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01/12/2015 09:56 CET | Aktualisiert 01/12/2015 10:00 CET

Unsere moderne Erziehung ist abartig - eine Expertin rechnet ab

Children playing in field
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Children playing in field

Eltern stehen heute vor einer großen Herausforderung: Noch nie gab es so viele Möglichkeiten und Chancen für ihr Kind. Und noch nie war Erziehung so kompliziert.

Ständig ist sie da - die Angst, etwas falsch zu machen. Die Angst, das Kind könnte etwas verpassen oder nicht mehr mit den anderen mithalten können.

Die Wissenschaftlerin Nancy Carlsson-Paige kämpft seit Jahren dafür, zu zeigen, wie abartig dieser Ansatz der Erziehung ist. Die emeritierte Professorin aus Cambridge ist Expertin für frühe Kindesentwicklung und beeinflusst mit zahlreichen Büchern und Forschungen die Debatte um Kindererziehung. Sie hat zwei erwachsene Söhne – einer davon ist der berühmte Schauspieler Matt Damon.

Für ihren Einsatz wurde sie jetzt mit dem "Deborah Meier Award" ausgezeichnet. Vor dem Publikum hielt sie eine bewegende Rede, die das Problem auf den Punkt bringt:

"Als ich die Einladung erhielt, heute Abend hier dabei sein zu dürfen, dachte ich an die vielen Menschen, die sich für Gerechtigkeit und Gleichheit im Bereich Erziehung einsetzen und die ebenso hier stehen könnten. Auch jetzt denke ich an sie alle und ich nehme diesen Award in ihrem Namen entgegen – im Namen all der Erzieher, die sich für Kinder einsetzen und für alles, was kindgerecht und das Beste für sie ist.

Ich freue mich sehr, Euch alle hier zu sehen – so viele Familienmitglieder und Freunde, Gefährten in diesem Kampf um hervorragende öffentliche Schulbildung für alle Kinder – und nicht nur für ein paar wenige.

Ich liebe meine Lebensaufgabe – Lehrern beizubringen, wie kleine Kinder denken, wie sie lernen, wie sie sich sozial, emotional und moralisch entwickeln. Mein besonderes Interesse gilt den Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnissen meines Bereichs und ich erlebe praktische Beispiele dafür in den Handlungen und im Spiel von Kindern.

Deshalb hätte ich mir die Situation, in der wir uns heutzutage befinden, auch niemals erträumen lassen.

Es werden Maßnahmen angeordnet und befolgt, die nicht unser Wissen über das Lernverhalten von kleinen Kindern widerspiegeln. Jahrzehntelange Forschung in den Bereichen Kindesentwicklung und Neurowissenschaft haben uns gezeigt, dass kleine Kinder aktiv lernen – sie müssen sich dabei bewegen, ihre Sinne einsetzen, Dinge anfassen, sich mit anderen Kindern und Lehrern beschäftigen, etwas erzeugen, etwas entdecken können. Doch in dieser verkorksten Zeit wird erwartet, dass kleine Kinder im Alter von vier Jahren in der Vorschule durch „genaue Anweisungen“ etwas lernen sollen.

Und ich hätte mir niemals erträumen lassen, dass wir jemals das Recht von Kindern auf Spielen verteidigen müssen.

Spielen ist der wichtigste Motor menschlichen Wachstums; es ist etwas Grundlegendes – ebenso wie gehen oder sprechen. Durch Spielen entwickeln Kinder Ideen, verarbeiten ihre Erfahrungen und fühlen sich sicher. Sehen Sie sich doch einmal all die Mathe-Konzepte an, die in der Umgebung von Grundschülern verwendet werden. Und dann schauen Sie einem Vierjährigen dabei zu, wie er sich einen Umhang anzieht und Superheld spielt, nachdem der etwas Erschreckendes erlebt hat.

Doch in den Klassenzimmern wird immer weniger gespielt. Obwohl wir wissen, dass kleine Kinder am Besten durch Spielen lernen, wird Spielen immer weiter verdrängt, um mehr Raum für akademische Anweisungen und „Strenge“ zu schaffen.

Ich hätte mir niemals erträumen lassen, dass wir jemals für Klassenzimmer kämpfen müssen, die für den Entwicklungsstand kleiner Kinder geeignet sind.

