POLITIK
02/11/2015 12:03 CET | Aktualisiert 03/11/2015 03:10 CET

Brief an Deutschland: Heimat, Du machst mir Angst in diesem Herbst

ullstein bild via Getty Images
(GERMANY OUT) Germany Berlin Mitte - thunderstorm, Reichstag struck by lightning (Photo by Heerde/ullstein bild via Getty Images)

Liebes Deutschland,

ich sag's Dir offen: Du machst mir derzeit Angst.

Manchmal ist mir, als wäre ich in einer anderen Zeit aufgewachsen. Dabei bin ich selbst erst 34 Jahre alt. Aber das Jahr 2015 ist mir fremd. Ich hätte nie gedacht, dass eines Tages mal wieder der Hass in Deutschland so präsent sein würde wie heute.

Dass sich Millionen Deutsche kollektiv in eine morbide Endzeitstimmung hineinventilieren und am Ende vielleicht sogar in ihrem Wahn tatsächlich um Leib und Leben fürchten, weil wir derzeit einige Hunderttausend Flüchtlinge mehr aufnehmen als noch im Vorjahr.

Und dass auf deutschen Marktplätzen selbsternannte Volkstribunen auftreten, die nicht nur die Intonation ihrer in die Jahre gekommenen Vorbilder beherrschen, sondern auch deren demagogische Tricks.

Ich bin dabei, das Grundvertrauen in meine Umgebung zu verlieren. Früher war es so, dass sich die Querschläger und Durchgedrehten auf die ein oder andere Weise isolieren ließen und man ihnen gut aus dem Weg gehen konnte. Es gab einen kleinsten gemeinsamen Nenner darüber, wo die Grenzen der Demokratie verliefen. Doch diese Grenzen lösen sich gerade auf.

Früher konnte ich mich völlig unbefangen durch Berlin bewegen. Heute frage ich mich: Wo kommt diese ganze Gewalt her, dieses Misstrauen? Fängt das erst bei der nächsten AfD-Demonstration vor der CDU-Bundeszentrale am Tiergarten an, wo flammende Parolen gebrüllt und andere verächtlich gemacht werden? Oder vielleicht schon bei Kleinigkeiten des Alltags? Und wie sehen die Menschen aus, die diesen Hass verbreiten?

Das vergangene Wochenende war voll von Beispielen, wie Gewalt entsteht und woher sie kommt, liebes Deutschland. Es waren nur drei Tage mit einigen subjektiven Beobachtungen. Aber nachher soll keiner sagen können, man habe das alles nicht kommen sehen können.

Freitag

Am Freitagmorgen spülte mir meine Facebook-Timeline eine wirklich wichtige Reportage der TV-Journalistin Dunja Hayali auf den Bildschirm. Sie war bei der AfD-Kundgebung in Erfurt am vergangenen Mittwoch, wo Björn Höcke im Sportpalast-Tremolo mal wieder die Massen beschwor. Weit beeindruckender als das Gekrächze auf dem Podium waren die Interviews, die Hayali führte.

In einer Szene ist eine womöglich sehr liebe Thüringer-Klöße-Omi zu sehen, die beim Gedanken an Flüchtlinge plötzlich zum Gremlin wird. „Ich bin voller Hass“, pestet sie ins Mikrofon und zieht dabei Grimassen, als hätte der Leibhaftige von ihr Besitz ergriffen.

Eine andere Erfurter Omi versucht Hayali mit einem genauso grenzdebilen wie arhythmischen „Höcke, Höcke“-Stakkato zu stören. Vielleicht hoffte sie damit, ihrer Weltsicht etwas Geltung verschaffen zu können. Womöglich war es jedoch reine Boshaftigkeit und der Hass auf Andersdenkende.

Die Alternative für Deutschland AfD hat in Erfurt über 4.000 Asylgegner auf die Straßen gebracht. Sie protestieren gegen das empfundene "Asylchaos" und fürchten um ihre Renten. Was treibt diese Menschen an? Weil wir von dieser Seite oft den Vorwurf hören, wir würden nicht objektiv berichten, ist Dunja Hayali persönlich mit einem Kamerateam vor Ort gewesen...

