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12/11/2015 15:17 CET | Aktualisiert 13/11/2015 06:06 CET

Sie stolpern über etwas Hartes im Boden. Und finden den Tod

Thinkstock

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Es ist still im Wald, wenn sie auf die Suche gehen. Das Moos dämpft ihre Schritte. Sie müssen sich bücken, um tiefhängenden Ästen auszuweichen. Schweigend stochern sie mit Stöcken im Unterholz, arbeiten Quadratmeter für Quadratmeter des Waldbodens ab.

„Gräber“ nennen sich diese Menschen. Es sind Freiwillige, die in Russland nach den vier Millionen toten Soldaten suchen, die im Zweiten Weltkrieg verschwanden. „Wir müssen jeden einzelnen von ihnen finden und die Erinnerung an sie wieder herstellen“, sagt ein Junge, der an der Mission teilnimmt. Vadim ist erst 13 Jahre alt, hat Jeans und Turnschuhe gegen einen Tarnanzug getauscht, wie ihn alle Gräber tragen.

Die Helden starben namenlos

Mehrere hundert Gruppen suchen in Russland nach den Verschollenen. Sie opfern dafür ihre Freizeit und finanzieren ihre Arbeit oft aus eigener Tasche.

Vier Millionen Kämpfer wurden als verschollen und totgeglaubt gemeldet. Nach Kriegsende 1945 blieb keine Zeit, nach ihnen zu suchen. Die Überlebenden hatten genug damit zu tun, das Land aus den Trümmern wieder aufzubauen.

Und so blieben die Gefallenen auf dem Schlachtfeld liegen, bis die Natur das Gebiet zurückeroberte. Sie starben namenlos, ihre Familien haben bis heute keine Gewissheit über ihr Schicksal. „Das ist ein heiliges Thema in Russland“, sagt die Filmemacherin Olga Ivshina. „Die Soldaten sind gestorben, damit alle anderen Menschen eine Chance hatten, zu leben.“

Angehörige warten noch immer auf Nachricht

Die Toten werden noch heute verehrt. „Die Menschen in Russland brauchen keine Vorbilder aus Filmen oder Büchern. Jede Familie hat ihren eigenen Helden“, sagt Ivshina.

Noch heute warten Angehörige auf eine Nachricht. Manche von ihnen schreiben jedes Jahr an die Behörden und fordern Aufklärung. „Es ist wichtig für sie, zu wissen, was damals passiert ist. Wie die Soldaten starben. Und wohin sie gehen können, um ihrer zu gedenken“, sagt Ivshina.

Die letzte Hoffnung dieser Familien sind die Gräber. Die Freiwilligen suchen zehn Stunden am Tag nach den Toten. Sie schlafen in Zelten, wärmen sich abends am Lagerfeuer. An manchen Tagen finden sie neun Soldaten, an anderen keinen einzigen. Seit 20 Jahren geht ihre Suche nun, gefunden haben sie erst 20.000 Soldaten. Das, was die Gräber tun, ist eine Archäologie des Krieges.

Eine gefährliche Mission

„Egal wie schlecht das Wetter ist, wir sind verpflichtet, in den Wald zu gehen und zu suchen“, sagt eine junge Frau, die sich der Gruppe angeschlossen hat. Sie blickt ernst. Das Graben ist für sie kein Hobby, es ist eine Lebenseinstellung. Fünf Gräber starben schon bei der Suche, weil sie Granaten oder Waffen im Boden losgingen.

An einem nebligen Tag stochern die Freiwilligen im Waldboden nahe St. Petersburg. Da durchbricht ein Schrei die Stille. „Ich habe einen Soldaten“, ruft der 13-jährige Vadim. Seine Stimme zittert vor Aufregung und Stolz. Die anderen eilen zu ihm. Aus der Erde ragt die Kleidung eines Gefallenen. Es ist nicht leicht, den Fund freizulegen, weil er mit Baumwurzeln verwachsen ist. Nach stundenlangem, behutsamen Graben aber liegt er vor ihnen: ein namenloser Held des Vaterlands. Und hier fängt die Arbeit erst an.

Soldat 875

Die Soldaten tragen oft Kapseln um den Hals, in denen ein Zettel mit ihrem Namen steckt. Doch meistens ist die Schrift nicht mehr lesbar, weil fast 70 Jahre der Verwitterung an ihr genagt haben. Also taufen die Gräber den Toten erst einmal auf den Namen „Soldat 875“.

Die Freiwilligen geben die Hoffnung nicht auf: Sie schicken den Zettel an ein Labor, das ihn mit speziellen Mikroskopen untersucht. Tatsächlich können die Wissenschaftler einen Namen rekonstruieren: Alexej Krainov.

Das Rätsel wird gelöst

Seine Tochter Klavdiya war ein kleines Mädchen, als er in den Krieg zog. Heute ist sie eine alte Frau. Sie hat ihren Vater ein Leben lang vermisst. Noch heute weint sie, wenn sie sich an ihn erinnert. Bevor er an die Front ging, sagte er zu ihr: „Schreib mir Briefe, ich werde alles verstehen. Du schreibst gut, mein kluges Mädchen.“

Klavdiya Krainov war glücklich, als die Gräber bei ihr anriefen. Jetzt endlich weiß sie, wo ihr Vater starb. Und dass er ein ehrenvolles Begräbnis bekommt. Soldat 875 ist nicht mehr namenlos. Bei seiner Beerdigung weinen seine Enkelin und sein Urenkel an seinem Sarg. Das Rätsel dieser Familie ist gelöst.

Die Gräber aber haben noch keinen Frieden, sie suchen weiter. Bis der letzte Soldat gefunden ist. Und wenn es noch Jahrzehnte dauert.

Geniale Tarnung: Versprochen: Auf diesem Bild ist eine nackte Frau zu sehen. Erkennst du, wo?