Anstelle von aktivem, praktischem Lernen sitzen Kinder jetzt viel zu lange auf Stühlen und bekommen Buchstaben und Zahlen eingetrichtert. Kleine Kinder stehen zunehmend unter Stress. Eltern und Lehrer berichten mir, dass die Kinder Angst haben, nicht die richtigen Antworten geben zu können. Sie haben Albträume, sie reißen sich die Wimpern aus, sie weinen, weil sie nicht zur Schule gehen wollen. Manche nennen das Kindesmissbrauch und dem stimme ich zu.

Ich hätte mir niemals erträumen lassen, dass wir jemals dagegen kämpfen müssen, dass kleine Kinder das ganze Jahr über oftmals in bedeutendem Umfang geprüft und bewertet werden – Kinder müssen sich bereits in der Grundschule und sogar in der Vorschule mehreren Tests unterziehen.

Bei ihrer Einschulung lernen kleine Kinder heutzutage oftmals nicht erst ihr Klassenzimmer kennen und schließen Freundschaften. Sie verbringen ihre ersten Tage damit, getestet zu werden. Eine Mutter sagte mir zu Beginn dieses Schuljahrs Folgendes:

„Der erste Schultag meiner Tochter – ihr erster Kontakt mit der Grundschulbildung – bestand fast ausschließlich aus Bewertungen. Sie sollte um 9:30 Uhr zum Unterricht erscheinen und ich holte sie um 11:45 Uhr wieder ab. In der Zwischenzeit war sie von fünf unterschiedlichen Lehrern, die sie alle nicht kannte, bewertet und zur Erfüllung von Aufgaben aufgefordert worden.

Als ich sie abholte, wollte sie nicht darüber sprechen, was sie in der Schule gemacht hatte, doch sie sagte, dass sie nicht mehr hingehen wolle. Sie kannte die Namen der Lehrer nicht. Sie hatte keine Freunde gefunden. Als sie dann nachmittags mit ihren Tieren in ihrem Zimmer spielte, hörte ich, wie sie ihnen Zahlen und Buchstaben einbläute.“

Die wichtigsten Fähigkeiten von Kindern können nicht getestet werden – das wissen wir alle.

Buchstaben und Zahlen benennen zu können, ist oberflächlich und im Vergleich zu den Fähigkeiten, die wir bei unseren Kindern fördern wollen, beinahe unwichtig: Selbstbewusstsein, die Fähigkeit, Probleme zu lösen, soziale und emotionale Kompetenz, Vorstellungskraft, Eigeninitiative, Wissbegier, eigenständiges Denken – mit diesen Fähigkeiten steht oder fällt der Erfolg in der Schule und im Leben und sie können nicht auf Zahlen reduziert werden.

Und dennoch werden heutzutage alle Gelder, Mittel und die Zeit, die für die berufliche Entwicklung aufgebracht wird, dafür verwendet, die Lehrer in der Anwendung von Bewertungsverfahren zu schulen. Aus irgendeinem Grund werden die Daten, die aus diesen Tests erhoben werden, für aussagekräftiger erachtet, als die Fähigkeit eines Lehrers, Kinder zu beobachten und ihre Fähigkeit im Zusammenhang mit ihrer gesamten Entwicklung im Klassenzimmer einzuschätzen.

Das erste Mal, als ich für mich gesehen habe, was in diesem Land aus vielen Kindertagesstätten werden würde, war, als ich ein Programm einer armen Gemeinde im Norden von Miami besuchte. Viele der Kinder bekamen ihr Essen gratis oder zu reduzierten Preisen. Es gab zehn Räume – Kindergarten und Kita.

Das Geld des Programms hing von Testergebnissen ab, also unterrichteten die Lehrer – wenig überraschend – nach den Vorgaben des Tests. Kinder, die schlecht abschnitten, bekamen extra Übungen im Lesen und Rechnen und durften nicht in den Kunstunterricht, wie mir gesagt wurde. Sie benutzten ein Computerprogramm, um Vier- bis Fünfjährigen zu zeigen, wie man sich mit der virtuellen Welt beschäftigt.

Einer der Lehrer beschwerte sich bei mir, dass manche Kinder die Grenzen überschreiten würden.