Posted by ZDF morgenmagazin on Mittwoch, 28. Oktober 2015

Gegen Mittag des gleichen Tages wurde bekannt, dass die NPD dem Osteuropa-Wissenschaftler Andreas Umland mehr oder weniger offen mit dem Tod gedroht hat. Zitat von der Webseite der NPD Leipzig: „Tröstlich, dass er am „Institut für Euro-Atlantische Kooperation“ in Kiew sein Hetzer-Unwesen treibt. In diesem euro-atlantisch in Chaos und Elend getriebenen Land kommt er problemlos an ein Schießeisen, mit dem er sich die Kugel geben kann. Als System-Schreiberling tat er das bereits. Weidmannsheil! Blattschuss!“

Sind wir wirklich soweit, dass Parteien in Deutschland Morddrohungen gegen Intellektuelle ausstoßen? Dass sich NPD-Mitglieder aufführen können wie einst Angehörige der SA?

Und als ob das noch nicht genug wäre, wurde Stunden später tatsächlich ein Autor von Nazis überfallen und zusammengeschlagen: "Du bist doch der Schümann vom Tagesspiegel, Du linke Drecksau!", haben die Angreifer dem Journalisten Helmut Schümann hinterhergeschrien, bevor sie ihn von hinten zu Boden schlugen.

Irgendwann am Freitagabend fing dann auch noch ein alter Bekannter aus der Heimat dann an, Marschmusik auf seinem Profil zu posten und Duchhalteparolen für sein „geliebtes Vaterland“. Offenbar war auch er mittlerweile dem Wahnsinnsglauben verfallen, dass bald schon die staatliche Ordnung zusammenbricht. Hatte er zu viel getrunken? Oder war er tatsächlich patriotisch-depressiv geworden?

Ich wünschte, ich hätte mich mit ihm darüber unterhalten können. Aber mir wäre kein gutes Wort eingefallen, mit dem ich das Gespräch hätte beginnen können.

Samstag

Am Samstag dann hielt der nordrhein-westfälische AfD-Vorsitzende Markus Pretzell eine denkwürdige Rede in Leverkusen. Darin forderte er, Flüchtlinge notfalls mit Hilfe von Schusswaffen aufzuhalten. Was nichts anderes wäre als eine Wiedereinführung des DDR-Schießbefehls.

Liebes Deutschland: Was glaubst Du? Wie stellt sich Herr Pretzell das praktisch vor? Will er Sandsackstellungen an der österreichischen Grenze errichten lassen, von denen aus Grenzsoldaten mit dem Maschinengewehr wie einst in Verdun ganze Menschenreihen niedermähen?

Und würde er dafür vielleicht sogar noch von einem Teil der Deutschen Applaus bekommen?

Ganz sicher von jenen 30 Nazis, die am Samstagabend in Magdeburg mit Baseballschlägern Jagd auf sechs syrische Flüchtlinge gemacht haben. Drei der Syrer mussten im Krankenhaus behandelt werden.

Oder von dem durchgeknallten Irren, der im niedersächsischen Sehnde zur gleichen Zeit ein bereits von Flüchtlingen bewohntes Fachwerkhaus angezündet hat. Ein rechter Mordanschlag mitten in Deutschland. Zum Glück wurde der Täter gefasst.

Sonntag

Am Sonntag dann die große Stunde von CSU-Chef Horst Seehofer, der es geschafft hat, Angela Merkel seine „Transitzonen“ unterzujubeln. Und abends bei Günther Jauch schwärmte dann Edmund Stoiber davon, dass dadurch bald kein einziger Flüchtling mehr nach Deutschland käme. Weil sie ja alle aus sicheren Drittländern nach Deutschland kämen. Ällabätsch.

Und während in Passau wieder einmal kleine Kinder in Pappkartons schlafen mussten, erhoben Münchner Flüchtlingshelfer schwere Vorwürfe: In der Landeshauptstadt stehen nämlich Erstaufnahmeeinrichtungen leer. Die Freiwilligen werfen die Frage auf, ob Horst Seehofer womöglich den großen Notstand in Passau bewusst herbei geführt habe, um sein Gerede vom „Kollaps der Systeme“ rechtfertigen zu können.

Liebes Deutschland, das war das Ende der alten Woche. Und heute marschiert wieder Pegida in Dresden.

Weißt Du was mir am meisten Angst macht? Dass ich den Glauben daran verloren habe, dass der Spuk bald vorbei ist. Im Gegenteil: Ich glaube, es fängt gerade erst an, richtig hässlich zu werden.

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