POLITIK
13/11/2015 12:34 CET | Aktualisiert 18/01/2016 11:54 CET

Flüchtlingskrise: Experten warnen vor Bildungs-Notstand in Deutschland

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Bildung ist der Schlüssel zu Integration. Immer und immer wieder hört man diesen Satz, wenn es um Flüchtlinge geht. Professoren, Politiker und Lehrer sind sich da einig.

Und es gibt bereits gute Ansätze in Deutschland, die zeigen, dass das deutsche Bildungssystem durchaus flexibel sein kann, wenn es darauf ankommt: Viele Schulen waren gut vorbereitet auf die Flüchtlingskrise. Es gibt Sprachlernklassen und spezielle Vorbereitungskurse, einige Schulen haben schon lange Erfahrung mit der Integration von Migrantenkindern.

Alles in bester Ordnung also in deutschen Klassenzimmern?

Keinesfalls. Im Gegenteil: Selbst dort, wo Integration im Moment noch gut funktioniert, stoßen Behörden, Lehrer und Direktoren inzwischen an ihre Grenzen. Die Bildungsgewerkschaft GEW rechnet aktuell mit zusätzlichen 300.000 Schülern in den kommenden zwölf Monaten.

Ob die Prognose realistisch ist, weiß niemand. Wie auch? Selbst die Bundesregierung hatte kürzlich eingeräumt, dass sie "keine Gesamtübersicht" habe, was die Zahl der Asylbewerber in den Erstaufnahmeeinrichtungen betrifft. Hinzu kommt, dass die meisten minderjährigen Asylbewerber oft erst nach mehreren Monaten nach ihrer Ankunft in Deutschland einer Schule zugeteilt werden.

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Flüchtlingsmädchen melden sich während des Unterrichts in der Sprachlernklasse einer Schule in Hannover. Credit: dpa

Gut möglich also, dass deutschen Schulen bald eine dramatische Personalmisere droht. "Es ist zwar verfrüht, jetzt schon einen Bildungsnotstand vorauszusagen", sagte Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), der Huffington Post. Fakt sei aber, dass deutsche Schulen vor einer gigantischen Migrationsaufgabe stehen, gibt Kraus zu bedenken.

Problem: Es fehlen Dolmetscher, Sozialpädagogen und Psychotherapeuten

"Man kann davon ausgehen, dass selbst ein Teil der Kinder, die in ihrer Heimat zuvor zur Schule gegangen sind, Analphabeten sind. Diese Schüler kann man nicht sofort in Regelklassen stecken, das würde auch für die anderen Schüler eine enorme Belastung bedeuten. Wir brauchen außer zusätzlichen Lehrern Dolmetscher, Sozialpädagogen und Psychotherapeuten für alleinreisende Minderjährige. Und da fehlt es derzeit an Personal", warnte der DL-Chef.

Es ist noch nicht lange her, da rechnete die Kultusministerkonferenz (zuständig für die Bildungspolitik der Länder) vor: "In den westdeutschen Flächenländern sinkt die Schülerzahl von knapp 9,2 Millionen im Jahr 2011 um 1,6 Millionen (17,1 Prozent) auf über 7,6 Millionen im Jahr 2025."

Das war kurz vor der Flüchtlingskrise.

Heute schreibt der baden-württembergische Kultusminister 30.000 pensionierte Lehrer an, um den gestiegenen Lehrerbedarf decken zu können.

Leidtragende der dünnen Personallage dürften, wie sollte es anders sein, die Migrantenkinder sein. „Ob die Lehrer derzeit überfordert sind, hängt auch immer stark von den einzelnen Person ab", sagt Bernd Jehle, Leiter des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie in Nürnberg, der HuffPost.

"Klar ist aber, dass die allermeisten Lehrkräfte nicht dazu ausgebildet sind, mit traumatisierten Kindern umzugehen.“ Bei vielen Flüchtlingskindern reiche die rein unterrichtliche und sozialpädagogische Betreuung nicht mehr aus, weil sie stark traumatisiert seien, warnt Jehle.

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Mit bis zu 300.000 schulpflichtigen Flüchtlingskindern rechnet die Bildungsgewerkschaft GEW in den kommenden zwölf Monaten. Längst nicht alle sind schon im deutschen Bildungssystem integriert. (Credit: dpa)

Einer, der sich zuletzt intensiv mit der Folgen der Integration an deutschen Schulen beschäftigt hat, ist Heinz-Peter Meidinger. Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands (DPhV) hatte zuletzt eine Art Migranten-Quote in Schulklassen vorgeschlagen. Auch Meidinger schlägt Alarm, was die künftigen Herausforderungen deutscher Schulen angeht.

Problem: Zu wenig geeignete Lehrer

"Ich bezweifle, dass wir die Stellen adäquat besetzen können, wenn wir vielleicht bald 25.000 neue Lehrer mit speziellen Qualifikationen brauchen", sagte er der HuffPost.

Meidinger befürchtet zudem dramatische Folgen für den Bildungssektor. "Die Beschulung der Flüchtlingskinder sorgt dafür, dass andere bildungspolitische Großprojekte an den Schulen erst einmal hintanstehen müssen", kritisierte der Chef des Philologenverbandes.

