POLITIK
31/10/2015 14:41 CET | Aktualisiert 31/10/2015 17:15 CET

Wenn Angela Merkel stürzt, wird wohl Wolfang Schäuble Kanzler

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Kanzlerin Merkel

Was wäre eigentlich, wenn Angela Merkel plötzlich nicht mehr da wäre? Klar, eine unvorstellbare Möglichkeit für das Schicksal der seit zehn Jahren regierenden Bundeskanzlerin und leidenschaftlichen Machtfrau. Unvorstellbar heißt aber nicht unmöglich - vor allem nicht in der Bundespolitik und vor allem nicht, wenn die Kanzlerin wegen der chaotisch verlaufenden Flüchtlingskrise unter Beschuss steht.

Was also wäre, wenn die Kanzlerin gestürzt würde, weil ihr Fehler in der Asylkrise angelastet werden? Wer würde ihr nachfolgen? Es wäre nicht Vizekanzler Sigmar Gabriel, denn der Kanzlerposten in der Großen Koalition gehört der Union. Neuer Bundeskanzler wäre nahezu zwingend Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Das prognostiziert zumindest die "Zeit" und belegt die Annahme mit einigen schlüssigen Argumenten.

Demnach hat sich Schäuble mit subtilen Signalen in Stellung gebracht, während andere - vor allem der in Asylfragen schrille CSU-Chef Horst Seehofer - ganz offiziell an Merkels Stuhl sägen. Diese sechs Gründe sprechen dafür, dass der 73-Jährige im Fall von Merkels Sturz ihr Nachfolger würde:

1. Von Schäuble ist keine Unterstützung zu hören

Ein loyaler Anhänger der Kanzlerin - als solcher hat sich Schäuble immer gegeben - würde keine Gelegenheit auslassen, Merkel in dieser für sie rauen Zeit zu unterstützen. Sie kann es gebrauchen. Doch Schäuble hat kein Interview gegeben, in dem er die Flüchtlingspolitik lobte, kein Statement abgegeben.

In den Dingen, die Schäuble nicht sagte, liege "eine erste, vorläufige Antwort auf die aktuell wichtigste machtpolitische Frage der Republik", heißt es in der Analyse. Indem er sich nicht zu eng an die Kanzlerin bindet, hält der Minister einen "Sicherheitsabstand" ein, der ihn im Falle eines Sturzes der Chefin nicht mit in den Abgrund reißen würde.

2. Passendere Kandidaten gibt es nicht

Rein theoretisch gibt es im Kabinett reichlich Kandidaten, die Merkels Nachfolge antreten könnten. Wie gesagt: theoretisch. Denn bei näherer Betrachtung scheinen sie als Ersatzkanzler ungeeignet: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sei in der Flüchtlingsfrage noch liberaler als die Kanzlerin. Kanzleramtschef Peter Altmaier müsste in Merkels Schlepptau das Kanzleramt verlassen. Innenminister Thomas de Maizière hat in Sachen Flüchtlingspolitik bereits versagt und empfiehlt sich daher nicht.

Nicht zu vergessen Horst Seehofer: Merkel mit hetzerischer Rhetorik wegmobben und selbst auf den Platz springen - das wird wohl nicht funktionieren. Der CSU-Chef gälte als "Königinnenmörder". Und eine Neuwahl würde in der Koalition niemandem etwas bringen. Es muss also Ersatz aus der Ministerriege her: Schäuble also.

merkel

Merkel und Schäuble

3. Schäuble redet nicht über die Nachfolge - weil jedes Wort eins zuviel wäre

Der Finanzminister selbst ist seit Ewigkeiten in der Politik. Er weiß, wie das Spiel funktioniert. Jetzt schon Ambitionen auf den Kanzlerposten bekanntgeben wie kürzlich Vizekanzler Sigmar Gabriel? Geht gar nicht. Er säße wie Seehofer in der "Königsmörderfalle".

Neulich allerdings, gefragt, ob er in seinem Alter zu einer Kanzlerschaft in der Lage wäre, antwortete Schäuble: "Adenauer war bei Amtsantritt 73 Jahre alt." So wie er jetzt. Niemand konnte zu dem Zeitpunkt behaupten, Schäuble habe damit Ambitionen auf den Chefsessel angemeldet. Rückblickend betrachtet, vielleicht in kurzer Zeit schon, könnte man ihm den Satz ganz anders auslegen.

Doch jetzt schon Klartext zu reden und die Kanzlerin anzugreifen – dafür ist Schäuble zu klug.

4. Er positioniert sich in der Flüchtlingskrise anders als die Kanzlerin

Schäubles Position in der Asylfrage weicht von jener der Kanzlerin ab - auf den ersten Blick nicht allzu sehr, tatsächlich aber präsentiert der Minister eine durchaus konservative Haltung.

Und die geht so: Bis Weihnachten, fordert er, müsse die Flüchtlingssituation unter Kontrolle sein, die Zahl der Ankünfte sinken. Merkel hingegen spricht von Ostern. Ihre vergleichsweise lockere Haltung kollidiert mit Schäubles "Jetzt aber!". Der dürfte damit genau richtig positioniert sein, die Geschäfte zu übernehmen.

5. Er kritisiert die Lage der Union

Zudem legt Schäuble den Finger in die Wunde, die Seehofer mit seinen Asylsprüchen gerissen hat: Die Lage an der Basis der Union sei "dramatisch" schlecht, warnte er seine Partei. Ging es um Parteipolitik, stellte sich Schäuble zuletzt noch deutlicher auf als in der Flüchtlingsfrage.

"Das darf man illoyal nennen", heißt es im "Zeit"-Text. Schließlich will die Kanzlerin lieber über Sachthemen reden - der Minister jedoch lenkt den Blick hartnäckig in eine andere Richtung.

6. Schäuble hat noch eine Rechnung mit Merkel offen

Dem gern kalt lächelnden Schäuble wäre eine späte Rache mit Sicherheit ein Vergnügen. Und eine Rache wäre es zweifellos, beerbte er Merkel um den Posten des Bundeskanzlers. Denn genau diese Frau war es, die ihn einst nassforsch um den Posten des Parteichefs brachte.

Dann, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, nahm sie ihm, dem Finanzminister, das Heft aus der Hand und wurde Europas Chefmanagerin. Obendrein steht Merkel sogar noch in einer Art Tradition: Ihr Förderer Helmut Kohl hatte Schäuble einst um die Kanzlerschaft gebracht.

Der versierte Mann, der sicherlich das Zeug zum Kanzler hat, musste zurückstecken. Notorisch. Das kann er nicht vergessen haben. Seine Chance könnte ihm jetzt bevorstehen.

Offenbart Schäuble hier die größte politische Lüge der Nachkriegszeit?

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