POLITIK
10/11/2015 00:08 CET | Aktualisiert 21/05/2016 14:34 CEST

"Hart aber fair": "Nicht verfolgte Straftaten senden ein falsches Signal"

Polizistin Tania Kambouri bei "Hart aber fair"
WDR
Polizistin Tania Kambouri bei "Hart aber fair"

Man muss gar nicht erwähnen, um welches Thema es bei "Hart aber fair" gestern ging: die Flüchtlingskrise natürlich. Doch diese Sendung war anders als all die anderen zum Ansturm der Migranten.

Keine Politiker, keine Uni-Professoren, keine Soziologen. Stattdessen: ausschließlich unbekannte Namen. Frank Plasberg hatte nur Menschen eingeladen, die an der Flüchtlingskrise ganz nah dran sind: Entweder als Helfer oder als Beobachter.

Da war zum Beispiel Heike Jüngling, die Sozialdezernentin der Stadt Königswinter. Sie konnte berichten, dass der Einsatz der Helfer keineswegs so "unermüdlich" ist, wie das gerne dargestellt wird. Bei ihr hätten ehrenamtliche Helfer bereits mit der Begründung "Es geht nicht mehr" hingeschmissen.

Ihre Forderung an die Politik: Computer. "Wir arbeiten zwar mit Computern, aber die Systeme sind nicht vernetzt", beklagt sie sich. Das würde Zeit beim Bearbeiten von Anträgen kosten.

"Der Staat kann und soll es nicht alleine hinkriegen"

Sie hat eine klare Meinung zur Beschränkung des Familiennachzugs, die gerade von Innenminister Thomas de Maizière ins Gespräch gebracht wurde: "Es ist ja nicht die ganze Familie, die nachgeholt wird. Es ist der Ehepartner, es sind die Kinder!"

Holger Michel wollte nur ein paar Kleider in einem Flüchtlingsheim abliefern - und blieb als Helfer. Zusammen mit anderen Ehrenamtlichen regelt er ein Heim mit 800 Menschen in Berlin. Michel sagt: "Der Staat kann und soll es nicht alleine hinkriegen."

Auch er wendet sich gegen de Maizières Vorschlag: "Wenn wir den Familiennachzug nicht zulassen, werden noch mehr Menschen im Mittelmeer ersaufen."

"Dann hören sie das Wimmern von 1500 Menschen"

Als Lothar Venus sprach, wurde es still in der Runde. Der zweite Bürgermeister der Grenzgemeinde Wegscheid in Bayern schilderte, wie sein Ort mit der großen Zahl Flüchtlingen fertig wurde, die über die Grenze aus Österreich kam.

Die Österreicher hätten ihm die Leute "auf die Wiese gekippt". Er berichtete von Menschen, die auf feuchten Wiesen übernachteten. "Dann hören sie unter 1500 Menschen das Wimmern, das Klagen, das Schreien kleiner Kinder". Das habe ihn "bis in die Nacht" verfolgt.

"Wir schreiben Anzeigen für den Papierkorb"

Tania Kambouri war offensichtlich eingeladen worden, um die Diskussion zu beleben. Die Polizeioberkommissarin hat das Buch "Deutschland im Blaulicht. Notruf einer Polizistin" geschrieben. Darin berichtete sie über Problem mit jungen muslimischen Männern bei ihren Einsätzen in Bochum.

Ein großes Problem sei es, wenn Kriminelle nicht registriert würden. Sie schreibe Anzeigen "für den Papierkorb". Und davon würden die Täter nur angespornt: "Die sehen, okay, in diesem Land passiert nix, ich mach einfach weiter." Sie schließt: "Nicht verfolgte Straftaten senden ein falsches Signal."

Kambouri fordert, mit der Integration sofort zu beginnen. Wenn wir die Flüchtlinge nicht von Anfang an integrieren, würden Parallelgesellschaften drohen: "Und das will ich nicht", sagt sie

Zum Schluss entsteht ein Forderungsbrief der Praktiker mit Bitten an die Bundeskanzlerin - sie reichen von "einen Plan haben" über "mit dem Streit in der Groko aufhören" bis hin zu "Computer kaufen“.

Eine erfrischend andere Sendung - da es einmal nicht um Taktik und Parteipolitik ging.

Kriege, Schleuser, Grenzen: So verstehen Sie die Flüchtlingskrise in weniger als fünf Minuten

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