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30/10/2015 15:22 CET | Aktualisiert 06/11/2015 06:55 CET

Ich habe ein Jahr nicht in Deutschland gelebt - jetzt ist alles anders

Es war auf der Rückreise, als ich meine wichtigste Lektion lernte. Das Flugzeug stand auf dem Rollfeld. Noch war ich 9.500 Kilometer von Deutschland entfernt, aber in Gedanken war ich schon da.

Auf meinem Schoß lag die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“. Doch ich las sie nicht. Stattdessen schaute ich auf die grünen Berge, den Regenwald, der die Hauptstadt umgibt. In dem weitläufigen Tal hatte ich über ein Jahr gelebt. Zwei Auslandssemester an der Universidad de Costa Rica.

Um mich herum lauter Touristen, die ein paar Wochen an den traumhaften Stränden des Landes gelegen sind. Der deutsche Kapitän meldete sich. Seine Stimme klang genervt. „Der Abflug verzögert sich um 20 Minuten.“ Er versuchte zu erklären, warum. Das Computersystem der costa-ricanischen Migrationsbehörde am Flughafen sei abgestürzt.

Die Mitarbeiter müssten nun alle Namen auf der Passagierliste einzeln als „ausgereist“ verbuchen. Oder so ähnlich. „Die Costa-Ricaner müssen noch – ach, keine Ahnung, was die da eigentlich machen“, sagte er übers Mikrofon. „Auf jeden Fall dauert es noch 20 Minuten.“

Alles eine Frage der Perspektive

katharina scholz costa rica

Dass er so genervt ist, kann ich nicht verstehen. Was sind schon 20 Minuten auf einem 15-stündigen Flug? Eine kleine Verspätung heißt doch nichts Schlimmes. Es bedeutet, dass wir noch ein bisschen länger die grünen Berge anschauen können. Ein letztes Mal noch, um uns von Costa Rica zu verabschieden.

Genau in diesem Moment wurde mir das erste Mal bewusst, dass ich costa-ricanisch gedacht hatte. In dem kleinen, schmalen Land kommt kein Bus pünktlich.

Trotzdem würde nie jemand auf die Idee kommen, sich aufzuregen. Die Menschen sind froh, dass der Bus überhaupt kommt. Dass sie gesund ein- und wieder aussteigen. Dass sie, während der Fahrt oder während sie an der Haltestelle warten, mit anderen Menschen ins Gespräch kommen können.

Erst seit ich wieder in Deutschland bin, spüre ich, wie anders hier alles ist. Hier beschimpfen die Menschen einander. Es gibt täglich neue Schreckensmeldungen. Flüchtlingsgegner und Asylbefürworter dreschen aufeinander ein. Überall sind Wut und Frust.

Costa Rica ist ein Land, in dem es auch viele Probleme gibt. Ungleichheit, Korruption, kaum Infrastruktur. Und trotzdem ist es laut einer großen internationalen Studie das glücklichste Land der Welt. Warum?

Vielleicht, weil es beim Glücklichsein darum geht, in jedem Problem das Gute zu sehen. Alles ist nur eine Frage der Perspektive. Wer das Problem von der richtigen Seite aus betrachtet, sieht es bald nicht mehr als Problem: Das Wetter ist nicht schlecht. Der Regen sorgt für eine willkommene Abkühlung und macht das Land grün. Die Arbeit ist nicht stressig. Sie ernährt mich und meine Familie. Vielleicht würde das auch uns Deutschen gut tun. Gerade in einer so schwierigen Zeit.

Aufhören zu meckern

katharina scholz costa rica

In der spanischen Zeitung „El País“ habe ich von einem costa-ricanischen Schriftsteller gelesen, der einen ganz bestimmte Grund dafür sieht, dass sein Land als das Glücklichste der Welt gilt.

Denn wer einen Costa Ricaner fragt, wie es ihm geht, der wird niemals die Antwort bekommen: „Schlecht.“

Die Bewohner des kleinen Landes meckern nicht.