"Ich denke an die Inklusion oder an den Ausbau von Ganztagsschulen. Wenn es in Zukunft nicht massiv zusätzliche Finanzmittel und Stellen gibt, die das auffangen, wird es dauerhaft zu erheblichen Qualitätseinbußen im deutschen Schulsystem kommen."

Die Länder, die für Bildung zuständig sind, sehen die Situation noch nicht so dramatisch wie die Lehrerverbände. Das ergab eine HuffPost-Anfrage bei den 16 zuständigen Kultusministerien, von denen elf per Mail antworteten.

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Niemand weiß wirklich, wie viele Flüchtlingskinder deutsche Schulen noch erwarten können. Wie auch? Selbst die Bundesregierung hatte zuletzt eingeräumt, dass sie "keine Gesamtübersicht" habe, was die Zahl der Asylbewerber in den Erstaufnahmeeinrichtungen betrifft. (Credit: dpa)

Der Tenor: Die Situation erfordert enorme Anstrengung, ist aber noch nicht dramatisch. Absehen, wie hoch der Schüler-Zuwachs aufgrund der Flüchtlingskrise in den kommenden 12 Monaten sein wird, konnte derweil niemand. "Wirklich seriöse Prognosen" für den Schülerzuwachs im Land seien "nicht möglich", teilte etwa das Kultusministerium in Rheinland-Pfalz mit.

Problem: Zu viele Schüler

Nur in Nebensätzen lässt sich erahnen, dass es mancherorts schneller zu Problemen könnte, als bislang angenommen. "Die erhöhte Anzahl an Kursen und Klassenverbänden ist im Rahmen des gegenwärtigen baulichen Bestandes nicht darstellbar", antwortete etwa das Bremer Ministerium für Kinder und Bildung.

Und aus Sachsen hieß es in der schriftlichen Antwort: "Wir werden auch kurzfristig noch in der Lage sein, mit dem vorhandenen Personalbestand weitere Kinder aufzunehmen. Wie lange das noch der Fall sein wird, können wir aber nicht sagen. Das hängt natürlich von den Flüchtlingsbewegungen ab." In den Ballungszentren wie Dresden und Leipzig komme man langsam an räumliche Grenzen. "Es ist nicht auszuschließen, dass wir uns von gewohnten Qualitätsstandards vorübergehend verabschieden müssen", heißt es weiter in dem Schreiben.

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"Wir haben Tausende von arbeitslosen Lehrern. Warum sollte es nicht möglich sein, diese umzuschulen und ihnen attraktive Verträge anzubieten, damit sie Deutsch als Zweitsprache unterrichten können?", fragt DL-Chef Kraus.

Schon jetzt ist klar: Lösungen müssen her. Und zwar schnell. Sonst droht dem deutschen Bildungssystem eine mittlere Katastrophe. Ideen gibt es viele, die Frage ist nur: Wer setzt sie als erste um? Und vor allem: Wie zügig?

Eine dieser Ideen kommt von Lehrerverband-Chef Kraus. Er will Lehrkräfte ohne Beschäftigung schnellstmöglich zurück auf den Markt holen. „Wir haben Tausende von arbeitslosen Lehrern. Warum sollte es nicht möglich sein, diese umzuschulen und ihnen attraktive Verträge anzubieten, damit sie Deutsch als Zweitsprache unterrichten können? Die Länder müssten das Geld dafür lediglich über Nachtragshaushalte frei machen", sagte er der HuffPost.

Auch Ernst Dieter Rossmann, bildungspolitischer Sprecher der SPD, fordert "unkonventionelle pragmatische Lösungen". Dazu zählen für ihn die "Weiterbildung von Quereinsteigern in Sprachbildung und interkultureller Kompetenz, Anerkennung und gegebenenfalls die Nachqualifizierung von Fachkräften mit Migrationshintergrund sowie die Reaktivierung von Pensionären", sagte er der HuffPost.

Die Lösung

Klar ist: Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Wer Menschen integrieren will, wer offen sein will und wer eine gelebte Willkommenskultur will, der darf die Bildung nicht außer Acht lassen.

Das dürfte zwar erst einmal teuer werden: So rechnete der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom ifo-Institut in München zuletzt mit 1,4 Milliarden Euro zusätzlichen Ausgaben - bei gerade einmal 174.000 Schulpflichtigen. Würde man die GEW-Schätzungen (300.000 schulpflichtige Flüchtlingskinder) als Basis nehmen, käme man jährlich sogar auf 2,5 Milliarden Euro Zusatzkosten.

Doch die Investition würde sich lohnen, denn die jungen Menschen, die jetzt in das hoffnungslos überalterte Deutschland kommen, sind das Kapital von morgen. Das bestätigen alle seriösen Studien. So hat das Deutsche Institut für Wirtschaft kürzlich ausgerechnet, dass das Pro-Kopf-Einkommen der Deutschen durch gelungene Integration steigen wird.

Ein Grund mehr, Bildungspolitik wieder als das zu behandeln, was sie ist: als Schlüssel zu Integration.

Mitarbeit: Tobias Lill

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