POLITIK
09/11/2015 23:08 CET | Aktualisiert 10/11/2015 05:35 CET

SCHÄUBLES STUNDE: Der Finanzminister ist der einzige, der Merkel stürzen könnte - und er weiß dies

Finanzminister Wolfgang Schäuble
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Finanzminister Wolfgang Schäuble

Die Kanzlerin verliert zunehmend den Rückhalt in ihrer Partei. Als Innenminister Thomas de Maizière auf Weisung der Kanzlerin seinen Vorschlag zurücknehmen musste, syrischen Flüchtlingen das Recht auf Familiennachzug zu verweigern, stellte sich eine breite Front aus Politikern von CDU und CSU hinter ihn: Seehofer, Klöckner, Tauber, Scheuer, Tillich - alle waren dabei. Einige sprachen schon von einem "Putsch" gegen Merkel.

Auch Finanzminister Wolfgang Schäuble stellte sich gegen die Kanzlerin. In einem Interview mit der ARD sprang er de Maizière bei. Das überraschte - den bisher hatte er in der Flüchtlingskrise keinen Ton von sich gegeben. Der Finanzminister, der bei den Verhandlungen über die Griechenland-Krise ständig auf den Titelblättern zu sehen war, schien in den letzten Monaten wie von der Bildfläche verschwunden. Als Seehofer gegen Merkel polterte, sagte er kein Wort.

Bis Sonntag. Auf einmal schlug er neue Töne an und ging auf direkte Konfrontation mit der Kanzlerin. "Wir müssen natürlich den Familiennachzug begrenzen, denn unsere Aufnahmekapazität ist ja nicht unbegrenzt." Schon zuvor hatte er von einem "Zerbrechen der Partei" gewarnt.

Diese Worte haben Sprengkraft. Denn Schäuble ist der einzige Kandidat, der eine Merkel als Bundeskanzler beerben könnte. De Maizière ist zu farblos und wurde zu oft von Merkel gedehmütigt, um Kanzler zu werden. Ursula von der Leyen war eine Zeit lang als Nachfolgerin Merkels im Gespräch - verbrannte sich aber an der G36-Affäre die Finger.

Schäuble ist der einzige glaubwürdige Kandidat weit und breit. Seine Kritik an der Kanzlerin war wie ein Test, ob sich CDU und CSU hinter ihn stellen würden - und sie taten es.

Dabei ging er geschickt vor. Während der Flüchtlingskrise stellte er sich nicht gegen Merkel - sorgte aber auch dafür, dass man ihn nicht mit Merkels Politik in Verbindung brachte. Er zeigte, dass er seine eigene Politik verfolgte - und bot diese als Alternative zu Merkels "Willkommenskultur" an.

Schäuble hat ganz klar Ambitionen auf das Kanzleramt - und das seit langer Zeit. Schon bei der Wahl 1998 wollte er als Kanzlerkandidat antreten. Doch musste dann frustriert mit ansehen, wie Helmut Kohl ein weiteres Mal kandidierte und die Wahl gegen Gerhard Schröder verlor. Zwei Jahre später trat er von seinem Posten als CDU-Chef zurück, als Kohl sich in der Spendenaffäre weigerte, die Namen der Spender offen zu legen. Merkel übernahm - und seither war Schäuble ein Mann in der zweiten Reihe.

In der Union wünschen sich viele einen Kanzler Schäuble. "Wir wollen nach Mutti jetzt mal einen Vati, nach der Willkommenskultur eine Wahrheitskultur", soll laut dem konservativen Publizisten Wolfram Weimer kürzlich ein Abgeordneter gesagt haben.

Seit Jahren ist ein Gerücht im Umlauf: Angeblich schielt Merkel auf den Posten der UN-Generalsekretärin. Unter anderem hatte der "Spiegel" bereits 2014 über solche Pläne Merkels berichtet.

Durch die Flüchtlingskrise erhielten die neue Nahrung: 2016 endet die Amtszeit von Ban Ki Moon - und Angela Merkel wäre eine perfekte Nachfolgerin.Tatsächlich wäre das eine elegante Lösung für die Krise der Union: Merkel zieht nach New York und geht aus dieser Krise ohne Gesichtsverlust hervor. Und Schäuble wäre ein Kanzler, der die breite Unterstützung der Union hätte und verlorene Stimmen von der AfD zurückholen würde.

Nur eines stellt seine Kanzlerschaft in Frage: sein Alter. Als er gefragt wurde, ob er in seinem Alter zu einer Kanzlerschaft in der Lage wäre, antwortete Schäuble: "Adenauer war bei Amtsantritt 73 Jahre alt."

So wie er selbst jetzt.

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