LIFE
30/11/2015 09:28 CET

Eine Krankheit hätte sie fast umgebracht. Jetzt will sie so viele wie möglich warnen

Dieses Mädchen hat die Magersucht besiegt. Nun hilft sie anderen.
Giulia Pezzullo
Dieses Mädchen hat die Magersucht besiegt. Nun hilft sie anderen.

“Ich hatte keine Arbeit, ich wusste nicht, wie meine Zukunft aussehen würde, ich hatte mich in Carlo verliebt. Zum ersten Mal hatte ich die Kontrolle über meine Gefühle verloren. Ich hatte Angst.”

So beschreibt Giulia Pezzullo den Moment, in dem ihr klar wurde, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Sie wollte stark werden und aus diesem Grund aß sie immer weniger, bis sie schließlich nur noch einen Apfel und einen Joghurt pro Tag zu sich nahm. Ihr Gewicht fiel von 58 auf 34 Kilo - in weniger als einem Jahr.

"Mit Männern kann es gut laufen und schlecht laufen, aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass es so schlecht laufen könnte, wie es meiner Familie wegen meines Vaters gegangen war", sagt Giulia. Wanderungen, Sport, eine extrem aktives Leben. Bis zur völligen physischen Erschöpfung, Die Knochen standen so sehr hervor, dass sie blaue Flecken verursachten, “ich verbrachte einen ganzen Monat damit, zu Hause meinen Heizlüfter zu umarmen, weil mir ständig kalt war. Aber ich ging trotzdem weiterhin auf kilometerlange Wanderungen."

Ein Leben, das nicht ihres war: “Ich hatte nicht wirklich auf mein Äußeres geachtet, ich hatte nie besonders gerne Sport gemacht, früher unternahm ich sehr viel mit meinen Freunden, plötzlich war ich ständig nur noch allein."

Schließlich musste sie ins Krankenhaus. Auf der Liege in der Notaufnahme in der Klinik in Conegliano (Treviso) sang Giulia übermütig und aus vollem Hals: “Ich fühlte mich allmächtig. In Wahrheit war ich unfähig, etwas zu denken oder zu wollen”. Ihr Vater schenkte ihr endlich Aufmerksamkeit und brachte ihr ein Thunfisch-Tatar, um sie zum Essen zu bewegen und ihre Schwestern Monica und Roberta schliefen abwechselnd bei ihr im Krankenhaus. Ihr Ex-Freund machte Fotos von ihrem abgemagerten Körper und dem Sauerstoffschlauch unter ihrer Nase.

giulia


Damals war sie 21 Jahre alt und unfassbar eigenwillig: “Sie sagten mir, dass ich mit einer Sonde ernährt werden müsste, aber ich weigerte mich. Ich sagte: ‘Ich werde das alleine schaffen’."

Heute, drei Jahre später, ist Giulia geheilt. Anfang November hat sie ihren Blog gestartet, mit dem sie anderen Menschen mit Essstörungen helfen will. Eine Art Leuchtturm im Netz, an dem sich besorgte Eltern und Jungen und Mädchen orientieren können. Viele Menschen schreiben Giulia und danken ihr für das, was sie tut und machen ihr Mut, weiterzumachen. “Als ich einsah, dass es mir nicht gut ging, musste ich viele Stunden im Internet verbringen und nach Informationen suchen. Ich wünsche mir, dass mein Blog in diesen Momenten für andere Menschen hilfreich ist”.

Der Blog ist auch ein Versprechen an eine junge Frau aus Treviso, die am 5. November diesen Jahres an ihrer Magersucht gestorben ist. Sie hieß Cristina Fornasier. Über Facebook wurden sie und Giulia Freundinnen.

Bei ihren Gesprächen mit Cristina hat Giulia eine wichtige Sache verstanden: “Sie war seit zehn Jahren krank. Sie sagte mir, dass sie versucht hatte, sich helfen zu lassen, aber niemandem vertrauen konnte. Ihre Krankheit hinderte sie daran, zu verstehen, wie wichtig Ärzte sind: Ich hatte meine Familie, meine Freunde und meinen Freund an meiner Seite, aber nur die Ärzte können dir wirklich helfen”. Es war nicht nur Glück: “Ich habe auch meinen Teil dazu beigetragen,” sagt Giulia.

Ihr Blog heißt "Filo rosso" (Roter Faden). Ihr Freund Carlo hat ihr die Domain geschenkt. Er war trotz allem immer an ihrer Seite: “Er merkte als erster, dass es mir nicht gut ging. Er ließ mich Zeitungsartikel über Magersucht lesen, in der Hoffnung, dass ich etwas begreifen würde, aber ich wollte nichts davon wissen. Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich krank bin. Also habe ich mit ihm Schluss gemacht. Dutzende Male.

“Er ist für mich nach Mailand gezogen. Dann bin ich wieder nach Conegliano gezogen. Manchmal wohnte ich zeitweise bei ihm und stellte ihn auf die Probe. Ich sagte mir: Wenn er bei mir bleibt, liebt er mich wirklich. Weil ich solche Angst vor unserer Beziehung hatte, sabotierte ich sie. Es fällt mir auch heute noch schwer, ihm zu vertrauen”.

Sie schreibt auf dem Blog:

Uns wird beigebracht, dass alle Beziehungen auf einem Austausch beruhen. Geben und nehmen. Die Krankheit ließ mich nehmen, ohne etwas zu geben. Ich war nur eine Hülle. Starre Augen. Abwesende Blicke. Ich war eine Marionette in den Händen einer Krankheit, die nur von dir nimmt und nichts gibt. Die Magersucht war der Regisseur und ich war die Protagonistin.

