POLITIK
09/11/2015 17:11 CET

Liebe ostdeutsche Männer: Wovor habt Ihr eigentlich ständig so viel Angst?

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Liebe ostdeutsche Männer,

reden wir mal ganz offen: Wovor habt Ihr eigentlich so viel Angst?

Es ist ja nicht so, dass Angst etwas wäre, wofür man sich schämen müsste. Überall in Deutschland fürchten sich derzeit Menschen aus mal mehr und mal weniger nachvollziehbaren Gründen vor der Zukunft. Ihr seid nicht allein.

Bemerkenswert ist jedoch, wie sehr ihr Euch fürchtet. Und wie unfassbar jähzornig Euch die Angst macht.

In der Politik kann man das immer ganz gut an den Konjunkturkurven der Protestparteien ablesen. Laut einer Umfrage der „Bild am Sonntag“ käme die AfD in den fünf östlichen Bundesländern auf 14 Prozent. Zwar würden nur zehn Prozent der ostdeutschen Frauen die Rechtspopulisten wählen, dafür aber 18 (!) Prozent der ostdeutschen Männer.

Anders ausgedrückt: Wenn es nur nach Euch ginge, würde diese Republik direkt in eine handfeste Staatskrise hineinrutschen. Denn für die Demokraten im Bundestag würde die Luft immer dünner werden, wenn ein Fünftel der Abgeordnetensitze an eine Partei ginge, die für einen Schießbefehl an der deutschen Außengrenze ist und seit Wochen kaum kaschierte Putsch-Fantasien gegen die Bundesregierung verbreitet.

Also: Was soll das? Was macht Euch so aggressiv?

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ostdeutsche Männer in letzter Zeit vor lauter Zukunftsangst ausgeflippt sind und in ihrer Panik gleich mal das gesamte System infrage gestellt haben. In keiner anderen Region dieses Landes lassen sich erwachsene Menschen derart schnell und einfach verhetzen.

Das war schon während der Ukraine-Krise im Jahr 2014 so. Es war kein Zufall, dass die größten Demonstrationen gegen einen angeblich von der Nato geplanten Angriffskrieg im Osten stattfanden. In Berlin etwa fanden sich auf Initiative von Lars Mährholz bis zu 10.000 Menschen auf den so genannten „Friedensmahnwachen“ zusammen.

Dort wurde dann von prominenten und meist männlichen Gastrednern verbreitet, dass die Nato an der „Endlösung der Russenfrage“ arbeite und dass die CIA sämtliche größeren Medien in Deutschland kontrollieren würde. Auch die „Lügenpresse“-Rufe wurden dort zum ersten Mal laut. Selten zuvor in der bundesdeutschen Geschichte sammelten sich so viele Menschen, um ihrer fundamentalen Wut gegen die westliche Demokratie Luft zu machen.

Das ist doch kein Zufall

Und ausgerechnet der autokratisch regierende Ex-Geheimdienstler Wladimir Putin war in diesen Tagen ihr Posterboy. Auch das ist kein Zufall gewesen.

In Ostdeutschland haben laut einer Studie des renommierten Pew-Instituts 40 Prozent ein positives Bild von Putin, im Westen sind es nur 26 Prozent. Die Umfragewerte wurden 2015 erhoben, als schon längst klar war, dass Putin höchst selbst einen Angriffskrieg führt.

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Liebe ostdeutsche Männer: Vielleicht denkt Ihr ja, dass das alles bis hier hin nur wieder eine miese Medienverschwörung sei. Ich muss Euch enttäuschen.

Denn auch die Wissenschaft hat schon herausgefunden, welche zentrale Rolle ostdeutsche Männer bei den fremdenfeindlichen Protesten spielen, die Deutschland seit mehr als einem Jahr unter dem Label „Pegida“ heimsuchen.

Eine Forschergruppe der TU Dresden führte im Winter 2014 eine empirische Befragung unter den Demonstranten durch. Der typische Wutbürger ist demnach 48 Jahre alt und stammt aus Sachsen. Außerdem ist er männlich. Insgesamt waren drei Viertel aller Dresdner Pegida-Anhänger damals Männer.

Wenn man nach möglichen Gründen sucht, stolpert man über unzählige soziodemografische Daten: Der ostdeutsche Mann hat mittlerweile etwa eine um 1,25 Jahre niedrigere Lebenserwartung als der westdeutsche Mann. Er ist deutlich älter und verdient im Schnitt weniger.

Pegida entstand in Ostdeutschland

Aber warum tendieren die Männer in den ärmsten Regionen Westdeutschlands nicht dazu, regelmäßig am Rad zu drehen? Weswegen ist Pegida in Dresden entstanden, und nicht in Dortmund?

Liegt es am Ende daran, dass in einigen ostdeutschen Landstrichen bereits 125 junge Männer auf 100 junge Frauen kommen, weil die Mädchen meist bessere Schulabschlüsse machen und schnell das Weite suchen, wie manch ein Autor vermutet?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was hinter Eurem Jähzorn steckt. Warum ihr immer gleich an der ganz großen Glocke bimmelt, wenn Euch etwas nicht passt. Und warum Ihr Euch so verdammt hilflos fühlt in einem Land, das Euch eigentlich alle Möglichkeiten der Partizipation bietet. Hey, Ihr könnt sogar Protestparteien wählen!

Ich ahne jedoch, dass uns alle Euer Trotz irgendwann einmal teuer zu stehen kommen wird. An Eurer Stelle fände ich den Gedanken gruselig: Dass all meine Ängste durch mein eigenes Verhalten erst wahr werden könnten. Dass sich viele von uns durch herbeigeschwitzte Notstands- und Untergangsszenarien in Gedanken hineinsteigern, die schon ohne die darauf folgende Tat justiziabel wären und den Zusammenhalt unseres Gemeinwesens gefährden.

Deswegen sollten wir tatsächlich anfangen, offen miteinander zu reden. Sonst finden wir uns bald in einem ganz anderen Land wieder.

Glaubt mir: Das wollt Ihr nicht erleben. Dafür seid Ihr nämlich viel zu empfindsam.

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