POLITIK
09/11/2015 07:20 CET | Aktualisiert 09/11/2015 08:26 CET

Wir brauchen mehr Krawall! Wie die Schule Jungen systematisch benachteiligt

Maskot via Getty Images
Brauchen wir mehr Krawall in den Schulen?

Jungen fallen mit ihren schulischen Leistungen immer weiter gegenüber den Mädchen zurück. Das zeigen Studien. Unter den leistungsschwächsten Schülern sind sechs von zehn männlich.

Es gibt verschiedene Theorien, warum das so ist. Eine vertritt die Autorin Birgit Gegier Steiner. Sie hat ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Artgerechte Haltung. Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung". Die These: Schule ist nichts fürs Jungs. Weil sie nicht für Jungs gemacht ist.

Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hat ein Interview mit der Pädagogin geführt. Sie sagt darin: "Die Schüler sitzen fast nur über ihren Arbeitsblättern. Sie sollen über sich selbst reflektieren und herausfinden: Wie werde ich besser?" Aber Jungs wollten durch Berühren lernen, durch Technik und Handeln. Sie erkundeten ihre Umwelt mit allen Sinnen. "Das unterbinden wir in der Schule."

Es muss mehr getobt werden

Es brauche mehr Experimente, sagt Steiner. Mehr Bewegung. Wenn Jungs sich mehr bewegen dürften, meint die Pädagogin, hätten wir auch weniger ADHS-Diagnosen.

Bewegung schön und gut, könnte man jetzt sagen, aber dabei lernen Schüler ja nichts. Das stimmt. Aber, sagt Steiner: "Physische Aktivität ist eng mit dem Lernerfolg verknüpft." Gerade bei Jungs. Das habe biologische Gründe. Auch Mädchen hätten zwar Testosteron in sich – aber auf sehr unterschiedlichem Niveau.

Still sitzen ist also nichts für echte Kerle, so die Theorie. Es müsse mehr getobt werden. Klingt merkwürdig. Meint aber nicht nur, dass Jungs mehr durch die Gegend springen müssten. Sondern, dass die Auseinandersetzung mit Naturwissenschaften, das Experimentieren und Ausprobieren in Bildungsplänen zu kurz komme. "Die Pläne sind sehr schreib- und sprachlastig geworden, alles läuft über Literatur und Textverständnis. Das ist zum Schaden der Jungs."

Das bedeutet nicht, dass Jungs unbegrenzten Freiraum haben müssen. Sie bräuchten schon jemanden, der ihnen Grenzen aufzeige, sagt Steiner. Sie bräuchten bei aller Bewegung auch Struktur. Sie verlangten sogar intuitiv danach, dass jemand das tue. "Wenn jemand sagt, stopp, dann stoppt der Knabe auch." Diese Aufgabe könnten, klar, am besten Männer übernehmen.

Mehr männliche Lehrer

Früher seien Männer als Lehrer präsenter gewesen, merkt Steiner an, die selbst eine Grundschule leitet. Heute dagegen seien zu viele Lehrer weiblich. Insofern sei auch die konservative Erziehung bis zum Jahr 1968 mehr im Sinne der Jungen gewesen. Mehr Autorität, mehr Struktur, mehr Disziplin. Klingt alles ziemlich rückschrittlich.

Das Problem der weiblichen Dominanz in Schulen erklärt Steiner so: Frauen hätten die Tendenz, das Gegenüber verändern zu wollen. Anderen ihre Einstellungen überzustülpen. Das schade den Jungs. Das zeige sich auch an von Frauen geschriebenen Schulbüchern, die einfach zu nett seinen. "Wir Frauen waren biologisch schon immer dafür da, die erste Erziehungsarbeit zu übernehmen", sagt Steiner. Das sei ja gut gemeint, aber eben nicht hilfreich.

So ist es übrigens auch mit den Müttern, sagt die Expertin. Die machten sich einfach zu viele Sorgen um ihre Jungs und bildeten eine Schutzhaube über sie – die am Ende aber nicht schützt, sondern schadet.

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