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"Die Fotos aus dieser Zeit? Ich habe sie weggeworfen, weil es mir wehtat, sie anzuschauen. Zum Glück habe ich einige wieder gefunden. Es fällt mir schwer, sie öffentlich zu machen, auch wenn sie mir helfen, mich von dem zu befreien, was ich durchgemacht habe”, sagt Giulia. “Ich sage, dass ich geheilt bin, aber ich bin weiterhin in Therapie, weil die Magersucht zurückkommen könnte. Ich leide noch heute unter Fressattacken, manchmal stopfe ich mich voll und esse dann drei Tage lang nur Obst, um das alles zu verdauen. Es ist noch nicht vorbei."

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Auf "Filo rosso" fallen die Bilder auf, die Giulia mit ihren Liebsten zeigen. Freunde, die sich um ihr Krankenbett versammelt haben und in die Kamera lächeln. Mama Giorgia und Papa Luigi, die ihr zärtlich über das Gesicht streicheln und ihr Küsschen geben. Alles war gut, nur mit dem Essen hatte sie ein Problem. "Mein Vater sagte mir: ‘Warum isst du nicht dieses Stück Brot?’. Und wenn ich meinen Teller aufaß, applaudierte er. Aber dadurch habe ich meinen Kampf nicht gewonnen.”

All diese Wahrheiten möchte Giulia gerne mit Menschen teilen, die einer Person nahestehen, die an einer Essstörung leidet: "Es geht nicht nur darum, dass wir ein Problem mit unserem Aussehen haben. Unsere Krankheit ist ein tiefer Schmerz, der sichtbar wird, wenn du stark abnimmst wie bei der Magersucht, aber unerkannt bleibt, wenn es keine Gewichtsveränderung gibt."

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Die stationäre Behandlung im Krankenhaus von Conegliano Anfang 2012 ist erst der Anfang. In Conegliano gibt es keine Abteilung, die auf Magersucht spezialisiert ist. Doch Giulia trifft hier die Psychiaterin Francesca Titton, die sich in diesem feld gut auskennt. Sie wird eine der wichtigsten Ärzte auf Giulias Weg in Richtung Genesung. Aber der Weg ist lang.

Giulia bekommt einen Platz in einer Klinik in Susegana. Doch sie haut von dort ab, will wieder nach Hause: “Sie zwangen mich sitzenzubleiben, bis ich meinen Teller leergegessen hatte und das hielt ich nicht aus", erzählt sie. Und sie wird noch dünner. Ihr Freund und ihre Eltern machen sich große Sorgen.

Ich erinnere mich an das Gefühl der Panik, das diese Olivenöltropfen auf dem Stück Fisch in mir ausgelöst haben. Die Magersucht redete mir ein, dass es mein Ende sei, wenn ich zulassen würde, dass dieser Bissen in meinen Körper gelangte. Wenn Verwandte, Ärzte und Freunde mir Ratschläge gaben, war es so, als würde ich ihnen erlauben, mit mir zu machen, was sie wollten. Aber ich hatte die Kontrolle. Niemand konnte sie mir nehmen. Die gütige, sensible Person, die alle kannten, hatte sich in eine geizige, gefühlskalte, materialistische Egoistin verwandelt.

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Nach einer schrecklichen beruflichen Erfahrung auf Sardinien, während der sie auch noch Bulimie bekam, folgte die stationäre Aufnahme im “Parco dei Tigli” in Padova. “Dort habe ich die wahre Giulia kennengelernt”, erzählt sie. Die Giulia, die einen Blog starten will.

“Ich war in einem Zimmer mit schwer depressiven Frauen. Auf der Station habe ich jede Art der psychischen Erkrankung kennengelernt. Ich habe gemerkt, dass die Patienten zu mir kamen und nach Rat suchten. Ich dachte, es könnte mir helfen, wenn ich anderen Halt gab."

Sie erinnert sich an einen Jungen mit Bulimie: “Er litt unter den Entscheidungen seiner Familie. Er hatte einen Verlag gegründet, nur um das Buch seines Vaters zu veröffentlichen. Nachts stopfte er alles essbare in sich rein, das er finden konnte. Um seinen Schmerz zu überdecken. Das Essen ist nur ein Symptom."

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"Ich empfinde noch immer großen Schmerz”, sagt Giulia. “Aber ich will nicht wissen, wie viel ich wiege. Ich habe nicht einmal eine Waage. Ich muss auch noch mein Problem mit mangelndem Vertrauen in Beziehungen lösen." In Padua, wo sie ihre Psychotherapie fortsetzt, besucht sie eine Schule, um Kinderbetreuerin oder Sozialarbeiterin für Drogenabhängige werden zu können.

“Mein Traum ist es, ein Zentrum in Conegliano zu eröffnen, in dem Kinder und Jugendliche eine psychologische und professionelle Orientierungshilfe geboten bekommen. Ein Ort, der mir geholfen hätte als es mir schlecht ging, den es aber nicht gab. Tiertherapie, Musiktherapie und Handarbeitskurse. Etwas mit den eigenen Händen zu machen, ist wichtig. Außerdem natürlich mein Blog: Ich kann niemandem versprechen, dass er wieder gesund wird, aber ich habe verstanden, wie wichtig es ist, Menschen zu finden, die dieselbe Hölle durchleben."

Giulia heute:

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Dieser Text erschien ursprünglich bei der Huffington Post Italia und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Italienischen übersetzt.

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