POLITIK
01/11/2015 22:07 CET | Aktualisiert 02/11/2015 07:56 CET

Er quält sich nur noch: Nehmt Günther Jauch endlich seine Sendung ab. Jetzt!

Günther Jauch geht bald in den Ruhestand
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Günther Jauch geht bald in den Ruhestand

Eigentlich könnte man ja Mitleid mit Günther Jauch haben. Bald wird er sich in den Talk-Ruhestand verabschieden. Inzwischen gehört Jauch-Bashing zum Sonntagabend wie Tatortschauen.

Aber wenn man sieht, wie lustlos er seine Sendung herunterleiert, verfliegt das Mitleid. Dann packt einen die Wut.

Nehmt ihm endlich seine Show ab. Jetzt. Es ist einfach zu bitter, dabei zuzusehen, wie sich dieser verdienstvolle Moderator selbst dekonstruiert.

Jauch lebt den Traum eines jeden Journalisten - und merkt es nicht mehr

Man muss sich das nur vorstellen: Jauch könnte jede Woche vor einem Millionenpublikum das tun, wovon jeder junge Journalist einmal träumt – Aufklärung leisten, seine Zuschauer mit Informationen versorgen und mit klugen Fragen jene Halbwahrheiten zu entlarven, die jeden Tag von deutschen Politikern verbreitet werden.

Er moderiert Deutschlands bekannteste politische Talkshow. Und am Ende hat man das Gefühl, dass er sich selbst dabei in die Pfanne haut. Als ob er jeden Sonntag eine subtile Form der Satire über den Äther jagen würde, mit dem Ziel, dem ganzen Land zu zeigen, wie sinnlos sein eigenes Format ist, wenn der Moderator höchstselbst erst einmal keinen Bock mehr auf Aufklärung, Information und klugen Fragen hat.

Und so ganz nebenbei fragt man sich, ob auch seine Redaktion mittlerweile die Arbeit eingestellt hat. So wie diesen Sonntag.

Wo war am Sonntag denn der SPD-Vertreter im Studio?

Deutschland erlebt eine der folgenreichsten politischen Krisen der vergangenen Jahrzehnte. Horst Seehofer droht damit, die Koalition platzen zu lassen und erpresst seine politischen Partner von CDU und SPD.

Schließlich kann er durchsetzen, dass nun auch die Christdemokraten für so genannte Transitzonen eintreten. Die Zustimmung der SPD zu diesem Konzept ist jedoch in dieser Form äußerst unwahrscheinlich.

Abschiebung nach Afghanistan: Halten Sie dieses Land wirklich für sicher, Herr de Maizière?

Der Streit ist keineswegs gelöst. Er hat sich nur verlagert. Alles kommt auf die Reaktion der SPD an.

Und dann bringt es Günther Jauch fertig, sich zwei Unionspolitiker und einen ehemaligen Wahlkampfmanager der Union ins Studio einzuladen. Eine CDU-CSU-Selbsthilfegruppe, die dem Publikum vieles erzählen kann – nur nicht, wie die Debatte jetzt bei den Sozialdemokraten weitergeht.

Was für eine Debattenverfehlung. Was für eine vergebene Chance. Was für ein Versagen an der politischen Realität.

Jauchs Fragen? Eine nicht enden wollende Themenverfehlung

Da nutzte es auch nichts mehr, dass SPD-Vize Ralf Stegner noch per Video zugeschaltet wurde. Er kam gegen das aufgekratzte Gezeter im Studio kaum an. Und hat Jauch ihm wirklich dafür gedankt, dass Stegner sich so „kurzfristig“ noch zur Verfügung gestellt hat? War das am Ende sogar das Eingeständnis dafür, dass die Redaktion eine ganze Woche lang komplett verpennt hat?

Aber es war nicht nur die Zusammensetzung der Runde. Sondern auch der Fokus noch Jauchs Fragen. Im Ernst: Hat sich der Moderator eigentlich vorher einmal Gedanken darüber gemacht, was da in seiner Sendung eigentlich besprochen werden soll?

Seine Moderation ließ eher darauf schließen, dass es ihm wieder um den Kleinkram geht, den Leser und Zuschauer schon seit Jahren am Berliner Politik-Journalismus kritisieren. Wer hat gewonnen? Wer darf strahlen und wer nicht? Übersetzt auf die Kindergeburtstagsdenke dieser Sendung: Wer bekommt das Kuchenstück mit den meisten Smarties?

Warum musste Michael Spreng die wichtigste Frage des Abends stellen?

Warum in Gottes Namen musste der eingeladene Ex-Journalist Michael Spreng dann die beste und sinnvollste Frage stellen: Nämlich, ob die Einführung von Transitzonen zur Folge hat, dass nun alle Flüchtlinge, die aus sicheren Drittstaaten kommen (also: alle), wieder zurück nach Österreich geschickt werden?

Hat Jauch nicht gemerkt, wie absurd das Konzept der so genannten „Transitzonen“ ist? CDU-Vize Julia Klöckner verglich diese Zonen mit den Einreise-Terminals an Flughäfen. Als ob alle Flüchtlinge wie am Franz-Josef-Strauß-Flughafen Schlange stehen würden, um ihrer möglichen Abschiebung entgegen zu sehen.

Als ob diese Menschen sich nach Wochen der lebensgefährlichen Flucht von solchen bürokratischen Kopfgeburten noch abschrecken ließen. Als ob das Problem gelöst wäre, wenn man diese Menschen wieder zurück auf die Balkanroute schiebt. Als ob man tatsächlich in dieser Form Politik auf dem Rücken von Hunderttausenden notleidenden Menschen machen könnte.

Und dann dankt der Landrat von Passau noch dem Herrn Ministerpräsidenten

Jauch hakte erst nach, als Spreng zum wiederholten Male die Frage nach den Folgen der Entscheidung in den Raum stellte.

Schließlich durfte noch der ebenfalls zugeschaltete CSU-Landrat von Passau seinem Herrn Ministerpräsidenten in München, dem Parteifreund Horst Seehofer, für dessen heldenhaftes Engagement danken.

Da hatte man aber schon längst einen bösen Verdacht: Günther Jauch moderiert schon lange nicht mehr „Günther Jauch“, sondern eine Sonderausgabe des „Quatsch-Comedy-Clubs“ mit echten Politikern und unechten Journalisten.

Aber das ist sicher nur eine üble Unterstellung. Oder?

FOCUS Online vor Ort in Passau: Psychische Belastung und Österreich-Tricks: Polizist redet Klartext zu Flüchtlingskrise

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