POLITIK
12/11/2015 09:09 CET | Aktualisiert 12/11/2015 09:42 CET

Wie Schäuble die Kanzlerin schwächt - und sich als ihr Nachfolger empfiehlt

Schäuble mit Kanzlerin Merkel
dpa
Schäuble mit Kanzlerin Merkel

Wolfgang Schäuble, der nächste Kanzler?

Immer mehr Menschen können sich dieses Szenario gut vorstellen.

Und dafür sorgt vor allem einer: Wolfgang Schäuble.

Der wichtigste Minister im schwarz-roten Kabinett vertritt andere Positionen als die Kanzlerin und versucht nicht einmal, Differenzen zu kaschieren. In einer für Deutschland äußerst schwierigen politischen Lage scheint Schäuble – der ewige Zweite – noch einmal einen Karrierehöhepunkt zu erleben.

Das begann am Sonntag. Da stellte sich Schäuble hinter Innenminister Thomas de Maizière, der Syrern ihre Sonderrechte unter den Flüchtlingen nehmen wollte. Das musste in dem Fernsehinterview aus Schäuble – der selbst einmal das Innenressort leitete – nicht herausgekitzelt werden. Er wollte es unbedingt loswerden.

Eine Stufe härter wurde es gestern Abend.Deutschland drohe eine Flüchtlingslawine, sagte der Finanzminister bei einer Veranstaltung in Berlin – eine offene Kritik an Merkels Politik der offenen Grenzen. „Lawinen kann man auslösen, wenn irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer an den Hang geht und ein bisschen Schnee bewegt“, sagte Schäuble.

Schäuble ist bekannt für seine ironischen Spitzen, die scharfe Kritik enthalten. Aus zwei Gründen ist sein "Lawinen"-Kommentar aber erstaunlich. Erstens, weil ein Minister solch drastische Sprachbilder wählt in einer Situation, in der Alarmismus höchstens den Rechtspopulisten in die Arme spielt. Und weil er die Kanzlerin mit "irgendeinem etwas unvorsichtigen Skifahrer“ vergleicht. Das ist schon fast unverschämt.

Grünen-Politiker Volker Beck sagt dazu der Huffington Post:

"Statt die aufgeheizte Stimmung anzufachen, sollte ein Regierungsmitglied lieber auf Sachlichkeit und ruhige Worte setzen. Dass Schäuble sich anders entschieden hat und rhetorisch mit seiner Lawinen-Metapher auch Merkel mit ins Tal hinabreißen will, könnte die Revanche für 15 Jahre Zurückliegendes sein.“

Erst die Differenzen in der Griechenland-Krise, nun der Widerspruch in der Flüchtlingskrise: Häufig ist in Berlin sogar von Putsch die Rede. Putsch ist aber für einen treuen Staatsdiener wie Schäuble kein Machtinstrument. Gleichwohl will er einen anderen Kurs als die Kanzlerin. Und könnte einspringen, wenn die Kanzlerin stürzt. Dass Schäuble Interims-Kanzler werden könnte, sagen sogar CDU-Abgeordnete in Berlin.

Mit seinen Spitzen gegen die Kanzlerin erreicht Schäuble zweierlei: Er schwächt Merkel. Und er empfiehlt sich selbst als möglicher Nachfolger.

Schäubles letzte Aussage, die Merkels Kurs uneingeschränkt stützt, fiel Anfang Oktober. Deutschland könne sich die Aufnahme der Hunderttausenden Flüchtlinge leisten, sagte er damals. Mehr lag als Bundesfinanzminister auch nicht in seiner Hand.

Danach wurde er still. Lange schwieg er in Interviews dazu, in der Fraktion hielt er sich zurück. Laut aber wurde es in der Koalition – der Zank um Transitzonen, fallende Umfragewerte, der Kurs der Kanzlerin, all das muss für Schäuble nur schwer erträglich gewesen sein.

Wie schwer, wird jetzt deutlich.

Mit Material von dpa

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