teil der französischen Revolution, der mich interessiert und frage ihn etwas über sein Profil.*

"Du kommst von dort? Was machst du so?"

*Kopieren und Einfügen der Muster-Antwort*

"Oh wow, interessant."

"Manchmal. Meistens macht die Arbeit Spaß."

"Ich denke mal, wir können alles machen, was wir wollen ; )"

*Betroffene Stille*

"Hey sexy Mädel."

*Entnervte Nicht-Antwort*

"Willst du noch abhängen?"

Ich entschied mich dazu, Dating-Websites aufzugeben und mich stattdessen nur noch auf Menschen zu verlassen, die ich über Twitter oder Freunde kenne, Menschen, die bereits wissen, was ich tue. Ich musste das Daten sehr entspannt angehen. Ich warte, dass potenzielle Partner auf mich zukommen.

Ich bin ungeduldig, also ist das eine Herausforderung, aber die Ergebnisse sind ziemlich überraschend. Viele interessante Menschen sind tatsächlich sehr offen der Erfahrung gegenüber, ein Mädchen aus der Sex-Industrie zu daten. (Es ist, als ob der institutionalisierte Sexismus, unter dem ich mein ganzes Leben lang litt, nur eine Lüge gewesen wäre ...) Wenn du alles offenbarst, bekommst du viele großartige Dinge zurück.

Ich habe einen Podcast, wo ich Komiker interviewe und fand einen Kerl aus New York, den ich unbedingt dabei haben wollte. Ich sah, dass er in naher Zukunft nach LA kommen würde und begann eine Unterhaltung mit ihm auf Twitter, die sich bald auf private Nachrichten verlagerte. Wir hatten eine gute Verbindung. Wir machten aus, uns bei einer seiner Shows zu treffen.

Er war toll, attraktiv, intelligent und hatte eine gewisse Anziehungskraft, die einem das Gefühl gab, als hätte man ihn schon mal im Fernsehen in seiner eigenen Show gesehen.

Nach seinem Auftritt trafen wir uns an der Bar und sprachen darüber, wie wir ihn in meine Show kriegen. Er sollte bald abreisen. Er war neugierig, wie ich so drauf war, was ich mit meinem Leben anfangen will und was meine Ambitionen sind. Ich erzählte ihm von den Voraussetzungen für meine Show.

"Ich weiß, dass es den meisten Leuten egal ist, dass ich über diese Dinge nachdenke, weil ich ein Porno-Mädchen bin, aber ich versuche es reinzuschmuggeln. Ich dachte, wenn ich Komiker einlade, werden die eher dazu bereit sein, jemandem wie mir zuzuhören, wenn ich über meine Ideen spreche."

"Meine Exfreundin machte Escort und sie sagte immer das Gleiche", sagte er.

Und er sagte es ohne jegliche Spur von Schamgefühl oder Urteil.

Und ich glaube mir ist das erste Mal ein Lächeln über die Lippen gehuscht, seit ich mit all dem Kram angefangen habe.

Wir hatten kein Date und da war auch keine romantische Begegnung, aber sie hat mir Hoffnung geschenkt.