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23/11/2015 17:43 CET | Aktualisiert 24/11/2015 07:02 CET

"Same same but different": In dieser amerikanischen Stadt sind Muslime in der Mehrzahl

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In Hamtramck ist die Mehrheit der Bevölkerung muslimischen Glaubens. Die Stadt liegt aber weder in der Maghreb-Gegend von Nordafrika noch im Nahen Osten, sondern mitten in den USA. Genauer gesagt: Mitten in Detroit. Mit seinen 22 000 Einwohnern ist die Kleinstadt ein selbstständiger Bereich, der aber geografisch von der berüchtigten Großstadt in Michigan umgeben ist.

Heute ist es die am dichtesten besiedelte Stadt Michigans. Die ersten Einwohner des Bezirks im Mittleren Westen waren deutsche Bauern. Im 20. Jahrhundert wurde er dann nach einer Immigrationswelle für seine polnisch-amerikanische Kultur bekannt. Nicht umsonst bekam die Stadt den Spitznamen: „Little Warschau“. Auf den Straßen roch es nach Paczki, einem traditionellen polnischem Gebäck. Man war stolz auf sein Bier, den Papst und seine Straßenfestivals mit traditionellen Tänzen.

Die Stadt veränderte sich aber weiter: Die Einwanderung ging auch im 21. Jahrhundert weiter. Die Wirtschaft ist zwar auf dem absteigenden Ast, nachdem große Fabriken schließen mussten, und die Armutsrate ist eine der höchsten in Michigan. Andererseits ist Wohnraum günstig und die Kriminalitätsrate relativ niedrig – anders als in der Nachbarstadt Detroit.

Das lockte Immigranten an. Vor allem Menschen aus dem Jemen, Bangladesch und Bosnien zogen im letzten Jahrzehnt in die Region und machten den Mittleren Westen zu ihrer neuen Heimat. Seit 2013 ist Hamtramck die erste Stadt in den USA, in der Muslime in der Mehrzahl sind.

Jetzt folgte auch eine politische Wende. Diesen November wählte Hamtramck als erste Stadt Nordamerikas einen hauptsächlich muslimischen „City Council“. Sechs Mitglieder hat der Stadtrat, vier sind nun Muslime.

Die Bürgermeisterin dagegen ist aus einer polnischen Immigrantenfamilie, also Teil der letzten Einwandererwelle, die der neuen gegenübersteht. Seit zehn Jahren hat Karen Majewski das Sagen in Hamtramck. In den harten Wahlkampf für den Gemeinderat war auch sie verwickelt. Auf hetzerischen Flugblättern mit Parolen gegen Muslime wurde auch ihr Gesicht abgedruckt – neben den weißen „Council“-Kandidaten. Die Politiker wollen damit aber selbst nichts zu tun haben.

Eigentlich ist Majewski Spezialistin für Einwanderung und Ethnien. Sie erreichte ihren Doktorgrad in Amerikanischer Kultur in diesem Spezialgebiet. Zumindest theoretisch sollte sie für die Aufgaben in Hamtramck also gerüstet zu sein und eine diplomatischere Perspektive im „Culture Clash“ einnehmen können. Doch in der aktuellen Debatte schlägt sie sich doch klar auf eine Seite.

Dass sich nun politisch manifestiert, was die Hamtramcker eigentlich schon lange wissen, löst bei manchen doch ein mulmiges Gefühl aus: die polnischen Siedler fühlen sich in der Unterzahl. „Es ist traumatisch für sie“, sagte die Bürgermeisterin gegenüber der „Washington Post“. Bei dem „Culture Clash“ in der Stadt scheint also der „Clash“ stark im Vordergrund zu stehen.

Fünfmal täglich schallt der Ruf des Muezzins durch die Straßen – nicht allen Bürgern fällt es leicht, sich daran zu gewöhnen. Unternehmer beklagen, dass sie im Umkreis der vier Moscheen keine Lizenz zum Alkoholausschank bekommen. Die fremde Kultur zieht aber auch wieder weiße Amerikaner an: Junge Hipster werden von dem fremdländischen Essen, den Bars und Kunstaustellungen angezogen.

Hamtramck ist für seine Vielfalt bekannt. Die Kinder in den Schulen sprechen 27 verschiedene Sprachen. Einige Muslime halten ihre Glaubensbrüder dazu an, in der Stadt Englisch zu sprechen, damit sich niemand ausgeschlossen oder bedroht fühlt.

