POLITIK
05/11/2015 23:40 CET | Aktualisiert 06/11/2015 09:42 CET

Warum Putin die Wahrheit über den Metrojet-Absturz vertuscht

Warum stürzte der Metrojet-Airbus über dem Sinai ab? Nach Ansicht amerikanischer und britischer Geheimdienste ist es am wahrscheinlichsten, dass eine Bombe der Terrormiliz Islamischer Staat die 224 Menschen an Bord tötete.

Doch der russische Präsident Wladimir Putin will das nicht wahrhaben. Die USA prüfen nach Worten von Präsident Barack Obama sehr genau, ob eine Bombe den russischen Ferienflieger auf dem Sinai zum Absturz gebracht hat. Es gebe die Möglichkeit, dass eine Bombe an Bord war, sagte Obama dem Radiosender CBS. "Wir nehmen das sehr ernst."

Der Ansicht ist auch der britische Premier David Cameron. Er sagte, es sei wahrscheinlicher, dass das Flugzeug am Samstag Ziel eines Bombenanschlags war, als dass das Unglück mit 224 Toten eine andere Ursache hatte. Als Konsequenz habe er den britischen Flugverkehr auf den Sinai eingestellt.

Russland und Ägypten reagierten empört. Sie warfen ihm vor, voreilige Spekulationen in die Welt zu setzen. Putin griff zum Telefon. Der russische Präsident sagte Cameron, er solle das Ergebnis der Ermittlungen zum Absturz abwarten. Putins Sprecher Dmitri Peskow betonte: "Man kann keine einzelne Theorie ausschließen, aber zu diesem Zeitpunkt gibt es keinen Grund, eine einzelne Theorie als belastbar zu präsentieren."

Tatsächliche deutet sehr viel auf einen Bombenanschlag hin.

  • Kurz nach dem Absturz bekannte sich ein IS-Ableger zu einem Anschlag auf das russische Flugzeug. Am Anfang schenkte man dem aber wenig Glauben.
  • IS-Anhänger luden zwei unterschiedliche Videos im Internet hoch. Die Echtheit der Aufnahmen kann nicht überprüft werden. Doch sie scheinen glaubwürdig. Die Bilder zeigen einen zweistrahligen Jet, bei dem es plötzlich eine Explosion gibt. Die Maschine stürzt dann fast senkrecht nach unten, wobei eine Rauchfahne aus dem Heck quillt. Es scheint, als habe jemand das Flugzeug durch ein Teleobjektiv gefilmt, der wusste, was passieren würde.
  • Satelliten der USA sollen kurz vor dem Absturz eine Hitzewolke erfasst haben, die von dem Flugzeug ausging.
  • Die Körper der Passagiere aus dem hinteren Teil des Flugzeuges zeigen schwere Verbrennungen, die sie erhielten, als sie noch am Leben waren.
  • Bilder von Wrackteilen des Flugzeuges zeigen Löcher in der Außenhülle, die darauf deuten, dass Metallteile die Wand der Maschine von innen nach außen durchschlugen.
  • Die britischen Geheimdienste GCHQ und MI5 gaben an, sie hätten gespeicherte Kommunikationsdaten von Verdächtigen in Ägypten und Syrien nach dem Anschlag untersucht. Die Auswertung habe ergeben, dass es "sehr unwahrscheinlich" sei, dass der Absturz nicht durch einen Anschlag verursacht worden war.

Deshalb haben internationale Airlines ihre Flüge zum Urlaubsort Scharm el Scheich ausgesetzt. Tausende Urlauber saßen wegen der gestrichenen Flüge am Donnerstag in dem beliebten Badeort auf der Sinai-Halbinsel fest und wurden von Reiseveranstaltern kostenlos in Hotels untergebracht. In der Region hielten sich nach Informationen aus diplomatischen Kreisen bis zu 20.000 Briten auf.

Nach Angaben des Deutschen Reiseverbands (DRV) befanden sich dort auch 2000 Deutsche. Für die britischen Urlauber gab es am Donnerstagabend gute Nachrichten: London erlaubte es den Fluggesellschaften, die Landsleute am Freitag unter verschärften Sicherheitsbedingungen zurück nach Großbritannien zu holen.

Russland dagegen lässt demonstrativ weiter Flugzeuge nach Ägypten fliegen. Putin möchte zeigen: Es besteht keine Gefahr. Ich habe alles unter Kontrolle.

Die russische Bevölkerung unterstützt Putins Syrien-Politik. Allerdings nur, solange sie sich auf Luftangriffe beschränkt. Die russische Bevölkerung ist nicht bereit, sich in einen blutigen Krieg verwickeln zu lassen. Derzeit sieht alles danach aus, als würde Putins Syrien-Abenteuer zu einem Schlamassel werden: Assads Truppen kommen trotz russischer Luftunterstützung nicht voran. Es sieht so aus, als müssen bald russische Soldaten am Boden eingreifen.

Das Engagement in Syrien wird für Putin innenpolitisch zu einem Problem. Die "Moscow Times" berichtet von einer Umfrage, die das unabhängige Umfrageinstitut Levada Center veröffentlicht hat. Demnach habe sich der Anteil der Russen verdoppelt, die Putins Syrien-Politik ablehnen.

Schlechte Nachrichten für Putin. Wenn jetzt bekannt wird, dass Putins Politik zu Terroranschlägen mir zahlreichen russischen Opfern führt und der Präsident nicht in der Lage ist, seine Bevölkerung davor zu schützen, könnte die Stimmung umschlagen.

Ägypten und Russland führen die Untersuchung des Absturzes durch. Und beide Länder haben ein großes Interesse daran, einen Bombenanschlag zu vertuschen. Ein Kreml-Sprecher sagte gestern: "Wladimir Putin betonte, dass Einschätzungen über die Ursache des Unglücks auf den Daten basieren sollten, die im Verlauf der offiziellen Untersuchung verfügbar werden."

Das soll wohl heißen: Putin legt fest, was die Ursache war. Eine wirklich unabhängige Untersuchung der Katastrophe ist in Russland sicher nicht zu erwarten.

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