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23/11/2015 06:06 CET | Aktualisiert 23/11/2015 10:55 CET

Staatsakt für Helmut Schmidt in Hamburg

Mit einem Staatsakt wird dem verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt gedacht (Archiv)
ASSOCIATED PRESS
Mit einem Staatsakt wird dem verstorbenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt gedacht (Archiv)

UPDATE: 12.36 Uhr - Angela Merkel über Helmut Schmidt

Rund zwei Wochen nach dem Tod von Helmut Schmidt nehmen am Montagvormittag die Spitzen der deutschen Politik, zahlreiche Gäste aus dem In- und Ausland und die Hamburger Abschied vom früheren Bundeskanzler. In der Hauptkirche St. Michael - dem Michel - sind rund 1800 Gäste zu dem Staatsakt gekommen. So auch der Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Anschließend wird der Sarg langsam durch die Stadt gefahren. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch.

Mit Musik von Johann-Sebastian Bach und der Begrüßung durch Hauptpastor Alexander Röder begann der kirchliche Teil des Staatsakts. Schmidts Tod bringe vielen Menschen Trauer und Schmerz, sagte Röder. "Er ist für sie eine Autorität, ein Vorbild an Gradlinigkeit, Pflichtbewusstsein, Redlichkeit und Mut, Klugheit und Klarheit in seiner Haltung, manchmal auch Kantigkeit und zugleich Bodenständigkeit. So bleibt er in Erinnerung, auch über seinen Tod hinaus."

Der Sarg war in eine schwarz-rot-goldene Fahne gehüllt, die Kirche mit Sonnenblumen, weißen Lilien und Hortensien geschmückt. In der ersten Reihe saßen unter anderen Schmidts Tochter Susanne und seine Lebensgefährtin Ruth Loah.

"Wir haben einen Giganten verloren"

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) hat den gestorbenen Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt als Vorbild und größten Sohn der Hansestadt gewürdigt. "Er hat vorgelebt, wie anständige und vernünftige Politik aussieht. Seine Geradlinigkeit hat Vertrauen erzeugt und ihn zum Vorbild für viele gemacht", sagte Scholz beim Staatsakt.

"Wir haben einen Giganten verloren", so der Bürgermeister. Er lobte den "lebensklugen politischen Pragmatismus" Schmidts, aus dem "scheinbar unbegrenzte moralische Autorität" erwachsen sei. Es sei noch kaum vorstellbar, "dass wir künftig gesellschaftliche und politische Debatten ohne ihn werden führen müssen", sagte Scholz.

In der Zeit des Terrors der RAF habe Schmidt unerschütterlich Verlässlichkeit vorgelebt. "Dass sich der deutsche Staat nicht hat erpressen lassen, hat ihn gegen den Terror gewappnet", sagte Scholz. Schmidt hatte 1977 die Forderung der Entführer des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer nach Freilassung der RAF-Spitze abgelehnt, Schleyer wurde umgebracht. Schmidt habe die Entscheidung getroffen, sie habe ihn aber auch in Stunden tiefer Verzweiflung gestürzt.

Kissinger würdigt Schmidt als Freund

Auch der frühere US-Außenminister Henry Kissinger hat das Wort ergriffen und dabei den gestorbenen ehemaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt als einen besonderen Freund gewürdigt. Er habe ihn 60 Jahre gekannt und geschätzt, sagte Kissinger beim Staatsakt. Helmut Schmidt habe Mut und Visionen nie für sich reklamiert aber verkörpert. Schmidt sei gebildeter als die meisten Politiker der Nachkriegszeit gewesen, sagte Kissinger. Der aus Fürth stammende Kissinger hielt seine Rede auf Deutsch.

Der SPD-Politiker war am 10. November im Alter von 96 Jahren gestorben. Während er als Kanzler durchaus umstritten war, wurde er in späteren Lebensjahren als Publizist und Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" zu einer Art geistigen und moralischen Instanz der Deutschen.

