POLITIK
29/11/2015 22:11 CET | Aktualisiert 30/11/2015 03:48 CET

Am Ende hatten die Anwälte das letzte Wort: Diesen Abschied hat Günther Jauch nicht verdient

Knapp vier Jahre lang hat Günther Jauch Deutschlands populärste Polit-Talkshow moderiert. Doch das letzte Wort hatte nicht er, das hatten die Anwälte.

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Das ist die bittere Ironie, die von seinem letzten Auftritt bleibt.

Nachdem sich der Journalist mit einem Lächeln von seinen Zuschauern verabschiedet hatte, musste der Sender noch eine Gegendarstellung verlesen. Tom Junkersdorf, Ex-Chef des Klatschmagazins "Closer", hatte sie erzwungen.

Es ging um eine Sendung aus dem Frühjahr 2014, in der der Umgang von Boulevardmedien mit Prominenten Thema war, im Speziellen mit Michael Schumacher. Jauch sagte, dass seine Redaktion die Teilnahme von Redakteuren der "Regenbogenpresse" angefragt, aber keine Zusagen erhalten habe.

Ein Sprecher verlas nun den Text von Junkersdorfs Stellungnahme. "Am Freitag vor der Sendung hat eine für 'Closer' tätige Medienagentur der Produktionsfirma meine Teilnahme an der Sendung angeboten. Dies wurde abgelehnt."

Bis zuletzt hatte die ARD mit Junkersdorf darüber gestritten. Offenbar wollte der Journalist die letzte Möglichkeit nutzen, diese Gegendarstellung verlesen zu lassen. Auch auf die Gefahr hin, dass dies im jetzigen Kontext wie Nachtreten wirken muss.

Ein zeitweise unterhaltsamer Abschied

Bis dahin war Jauch ein zumindest teilweise gelungener Abschied aus dem Talk-Geschäft geglückt. Zu Gast war Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), mit dem er sich einen manchmal durchaus witzigen Schlagabtausch lieferte. Es sind die Situationen, in denen Jauch stets am stärksten war.

Etwa, als Jauch den Politiker darauf ansprach, ob er nach 45 Jahren im Bundestag noch einmal im Jahr 2017 für ein Mandat kandidieren wolle.

Schäuble: "Ich habe gehört, Sie wollen diese Sendung nicht mehr fortsetzen, dann könnten wir ja in zwei Jahren sprechen."

Jauch konterte: "So verführerisch diese Antwort auch ist, sie könnte mich nicht verführen, diese Sendung noch zwei Jahre länger zu machen."

"Ich habe bei Ihnen alle möglichen Vorstellungen, nur nicht die von einem Skifahrer"

Oder, als Schäuble sich für seine Einlassung über einen "unvorsichtigen Skifahrer" entschuldigte, der eine "Lawine" lostreten könne – die als Analogie auf Angela Merkels Flüchtlingspolitik verstanden wurde. "Ich rede lieber frei, und manchmal ist da nicht jedes Wort so ganz genau bedacht. Bei dem Bild vom Skifahrer ist mir was passiert … Da habe ich auch hinterher Frau Merkel gesagt: Sehe Sie, das tut mir leid, ich habe bei Ihnen alle möglichen Vorstellungen, nur nicht die von einem Skifahrer."

Bewegend der Moment, in dem Jauch den nach einem Attentat im Jahr 1990 querschnittsgelähmten Schäuble darauf ansprach, ob er sich selbst als "Behinderten" sehe.

Der Finanzminister wollte zu einem Statement ansetzen, zu dem er sich offenbar dann doch nicht in dieser direkten Form durchringen konnte. "Ich bin be…", sagte er. Lieber packte er dann denn Satz in eine humorvolle Anekdote: "Ich sage manchmal zu anderen Behinderten: Alle Menschen sind behindert. Wir haben nur den Vorteil, dass wir es schon wissen."

Durchschaubare Fragen

Wer jedoch einen angriffslustigen Günther Jauch in dessen letzter Talksendung erwartet hatte, wurde abermals enttäuscht. Zwar schien er gut vorbereitet, doch noch einmal wurde seine größte Schwäche offenbar: Jauch hat kein Talent dafür, die Medienprofis aus der Bundespolitik festzunageln. Viel zu häufig wirkt er wie ein Stichwortgeber. Und seine Fragen sind in den meisten Fällen so durchschaubar, dass es seinen Interviewpartnern keine große Mühe macht, vorgefertigte Antworten zu liefern.

Als Jauch den Finanzminister mit einem „Spiegel“-Zitat von EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) konfrontierte (wohl mit dem Hintergedanken, dass er nun ein paar kritische Statements zum Koalitionspartner bekommt), wurde Schäuble sogar kurz pampig, weil ihm die lockere Fragerunde offenbar zu blöd wurde. „Das muss man nicht ernst nehmen, lassen Sie uns über etwas Vernünftiges reden.“

Schäuble gilt als einer der wenigen Intellektuellen innerhalb der Bundesregierung. Zu großen Gedankensprüngen animierte ihn Jauch zu keinem Zeitpunkt.

Schäuble wird pampig

Minuten später spielte die Redaktion dann die Szene vom vergangenen CSU-Parteitag ein, in der Horst Seehofer vor Publikum Angela Merkel abwatschte. Hier fühlte sich Schäuble noch einmal dazu animiert, Jauch zu belehren. "Es war nicht sonderlich originell, diesen Beitrag für die Sendung vorzubereiten."

Spannend wiederum war das, was Schäuble über sein früheres Vertrauensverhältnis zu Helmut Kohl sagte, das unter der Spendenaffäre zerbrochen war. "Ich habe keinen Groll gegen Helmut Kohl. Ich bin ihm dankbar, meine politische Laufbahn wäre nicht so gelaufen." Schäuble zog eine Parallele zu dem Attentäter, der ihn einst bei einer Wahlkampfveranstaltung schwer verletzte: "Ich bin ihm nicht böse, aber ich muss ihn nicht im Gefängnis besuchen."

Anschließend gab es zum Abschied das übliche Dankeschön hier und Dankeschön da. Die letzten Minuten gehörten der Gegendarstellung - und dann waren vier Jahre TV-Geschichte zu Ende.

Jauch machte selbst nicht den Eindruck, als ob er das übermäßig bedauern würde.

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