POLITIK
18/11/2015 15:45 CET

Warum die Terror-Anschläge von Paris auch Deutschland verändert haben

AP

Die vergangenen Tage waren voll von Momenten, die den Deutschen bisher unbekannt waren.

Die kaum beherrschbare Sorge vor herrenlosen Gepäckstücken.

Die ungerechte Furcht vor arabisch aussehenden Männern.

Das unangenehme Gefühl in der U-Bahn.

Der unterdrückte Gedanke daran, vielleicht doch nicht ins Stadion zu gehen.

Die unerklärliche Befangenheit in Bahnhöfen.

Eine Sache hat sich nun geändert

Es gab schon vor den Anschlägen in Paris tödliche Terroranschläge in Europa. Madrid, London, Brüssel. Seit mehr als zehn Jahren morden Islamisten in Staaten, mit denen Deutschland sowohl in der EU als auch in der Nato verbunden ist.

Doch eine Sache ist dieses Mal anders: Zum ersten Mal ist den meisten Deutschen bewusst geworden, dass der Terror tatsächlich auch sie treffen könnte. Und das hat Gründe.

Da wäre, erstens, die Entlarvung der wohl größte politische Lebenslüge Deutschlands im noch jungen 21. Jahrhundert: Als Kanzler Gerhard Schröder (SPD) Anfang 2003 den Amerikanern die Gefolgschaft verweigerte und die Bundesrepublik aus dem sich abzeichnenden Irakkrieg heraushielt, glaubten die meisten Deutschen, ihr Land sei sicher vor terroristischen Anschlägen.

Politische Lebenslüge im Kampf gegen den Terror

Al Qaida – damals das am meisten beachtete Terror-Franchise der Welt – bombe schließlich nur gegen jene, die auf der Arabischen Halbinsel und am Persischen Golf Krieg führten.

So mancher Deutsche mag sich damals noch klammheimlich gedacht haben, dass Spanier und Briten auch ein bisschen Mitschuld trügen an den Anschlägen – wenn sie sich an der Seite George W. Bushs selbst zur Zielscheibe machten.

Dass Terroristen nicht in diesen Strategiemustern denken, hätte den Deutschen schon seit dem gescheiterten Bombenanschlag auf dem Kölner Hauptbahnhof im Jahr 2006 oder dem tödlichen Attentat auf dem Frankfurter Flughafen im Jahr 2011 klar sein können.

Frankreich ist den Deutschen nah

Dass es nun mit Frankreich gleich zweimal in einem Jahr den einstigen Anti-Kriegs-Verbündeten von 2003 getroffen hat, zeigt in aller Brutalität, dass der Terror jedes Land im Westen erreichen kann.

Zweitens ist Frankreich den Deutschen näher als irgendein anderes Land. In diesen Tagen zeigt sich, wie intensiv die Freundschaft zwischen den beiden Staaten mittlerweile geworden: Allein das Deutsch-Französische Jugendwerk hat seit seiner Gründung im Jahr 1963 insgesamt 8,2 Millionen jungen Menschen einen Aufenthalt im jeweiligen Nachbarland ermöglicht.

Viele Deutsche verbinden mit Paris Erinnerungen. Oder wenigstens Sehnsüchte.

Explosionen klangen bis in deutsche Wohnzimmer

Die Anschlagsorte lagen mitten in der Stadt, an touristischen Orten. Solche, die man durchaus gesehen hat, wenn man einmal selbst in Paris war. Das machte diesen Anschlag für so manchen Deutschen nachfühlbar. Die Morde geschahen nicht am anderen Ende der Welt, sondern 200 Kilometer von der deutschen Westgrenze entfernt.

Mehr noch: Die Explosionen in Saint Denis waren während der Übertragung des traditionsreichen Fußball-Klassikers Frankreich gegen Deutschland zu hören. In der zweiten Halbzeit erlebten Millionen Menschen ein surreales Schauspiel: In den Fußballkommentar mischten sich Meldungen über Attentate, Tote und Verletzte. Man stelle sich vor, die Amerikaner erlebten so etwas während des jährlichen „Super Bowls“.

So klangen die Bomben - faktisch - bis in die Wohnzimmer hinein. Der kommissarische DFB-Chef Reinhard Rauball meinte nach der ebenfalls terrorbedingten Absage der Spiels Deutschland gegen die Niederlande am Dienstag sichtlich erschüttert: „Der Fußball hat eine andere Wendung bekommen.“

Deutschland hat sich rasant verändert

Drittens hat sich Deutschland seit der Bundestagswahl 2013 ohnehin rasant verändert. Die Stille der ersten acht Merkel-Jahre ist verflogen und damit auch der Glaube daran, dass es dem Land im Großen und Ganzen gut geht. Die Bundesrepublik befindet sich in einer der intensivsten politischen Auseinandersetzungen seit Jahrzehnten.

Einer der heftigsten Konflikte dabei ist die Frage, ob Deutschland dem Zustrom von Asylbewerbern gewachsen ist.

Für die Rechtspopulisten sind die Attentate eine Steilvorlage. Sie hetzen seit Tagen mit widerlichen Parolen im Netz und stoßen bei ängstlichen Bürgern auf große Resonanz. Die AfD ist mittlerweile drittstärkste Partei in den Umfragen.

Die große Unsicherheit

Die Debatte trifft aber selbst jene, die Angela Merkels „Willkommenskultur“ bisher stets verteidigt haben. Denn sie sehen sich nun mit neuen Ängsten konfrontiert, die sich kaum durch gute Argumente aus der Welt schaffen ließen.

Und tatsächlich kann niemand garantieren, dass es unter der wohl etwa eine Million Asylbewerber in diesem Jahr nicht auch einige potenzielle Terroristen nach Deutschland geschafft haben.

Das heißt nicht, dass Deutschland kurz vor einem Anschlag steht.

Aber vielleicht ist es auch anders.

Niemand weiß es.

Und das ist ein neues Gefühl.

Video: Aufnahmen aus den USA: Das passiert, wenn ein Passagier im Flugzeug "Dschihad, Dschihad" ruft

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