In einem der Kindergärten, die ich besuchte, waren die Wände und der ganze Raum kahl. Der Lehrer testete einen kleinen Jungen am Computer auf der einen Seite des Raumes. Es gab keine weitere Hilfe in dem Klassenzimmer. Die anderen Kinder saßen an ihren Tischen und schrieben Wörter von der Tafel ab. Die Worte waren: „Nicht sprechen. Bleibt sitzen. Haltet die Hände bei euch.“ Die Lehrerin rief immer wieder aus ihrer Testecke mit dem Computer herüber: „Seid still! Sprecht nicht!“

Die meisten Kinder sahen verängstigt und unmotiviert aus und ein kleiner Junge saß ganz alleine. Er weinte leise vor sich hin. Ich werde nie vergessen, wie diese Kinder aussahen und wie ich mich fühlte, als ich sie sah. Ich würde sagen, das Wort „Leiden“ passt in diesen Kontext, der so überhaupt nicht zu ihren Bedürfnissen passte.

Gerade in armen Gemeinden ohne Unterstützung wie diesen sind Kinder so oft Tests und Übungen von Lehrern ausgesetzt. Nicht so wie in den wohlhabenderen Vorstädten, wo Kinder die Gelegenheit haben, Förderprogrammen zu besuchen, in denen sie spielen, malen und projektbasiert lernen. Armut ist die Wurzel dieser Ungleichheit.

Vor ein paar Monaten war ich entsetzt, als ich einen Report des Bildungsministeriums las, der zeigte, dass mehr als 8.000 Kinder in öffentlichen Vorschulen im ganzen Land suspendiert wurden – mindestens einmal im Jahr, viele Kinder sogar mehrere Male. Erst einmal die Frage: Wer suspendiert Vorschüler? Warum und für was? Das Konzept ist bizarr und furchtbar. Aber 8.000?

Und dann, wenn man weiter liest, erfährt man, dass eine unverhältnismäßig große Anzahl der suspendierten Vorschüler schwarze Jungen aus ärmlichen Verhältnissen sind.

Es gibt eine Verbindung zwischen diesen Suspendierungen und den Schulreformen.

Kinder aus armen Gemeinden verbringen ihre Zeit in zum Spielen ungeeigneten Klassenzimmern, wo sie ständig Frontalunterricht bekommen und getestet werden. Sie müssen stillsitzen, leise sein und den Erwartungen entsprechen. Viele junge Kinder können das aber nicht und keines sollte das tun müssen.

Ich kam voller Verzweiflung nach Hause, nachdem ich diese Klassenzimmer in Miami besucht hatte. Aber glücklicherweise wandelte sich diese Verzweiflung in Aktionismus. Mit anderen Erziehern starteten wir die Non-Profit-Organisation „Defending the Early Years“ (Verteidigung der frühen Jahre).

Wir haben hervorragende Vordenker zum Thema „frühe Kindheit“ auf unserer Seite (manche sind heute Abend hier: Deb Meier, Geralyn McLaughlin, Diane Levin und Ayla Gavins). Wir sprechen mit geeinter Stimme für junge Kinder. Wir veröffentlichen Berichte, schreiben Kommentare, machen Videos und stellen sie auf YouTube. Wir sprechen und machen Interviews bei jeder Gelegenheit, die sich uns bietet.

Wir haben das alles mit wenig Geld geschafft.

Es ist fast komisch: Die Gates Foundation hat mehr als 200 Millionen US-Dollar ausgegeben, um für Pflichtfächer zu werben. Unser Budget bei „Defending the Early Years“ entspricht 0,006 Prozent davon.

Wir kollaborieren mit anderen Organisationen. FairTest war für uns dabei so hilfreich. Und wir kollaborieren auch mit: Network for Public Education, United Opt Out, vielen Elterngruppen, Citizens for Public Schools, Badass Teachers, Busted Pencils Radio, Save Our Schools, Alliance for Childhood und ECE PolicyWorks.

Es gibt hier also ein starkes Netzwerk aus Erziehern, Eltern und Studenten – und wir sehen, welchen Unterschied wir ausmachen.

Wir alle haben die gleiche Vision:

Bildung ist ein Menschenrecht und jedes Kind hat ein Anrecht darauf. Eine hervorragende, freie Ausbildung, bei der das Lernen Sinn macht – mit Kunst, Spiel, engagierenden Projekten und der Chance, zu lernen, was einen Bürger ausmacht, so dass diese Kinder eines Tages teilnehmen können – aktiv und bewusst – in dieser zunehmend zerbrechlichen Demokratie."

Diese Rede wurde von Susanne Raupach und Lisa Mayerhofer aus dem Englischen übersetzt.

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