POLITIK
15/11/2015 10:33 CET | Aktualisiert 15/11/2015 16:10 CET

An alle, die Trauer um Paris als Heuchelei sehen

Warum wir selbst denen dankbar sein müssen, die Trauer nur heucheln
dpa
Warum wir selbst denen dankbar sein müssen, die Trauer nur heucheln

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Viele Menschen weltweit tun es: Sie färben ihre Profile in den sozialen Netzwerken blau, weiß rot, zünden in Kirchen Kerzen an, beten, weinen miteinander.

Die Huffington Post tut es. Alle Nachrichtenportale in Deutschland tun es: Sie und wir berichten seit Freitagabend schwerpunktmäßig über die Anschläge in Paris.

Und einige Menschen kotzt das an. Weil all das nur geschehe, wenn etwa in Europa etwas passiere. Nicht, wenn in Syrien, im Irak, in Libyen und Mali Menschen sterben. Wenn anderswo viel schlimmere Dinge passieren. Kurz: „Ihr seid so widerliche Heuchler.“

Ja, es stimmt. Es stimmt dass es in Deutschland kaum einen interessiert, wenn irgendwo in Asien oder Afrika Bomben hochgehen und Menschen zerfetzen, viel mehr Menschen, als jetzt in Paris. Einzige Ausnahme: Es interessiert ein paar Menschen, wenn das Land zum Beispiel Afghanistan heißt und die Regierung überlegt, wie viele Bomben dort hochgehen dürfen, damit es sicher genug ist, Flüchtlinge dorthin zurückzuschicken.

Ja, es kann stimmen. Es kann stimmen, dass Menschen ihre Anteilnahme jetzt nur äußern, weil es gesellschaftlich erwünscht, erwartet, vielleicht sogar schick ist.

All das kann man Heuchelei nennen. Und trotzdem ist es gut, dass es sie gibt.

Denn so eine nach außen getragene Trauer, Bestürzung, selbst wenn sie nicht aufrichtig gefühlt wird, so eine intensive Berichterstattung, selbst wenn sie hinterfragbaren medialen Mechanismen folgt, zeigt immer noch etwas Wichtiges: Dass eine Gesellschaft zumindest weiß, was elementar ist. Menschenleben. Frieden. Um nichts anderes geht es hier.

Würde eine Gesellschaft nicht einmal versuchen, den Anschein von Trauer und Interesse zu bekunden, würde das bedeuten, dass es ihr egal ist.

Und eines stimmt an den Vorwürfen nicht: Dass all die so kritisierten Menschen und Medien Heuchler sind.

Es ist menschlich, Dinge auszublenden, die das eigene Leben nicht direkt betreffen. Es ist menschlich, alarmiert zu sein, wenn man von einer Gefahr hört, die das eigene Leben bedrohen könnte. Es ist eine Strategie, mit dem Leben klarzukommen.

Und es ist eine Errungenschaft der Menschheit, über diesen Egoismus hinauszugehen, weiter als über den eigenen Tellerrand zu gehen.

Deshalb kann die Forderung jetzt nicht sein, das Trauern, das Interesse an Paris einzustellen. Sondern öfter zu trauern. Öfter Interesse zu zeigen.

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