POLITIK
24/11/2015 14:20 CET

An den Security-Nazi, der mich in ein Konzentrationslager stecken will

Screenshot

An den Nazi-Wachmann vom LaGeSo:

Seit gestern weiß ich, wie der Hass in unserem Land klingt. Genauer: Wie rechte Parolen sich anhören, wenn sie unter Kollegen weitergegeben, und nicht vor Mikrofonen, auf Bühnen oder bei Demonstrationen in den deutschen Herbsthimmel krakeelt werden.

Sie haben sich an ihrem Arbeitsplatz im Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales in Rage geredet. Jemand hat sie dabei gefilmt und die Aufnahmen nun an die Presse weitergespielt. Zum Glück. Denn selten zuvor war so deutlich zu sehen, wie gefährlich die politische Stimmung in Deutschland derzeit ist.

Der Hass steckt einigen offenbar so tief in den Knochen, dass er Leute wie Sie zu Pausenbrot-Faschisten werden lässt, die zwischen Stulle und Ei die ekelhaftesten Hetztiraden loswerden und sich in ihrer Wortwahl nicht mal mehr ein winzig kleines Stück von ihren historischen Vorbildern unterscheiden.

Wahrscheinlich würden sich sogar die AfD und Lutz Bachmann von Ihnen distanzieren. Und das will was heißen.

Sie sagen Dinge wie:

„In zwei Jahren hat es hier die Revolution gegeben und dann gibt es die ganze Scheiße nicht mehr. Die fegen wir aus dem Land raus.“

Oder:

„Und dann wird nicht mehr danach gefragt, was die wollen - all die Großschnauzen da wie manche Gutmenschen und Helfer hier, die immer noch ne große Fresse haben. Da sollste mal sehen. Die ersten, die verschwinden werden. Und wir haben noch genug Ferienlager. Und ich schwör dir, die werden wieder genutzt. Auf das Tor, Arbeit macht frei.“

Wissen Sie: Wir sind quasi Nachbarn. Die Flüchtlings-Erstaufnahmestelle im LaGeSo liegt gerade einmal 500 Meter von meiner Wohnung entfernt. Es ist auch gar nicht so unwahrscheinlich, dass wir uns schon einmal gesehen haben.

Im Sommer vielleicht, als einen Karton mit Sprudel sowie Haushalts- und Hygieneartikeln zur Spendensammelstelle gebracht habe. Damals brannte die Sonne gnadenlos vom Himmel, das Thermometer zeigte fast 39 Grad. Es war die Zeit, in der die Situation um ihren Arbeitsplatz herum mit „humanitärer Notlage“ nur unzureichend beschrieben gewesen wäre.

Vor dem Amt kampierten in sengender Hitze mehrere Hundert Menschen, um auf ihre offizielle Registrierung zu warten. Einige von ihnen drohten zu verdursten, weil es das Land Berlin nicht einmal mehr schaffte, genug Trinkwasser für die Wartenden zur Verfügung zu stellen.

Vielleicht haben wir uns auch vor einigen Wochen gesehen. Die Caritas hatte davor gewarnt, dass vor dem LaGeSo bald Menschen erfrieren könnten, weil es der Senat immer noch nicht fertig gebracht hatte, die Wartezeiten für die in Sommerkleidern geflüchteten Syrer, Afghanen und Iraker signifikant zu senken. Also habe ich meinen Kleiderschrank ausgeräumt und meine überflüssige Winterkleidung an Ihrem Pförtnerhäuschen vorbei gefahren.

Ich bin also einer von diesen verdammten "Gutmenschen", die Sie so gerne ins Konzentrationslager stecken wollen.

(Der Text geht nach dem Video weiter)

Aktion in Frankreich: Muslim fordert Pariser Passanten auf, ihn zu umarmen

Ich würde ja gerne jetzt beim LaGeSo vorbei schauen und mit Ihnen über das Video reden. Aber ich denke, dass Sie derzeit entweder bei Ihrem Chef im Büro sitzen oder schon dabei sind, sich beim nächsten Jobcenter eine Nummer zu ziehen.

Deswegen regeln wir das nun schriftlich.

Mein christlich-abendländisches Wertegefühl sagt mir: Jeder Sünder hat eine zweite Chance verdient.

Mein Verstand sagt mir: Fahren Sie zur Hölle, Sie geistiger Schrumpfgermane!

Ich glaube nicht daran, dass Sie jemals einsehen werden, wie falsch Ihre Worte waren. Zu sehr hat sie der Ausländerhass zerfressen, als dass sie erkennen könnten, wie absurd ihre Tiraden wirken müssen.

Von Ihnen, der Sie mittelbar vom Staat bezahlt werden oder wurden und dafür eben diesem Staat im Gegenzug Pest und Cholera an den Hals wünschen.

An diesem Ort, nur einige Meter von Menschen entfernt, die von der deutschen Bürokratie in Kälte und Regen stehen gelassen werden, während Sie wie eine Mensch-ärger-Dich-nicht-Figur durch Ihr Dienstlokal hoppeln und dabei jeden Dresdner Hooligan wie einen Philosophiestudenten aussehen lassen.

Es hat keinen Sinn mehr, um die Herzen von Menschen wie Ihnen zu kämpfen. Diese Schlacht ist womöglich schon vor Jahren verloren gegangen. Und Sie sind damit ja beileibe nicht allein: In manchen Gegenden Ostdeutschlands wimmelt es vor Schwachstromintellektuellen wie Ihnen.

Zum Beispiel in Meißen. Dort haben Rechtsradikale kürzlich ein Fernsehteam des ZDF attackiert, das in der gewaltbereiten Neonazi-Szene der Stadt recherchierte. Flüchtlingshelfer bekommen dort Drohungen wie: „Der Volkszorn wird über euch kommen und wir werden euch ausrotten.“

In Meißen werden auf Flüchtlingshelfer Kopfgelder ausgesetzt / Drohbriefe füllen Ordner. Dienstag, 21 Uhr zeigt Frontal21 den ausufernden Rechtsextremismus in der Stadt und die sogenannte "Initiative Heimatschutz", die den Bürgerkrieg beschwört:

Posted by ZDF heuteplus on Montag, 23. November 2015

Diese Menschen, zu denen Sie offenbar auch zählen, leben in einer abgeschlossenen Welt. Sie fühlen sich zu Drohungen und womöglich zu Taten berufen, weil sie eine „schweigende Mehrheit“ der Bevölkerung hinter sich glauben. In diesem Punkt sind die Nazis von heute den RAF-Terroristen der 70er- und 80er-Jahre erschreckend ähnlich.

Um es kurz zu machen: Für Leute wie Sie ist einst das Konzept der „wehrhaften Demokratie“ erfunden worden. Nie wieder sollte die Freiheit in Deutschland derart vor die Hunde gehen wie in Weimar, wo Ihre Geistesväter und -großväter alles daran setzten, um die Republik zu meucheln. Und deswegen haben Ansichten wie Ihre auch keinen Platz in Deutschland.

Vielleicht hat ihr kleines Nazi-Referat ja rechtliche Konsequenzen.

Auf jeden Fall taugt es als Warnsignal für alle, die nicht in einigen Jahren in einem anderen Land aufwachen wollen. Denn so weit ist es schon gekommen.

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