POLITIK
25/11/2015 01:01 CET | Aktualisiert 25/11/2015 01:26 CET

Wer Verbündete wie Erdogan hat, braucht keine Feinde

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan
Pool Presidential Press Service
Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan

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Am gestrigen Morgen lebten wir noch in einer anderen Welt. In dieser Welt sah es so aus, als würden die Anschläge auf ein russisches Passagierflugzeug und in Paris zu einer Annäherung zwischen Russland und dem Westen führen. In dieser Welt machte sich der französische Staatschef François Hollande bereit, um zuerst mit Barack Obama und danach mit Wladimir Putin über ein gemeinsames Vorgehen gegen den Islamischen Staat zu sprechen. Das ist Geschichte.

Gestern schossen zwei türkische F-16 Jets einen russischen Kampfbomber ab. Zwei Flugzeuge der Türkei töten russische Soldaten mit aus den USA gelieferten Waffen. Es war das erste Mal seit 1952, dass Nato-Maschinen auf russische Jets schossen. Während des Korea-Krieges kam es zu einem Luftkampf zwischen amerikanischen F9F und sowjetischen MiG-15. Wer auch immer in der Türkei den Befehl gab, dem muss diese historische Dimension klar gewesen sein.

Das wird nicht gut ausgehen.

Nicht besser machten es die von der Türkei unterstützen turkmenischen Kämpfer. Über ihrem Gebiet wurde der Jet vom Typ Su-24 abgeschossen. Videos zeigen, wie sie wild auf die an ihren Fallschirmen hängenden Piloten schießen und dabei "Gott ist groß" rufen. Danach veröffentlichten sie bei Twitter Bilder einer Leiche in einer russischen Pilotenkombination. Es ist nicht klar, ob die Videos und die Bilder echt sind - aber sie sind glaubwürdig.

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"Ein Stoß in den Rücken": Das sagt Wladimir Putin über den Abschuss des russischen Kampfflugzeugs

Putin ist empört. Angesichts dieser Bilder kritisierte er die türkische Regierung als "Helfershelfer von Terroristen" und drohte mit "ernsthaften Konsequenzen". Wir können ihm glauben.

Warum schoss die Türkei dieses Flugzeug gerade jetzt ab? Es gab schon zuvor Konfrontationen zwischen russischen und türkischen Maschinen. Dabei verhielten sich die russischen Piloten dreist und provozierend. Bei einem Vorfall beleuchteten sie türkische Maschinen mit ihrem Gefechtsradar - das unter Piloten das Äquivalent zu einer geladenen Waffe, die man einem Gegner ins Gesicht hält.

Die Türkei behauptet, die russische Maschine habe türkischen Luftraum verletzt. Die Russen widersprechen. Beide Länder veröffentlichten Karten, die zwei komplett unterschiedliche Flugverläufe zeigten. Doch die Vorwürfe der Türken sind glaubhaft. Sicher ist allerdings auch, dass die russische Maschine nur für einige Sekunden türkischen Luftraum überflogen hat und dass ihre Flugrichtung sie nicht in türkisches Gebiet hinein führte.

Sicher ist auch, dass die russischen Piloten nicht einen Luftkampf vorbereitet waren. Und sicher ist auch, dass das Flugzeug über syrischem Gebiet abgeschossen wurde. Das bestätigen US-Beamte in der Nacht gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

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Piloten retten sich: Hier stürzt der russische Kampfjet nach dem Abschuss zu Boden

Dieser Abschuss war nicht notwendig - er war gewollt. Erst am Freitag hatte die Türkei den russischen Botschafter einberufen und verlangt, dass die Bombardierung der turkmenischen Rebellen im Norden Syriens eingestellt wird, die zur Free Syrian Army gehören. Dem Botschafter Andreij Karlow wurde gesagt, dass die Türkei dem Schicksal turkmenisscher Zivilisten nicht gleichgültig gegenüberstehen werde. Um diese Angriffe auszuführen, müssen russische Flugzeuge sehr nah an der türkischen Grenze fliegen. Es sieht so aus, als wollte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan Putin eine deutliche Warnung geben.

Dass er damit Hollandes Bestrebungen zu Nichte macht, scheint ihm egal zu sein. Ein Bündnis zwischen dem Westen und Russland gegen den IS ist nun so gut wie unmöglich. Und damit auch eine Friedenslösung für Syrien. Oder beabsichtigt Erdogan das vielleicht sogar? Sicher ist, dass er um jeden Preis will, dass der syrische Machthaber Assad verschwindet. Ein Bündnis zwischen Russland und dem Westen würde dies verhindern. Erdogans Rolle im syrischen Bürgerkrieg war immer undurchsichtig. Die Türkei ist nie entschlossen gegen den IS vorgegangen. Lange Zeit durften Kämpfer und Lieferungen unbehelligt die Türkei passieren. Was genau er erreichen will, weiß wohl nur er selbst.

Erdogan ist außer Kontrolle. So sieht das auch SPD-Chef Sigmar Gabriel. "Erstmal zeigt der Zwischenfall, dass wir einen Spieler dabei haben, der nach Aussage von verschiedenen Teilen der Region unkalkulierbar ist: Das ist die Türkei und damit nicht die Russen, sagte Gabriel am Dienstag bei einer Politikkonferenz der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Dass die Russen jetzt die Konfrontation auslösen durch die Verletzung des Luftraums, darf einen ja nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die Türkei dort in diesem Konflikt eine schwierige Rolle spielt."

Das Hauptproblem, das er Westen im Kampf gegen den IS hat, sind seine Verbündeten. Mit Freunden wie Saudi-Arabien, Katar oder eben der Türkei, die im syrischen Bürgerkrieg vor allem ihren eigenen undurchsichtigen Interessen folgen, braucht man keine Feinde.

Morgen wird Hollande nach Moskau reisen. Hoffen wir, dass er einen neuen kalten Krieg verhindern kann.

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