Trotzdem: „Es gibt ein klares Gefühl, dass Muslime ‚die Anderen’ sind“, sagt Majewski in der amerikanischen Zeitung über die mangelnde Integration. Es gehe darum, zu was für einem Ort sich Hamtramck sich in Zukunft entwickeln würde. „Es gibt definitiv Angst, und bis zu einem gewissen Grad teile ich sie.“ Mit einem solchen Satz lindert sie die Verunsicherung in der Bevölkerung wohl genauso wenig wie de Maizière in Deutschland mit seinem Ausspruch „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“.

Die „Washington Post“ bezeichnete die amerikanische Kleinstadt als „Mikrokosmos der Ängste“, die das Land seit den Anschlägen vom IS auf Paris gepackt haben. Die USA sind ein ebenso bedrohtes Land, auch sie fliegen Angriffe auf Syrien. Der IS kündigte in einem Video nur wenige Tage nach Paris geplante Terrorakte in Washington, D.C., und New York an.

Vor allem die Republikaner schüren die Angst vor dem Islam. Selten wird zwischen Islamisten und Muslimen unterschieden, alles wird in einen radikalen Topf geworfen. Donald Trump, der Skandal-Kandidat, verbreitete Lügen, dass Präsident Obama 250 000 muslimische Flüchtlinge nach Nordamerika holen will (tatsächlich sind es gerade einmal 10 000), die ein „Sicherheitsrisiko“ wären. Er wolle einen entgegengesetzten Kurs fahren wollen und zum Beispiel Moscheen schließen.

Aus Kritik macht er sich wie üblich wenig: „Der Hass auf uns ist doch schon da.“ An diesem Hass etwas ändern zu wollen, scheint nicht in seinem Interesse zu sein – die Republikaner gehen lieber auf Konfrontationskurs. Auch andere Kandidaten wie Ted Cruz oder Ben Carson sind strikt gegen die Aufnahme von muslimischen Flüchtlingen.

„Wir importieren Terrorismus“ wetterte Mike Huckabee in einer wirren Rede, in der er davon sprach, dass man aufwachen und an der Falafel riechen müsse. Doch selbst das ist noch nicht das abstruseste Zitat. Marco Rubio verglich alle Muslime mit der NSDAP.

Der Westen würde sich in einem Krieg gegen den radikalen Islam befinden und wer das nicht zugebe, läge falsch: „Das ist genauso, als würden wir sagen, wir sind nicht mit den Nazis im Krieg gewesen, weil wir Angst haben, einige Deutsche zu verärgern, die vielleicht Mitglieder der NSDAP, aber nicht selbst gewalttätig waren.“

Die Verunsicherung in Hamtramck verwundert einen bei solchen Aussagen von Spitzenpolitikern nicht mehr sonderlich. Die Pro-Flüchtlings- und Pro-Islam-Bewegungen keimen in den USA erst langsam auf, vor allem Detroit tat sich hier bisher durch positive Äußerungen hervor. Die Stadt mit der höchsten Kriminalitätsrate der USA leidet unter Bevölkerungsschwund. Bürgermeister Mike Duggan sieht in Flüchtlingen eine Chance. Er möchte gezielt Syrer aufnehmen und ein positives Zeichen aus der Politik senden.

Auch in Hamtramck soll die Stimmung wieder optimistischer werden. Almasmari, 28 Jahre alt und aus dem Jemen, ist eines der neuen Mitglieder des Stadtrats. Er versteht nicht, warum Leute Religion mit Politik vermischen, erzählt er der „Washington Post“. Die Angst, dass sich der Rest der Bevölkerung nun nicht mehr repräsentiert sehen würde, möchte er nehmen.

Vor allem, da der Angst vor politischer Ohnmacht ein Trugschluss zu Grunde liegt. Die muslimische Bevölkerung ist zwar in der Mehrheit, allerdings spaltet sie sich in arabische, bengalische und bosnische Teile. Sie vermischen sich kaum – schon allein aufgrund der unterschiedlichen Sprachen. Genauso wenig planen sie auch, für gemeinsame Interessen zu kämpfen, die das westliche Selbstverständnis gefährden könnten.

Almasmari setzt sich nicht für mehr Moscheen oder weniger Bars ein. In seiner Kampagne stellte er die wackelige Wirtschaft und die Verbesserung vom öffentlichen Schulsystem in den Mittelpunkt. Es gibt doch eigentlich Werte, auf die sich alle verständigen können – die Frage ist nur, warum die nicht im Vordergrund stehen.

Und selbst in den Bereichen, die sie trennen, sind sich die Bevölkerungsgruppen in Hamtramck ähnlicher, als sie denken: Viele der arabischen Märkte hängen zum Beispiel Schilder an die Türen, dass sie in Kürze zurück sind, wenn sie zum Gebet gehen. Genauso machen auch es auch Polen, wenn sie zur Messe gehen. „Same same – but different“ eben.

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