POLITIK
24/11/2015 16:11 CET | Aktualisiert 24/11/2015 17:37 CET

4 verheerende Folgen, die der Abschuss des russischen Kampfjets jetzt schon hat

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Der Abschuss der Militärmaschine belastet das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen schwer - das Anti-Terror-Bündnis, das Paris, Washington und Moskau gerade schmieden, ist fragiler, als viele dachten.

Zu groß ist das Misstrauens Putins gegenüber den Nato-Staaten. Der Fall heizt die Spannungen in der Syrien-Krise weiter an. Viele Folgen sind noch nicht abzusehen. Einige Konsequenzen aber stehen jetzt schon fest - und sie dramatisch, auch für Deutschland.

Hier sind 4 verheerende Folgen, die der Abschuss des russischen Kampfjets jetzt schon hat:

1. Putin verliert ein Argument für seinen Anti-Terror-Krieg

Der Syrien-Krieg ist die einzige Erfolgsmeldung für Russland. Die staatseigenen Fernsehsender schlachten den Einsatz dort täglich stundenlang aus. Der Kreml gibt an, einen sauberen Krieg führen zu wollen, den russische Soldaten nicht mit dem Leben bezahlen müssten.

Das stimmte schon nach dem Abschuss einer russischen Passagiermaschine in Ägypten nicht mehr – eine direkte Antwort von Terroristen auf die russischen Luftschläge in Syrien. Nun ist klar: Auch militärisch ist Russland nicht unangreifbar. Mindestens ein russischer Soldat ist wohl bei dem Abschuss ums Leben gekommen. Putins Argument, dass nur die anderen getötet werden, zieht nicht mehr.

Darauf deutet auch Putins wütende Reaktion auf den Abschuss hin. Er verurteilt den Angriff als „Stoß in den Rücken, begangen von Helfershelfern von Terroristen“ – und kündigte Konsequenzen an. „Putins Vorwürfe sind außerordentlich polemisch. Sie unterstellen die Unschuld der russischen Seite. Das ist sicherlich der schwierigen Situation geschuldet, in der sich Putin befindet“, sagte der Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler, der Huffington Post.

Welche Folgen das hat, sind unabsehbar. Als unwahrscheinlich gilt, dass Russland sind auch dem Krieg gegen den Terror zurückzieht. Es könnte aber sein, dass Putin seinen Alleingang in Syrien fortsetzt. Und das würde eine Lösung des syrischen Bürgerkrieges nicht voranbringen. Denn:

2. Eine Anti-Terror-Koalition wird noch schwieriger

Die USA und Frankreich wollen eine Anti-Terror-Koalition mit Russland schmieden, um den Bürgerkrieg in Syrien zu beenden. Dem Westen ist klar: Eine Lösung wird es ohne die Russen nicht geben. Die russische Partnerschaft mit dem syrischen Machthaber Assad ist ein wichtiger Schlüssel, den Konflikt beizulegen. Der französische Präsident François Hollande wird am Donnerstag nach Moskau reisen, um den weiteren Weg im Kampf gegen die Terroristen des Islamischen Staates abzustecken.

Allerdings: Putin fühlt sich vom Westen verraten, wie er auf einer Pressekonferenz nach dem Abschuss des Militärjets sagte. Eine Annäherung wird jetzt erschwert: In Brüssel ruft der Fall die Nato mit einer Sondersitzung auf den Plan. Ein für diesen Mittwoch geplantes Treffen der Außenminister Russlands und der Türkei fällt prompt aus.

Das bereitet auch aus deutscher Perspektive Sorgen. Russlandbeauftragter Erler sagte der Huffington Post: „Der Abschuss ist ein schwerer Rückschlag.“ Er sieht die Zusammenarbeit mit Russland für ein Ende des syrischen Bürgerkriegs gefährdet. „Wenn Russland aus diesem Prozess aussteigt, wäre das sehr unerfreulich. Den Hauptanlass für die Flüchtlingskrise – der syrischen Bürgerkrieg – ließe sich dann kaum noch stoppen“, sagte Erler der Huffington Post.

3. Die Nato steht vor einem Dilemma

Das westliche Verteidigungsbündnis Nato steht vor einer schwierigen Aufgabe. Es muss zum Bündnispartner Türkei stehen, ohne das Verhältnis zu Russland noch weiter zu eskalieren. Daran sind vor allem die USA und Frankreich interessiert.

Ankara gilt in der Lösung der Syrienkrise schon seit längerem als unsicherer Kantonist. Zu sehr versuchen die Türken, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. „Manchmal hat man den Eindruck, sie kämpfen mehr gegen die Kurden als gegen den IS“, sagte ein westlicher Diplomat der Nachrichtenagentur dpa.

Es herrscht also ein Interessenkonflikt in der Nato, der das Bündnis lahmlegen könnte. Das ist der Türkei nur Recht: Ein Anti-Terror-Bündnis würde den syrischen Machthaber Assad wohl kurzfristig stützen, was Ankara mit allen Kräften verhindern will.

So gibt es einen schrecklichen Verdacht: Der Abschuss war nicht nur eine militärische, sondern auch eine politische Entscheidung. Und die Türkei, nicht Russland, wäre damit das größte Problem im Kampf gegen den Terror.

4. Die Allianz Ankara-Moskau ist zerbrochen

Der Abschuss markiert einen Tiefpunkt in dem ohnehin schon angespannten Verhältnis zwischen Ankara und Moskau.

Eigentlich können der russische Präsident und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan ganz gut miteinander. Mit einem milliardenschweren Deal für die geplante Gaspipeline Turkish Stream durch das Schwarze Meer will Russland die Türkei eng an sich binden.

Doch besonders in einem Punkt vertreten Putin und Erdogan diametral entgegengesetzte Positionen: beim Thema Syrien. Die Türkei fordert die Ablösung von Machthaber Baschar al-Assad. Russland dagegen hält an seiner Machtposition fest. Seit Ende September unterstützt Moskau die syrische Armee mit Luftangriffen gegen Rebellen.

Von einem „Wendepunkt in Moskaus ohnehin gespannten Beziehungen zu Ankara“ spricht Dmitri Trenin vom Moskauer Carnegie Centre. „Russland wird jetzt keine Luftangriffe gegen die Türkei fliegen, aber sie als "Komplizen des IS" behandeln“, schreibt der Experte bei Twitter (oben).

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