Niemand würde sagen: „Die Suppe schmeckt nicht.“ Stattdessen heißt es: „Die Suppe ist sehr gut. Schade nur, dass sie kalt ist.“

Der Schriftsteller, den die Zeitung hier zitiert, glaubt nicht, dass die Costa Ricaner wirklich glücklich sind. Er glaubt, dass sie es einfach nur behaupten.

Ich dagegen denke, dass es genau anders herum ist. Das, was wir sagen, beeinflusst, was wir glauben. Wenn wir positiv über uns selbst und unsere Umgebung sprechen, dann steigt unsere Stimmung. Ähnlich eines positiven Mantras, dass wir ständig wiederholen. Aber Glück bedeutet für die Menschen aus Costa Rica nicht nur, alles positiv zu sehen. Es bedeutet auch, Trauer zuzulassen.

Ruhig auch ein paar Tränen vergießen

costa rica

Einmal beobachtete ich eine Szene bei einer Hochzeit, die mich nachdenklich machte. Eine junge Costa Ricanerin war zur Trauung ihrer Cousine eingeladen. In der Kirche weinte sie ununterbrochen. Nicht vor Rührung, sondern laut und verzweifelt.

Ihre Mutter hielt sie in den Armen und streichelte ihr über den Kopf. Beim anschließenden Empfang umarmten und trösteten sie viele der anderen Gäste. Ich beobachtete die Szenen und fragte nach. Ihr Freund hatte sie gerade verlassen.

Würde sie in Deutschland leben, hätte sie vielleicht nach einer Ausrede gesucht, um nicht zur Hochzeit gehen zu müssen. Und wäre sie doch gegangen, dann hätte sie sich mit aller Gewalt zusammen gerissen. Höchstens heimlich auf der Toilette geweint.

Nicht nur auf der Hochzeit, auch später habe ich in Costa Rica Menschen weinen sehen. Im Bus, auf der Straße, auf dem Campus.

Auch wenn eine Studie sie als die glücklichsten Menschen der Welt einstuft, ist natürlich nicht jeder dort die ganze Zeit glücklich. Und wenn er es nicht ist, dann darf es zeigen, mit anderen teilen und sich trösten lassen.

Eine besondere Verbindung zur Natur

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Nicht nur das Verhältnis der Menschen zueinander ist in Costa Rica besonders. Auch ihre Beziehung zur Natur hat mich beeindruck. Was das Umweltbewusstsein angeht, ist das kleine Land in Mittelamerika vorbildlich. 99 Prozent der Energie, die das Land produziert, gewinnen die Menschen aus Wind, Sonne und Wasser.

Das Parlament hat Gesetze erlassen, die den Regenwald schützen und die Ausbeutung der Bodenschätze begrenzt. Gleichzeitig boomt der grüne Tourismus.

Im täglichen Leben ist dieses Bewusstsein bei den Costa Ricanern tief verwurzelt. Einmal war ich mit Freunden am Meer. Einer von ihnen hat immer wieder angespülten Müll vom Strand aufgesammelt und in den nächsten Abfalleimer geworfen.

Irgendwann habe ich angefangen, ihm zu helfen und den Effekt sofort gespürt. Sich um die Umwelt zu kümmern, macht wirklich glücklich. Ein Spaziergang in intakter Natur auch.

Das Leben nicht vergessen

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Costa Ricaner sind nicht faul. Schule, Studium, Arbeit: das alles ist wichtig. Mindestens genauso wichtig aber sind Freunde, Familie und das Leben.

Bei den meisten Costa Ricanern stimmt die Work-Life-Balance. Die Türen der Häuser stehen offen, Nachbarn kommen und gehen. Großfamilien haben manchmal einen Jour Fixe für ein gemeinsames Abendessen. Freundschaften werden gepflegt.

An einem Freitagnachmittag in der Regenzeit stand ich unter einem Vordach der Uni. Ich wartete darauf, dass der Schauer ein wenig nachlässt. Einem Mitarbeiter des Studiengangs ging es genauso. „Was hast du am Wochenende vor?“, fragte er.

Ich seufzte und antwortete: „Ich muss lernen.“ Darauf sagte er etwas, dass ich nie vergessen werde. „Du musst auch leben.“

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Mehr Dinge, die glücklich machen, gibt es hier.

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