"Helmut Schmidt wird uns allen fehlen"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte, Schmidts hohes Ansehen basiere auf seiner Verantwortung und seiner Bereitschaft, sich auch schwierigsten Aufgaben zu stellen. Aus der DDR heraus habe sie als geborene Hamburgerin das entschlossene Eingreifen Schmidts bei der Sturmflut von 1962 in Hamburg verfolgt. Schmidt holte, "obwohl verfassungsrechtlich nicht dazu befugt", als Polizeisenator kurzerhand die Bundeswehr und ausländische Streitkräfte zu Hilfe. "Seit diesen Tagen ist er tief in meinem Gedächtnis eingegraben", sagte Merkel.

Bereits zu diesem Zeitpunkt habe Schmidt gezeigt, was es bedeute, Verantwortung zu übernehmen, sagte die Kanzlerin. Eine Bürde, die ihm während seiner Kanzlerschaft von 1974 bis 1982 noch schwer zu schaffen machen sollte. Etwa als die Rote Armee Fraktion (RAF) den damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer ermordete, weil Schmidt den Forderungen der RAF nicht nachgab. Drei Erlebnisse hätten Schmidt bis in die Grundfesten seiner Existenz berührt, sagte Merkel. Neben den Gräueltaten der RAF war dies der Tod seiner Frau Loki, mit der er 68 Jahre verheiratet war, sowie ein Besuch des Konzentrationslagers Auschwitz nach dem Krieg.

Sowohl Merkel als auch Scholz spannen in ihren Reden den Bogen vom Terror der RAF zu den Anschlägen in Paris. "Die Motive heute sind andere", sagte Merkel. "Aber Terror bleibt Terror." Zudem sprach sie aus, was viele an diesem Tag viele dachten: "Helmut Schmidt wird uns allen fehlen."

Große Sicherheitsvorkehrungen bei Staatsakt

Zum Staatsakt sind neben Gauck und Merkel auch die höchsten Vertreter aller weiteren Verfassungsorgane angekündigt gewesen: Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundesratspräsident Stanislaw Tillich (CDU) sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Auch die früheren Bundespräsidenten Roman Herzog, Horst Köhler und Christian Wulff erwiesen Schmidt die letzte Ehre. Wegen der hohen Sicherheitsvorkehrungen kann sich die Hamburger Bevölkerung erst danach von ihrem Ehrenbürger verabschieden.

Aus dem Ausland erwartet werden neben Schmidts langjährigem Freund, dem französischen Ex-Präsidenten Valérie Giscard d'Estaing (Bild), auch Italiens früherer Präsident Giorgio Napolitano sowie Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Zudem haben sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, angekündigt.

Staatsakt wird live übertragen

Den musikalischen Teil des Staatsakts übernimmt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Generalmusikdirektor und Chefdirigent Kent Nagano. Im Anschluss ist ein großes militärisches Ehrengeleit geplant. Dabei tragen Soldaten den Sarg vor dem Michel an einer Ehrenformation der Bundeswehr vorbei, ehe er in einem Wagen - begleitet von einer Ehreneskorte der Polizei - langsam zum Rathaus und weiter zum Friedhof Ohlsdorf gefahren wird. Dort soll Schmidt eingeäschert und im Familiengrab beigesetzt werden.

Im Rathaus bitten Senat und Bürgerschaft am Mittag zu einem nicht öffentlichen Trauerempfang. Der Staatsakt selbst wird live im Radio und im Fernsehen, zum Beispiel von der ARD, übertragen.

Schmidt war von 1974 und bis 1982 als Nachfolger von Willy Brandt Bundeskanzler. Dabei war der Diplomvolkswirt unter anderem mit der Ölkrise in den 70er Jahren und dem Kampf gegen den Terrorismus der "Roten Armee-Fraktion" konfrontiert. Auch die Auseinandersetzung um den Nato-Doppelbeschluss prägte Schmidts Kanzlerschaft. Den Hamburgern ist Schmidt vor allem wegen seines Engagements während der Sturmflut 1962 erinnerlich, als er als Innensenator die Bundeswehr zu Hilfe rief und so zahlreiche Menschenleben rettete.

Fotos: dpa

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